Jenische

Aargau gilt bei Fahrenden als Musterknabe – dank sechs offiziellen Plätzen

In den letzten zehn Jahren hat der Aargau sechs Halteplätze für Fahrende geschaffen. Weitere sind geplant. Es gibt Gründe, wieso der Kanton bei Schweizer Fahrenden in einem guten Licht steht: er trägt das finanzielle Risiko der Gemeinden.

Vor zehn Jahren gab es im Aargau keinen einzigen offiziellen Halteplatz für Fahrende. Seither hat sich der Kanton zum Vorreiter entwickelt, wenn es um die Infrastruktur für die Jenischen in der Schweiz geht.

Mit vier Durchgangs- und zwei Standplätzen (siehe Tabelle unten) ist die Situation im Aargau deutlich besser als in Bern, wo Fahrende wegen fehlender Plätze demonstrieren.

Doch was machen die Behörden hier besser als anderswo? Jörg Hartmann, Leiter der 2007 gegründe-
ten kantonalen Fachstelle Fahrende, zählt drei Punkte auf.

«Erstens sind alle Plätze im Aargau den Schweizer Fahrenden vorbehalten – mit Ausnahme von Kaiseraugst, wo auch Ausländer ihre Wagen abstellen dürfen», sagt Hartmann.

Der Fachstellen- Leiter, der sich seit 20 Jahren als Raumplaner mit den Bedürfnissen der Fahrenden auseinandersetzt, hält fest: «Die Akzeptanz von Schweizer Fahrenden bei der Bevölkerung ist viel besser, gegenüber ausländischen gibt es grosse Vorbehalte.»

Jörg Hartmann räumt ein, dass die Nutzungsbeschränkung auf einheimische Fahrende juristisch umstritten sei – «doch bisher sind wir im Aargau sehr gut gefahren mit dieser Regelung».

Kanton trägt finanzielles Risiko

Der zweite wichtige Punkt ist die finanzielle Sicherheit für die Standortgemeinden. «Sollte es bei einem Platz wider Erwarten einmal ein Defizit geben, wird dies vom Kanton übernommen», sagt Hartmann. Auch allfällige Sozialhilfekosten für Fahrende auf dem Standplatz Spreitenbach werden vom Kanton getragen.

Der dritte Erfolgsfaktor: «Wir haben bisher immer bestehende Plätze ausgebaut, saniert und planungsrechtlich gesichert», führt Hartmann aus. Dabei gebe es weniger Widerstand als bei neuen Plätzen. «Dennoch müssen wir auch bei bisherigen Standorten in der Bevölkerung viel Überzeugungsarbeit leisten», räumt Hartmann ein.

Das beste Argument sei dabei der problemlose Betrieb auf den kantonalen Plätzen. «Mit Fahrenden gibt es nicht mehr Schwierigkeiten als mit Sesshaften, die Platzordnungen haben sich gut bewährt und werden eingehalten.»

Zu den bestehenden Plätzen sollen laut Plänen des Kantons drei weitere dazukommen. Neben dem Platz in Merenschwand (siehe Kasten) ist ein Standort im Seetal vorgesehen, ein weiterer in einer noch unbestimmten Agglomeration.

Aargau nicht übermässig attraktiv

Natürlich gebe es Fahrende, die ungeduldig seien und auch im Aargau rasch mehr Plätze verlangten, sagt Hartmann. Dabei handle es sich jedoch nur um eine kleine Gruppe, die grosse Mehrheit sei zufrieden mit der Situation. Dies gilt auch für die Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende», die vor drei Jahren an einer Tagung festhielt, der Kanton Aargau falle mit seinem Konzept für Stand- und Durchgangsplätze und den Festsetzungen im Richtplan positiv auf.

Könnten die Anstrengungen des Kantons, eine gute Infrastruktur für Fahrende bereitzustellen, diese vermehrt in den Aargau locken? Hartmann geht trotz der Probleme in anderen Kantonen nicht davon aus. «Natürlich spricht es sich herum, dass auf den sanierten Plätzen wie zum Beispiel in Aarau die Bedingungen gut sind», sagt er.

Doch die Fahrenden hätten ihre Rayons, in denen sie sich bewegen und Arbeit suchen. «Vielleicht wird künftig der eine oder andere Wohnwagen mehr im Aargau stehen, aber einen grossen Run auf unsere Plätze erwarte ich nicht», sagt der kantonale Fachstellenleiter.

Gefragt ist der Aargau aber bei den Behörden anderer Kantone. «Es gibt immer wieder Anfragen zu unserem Konzept für Fahrende, erst im März habe ich an der Versammlung der Kantonsplaner einen Vortrag gehalten und den Platz in Aarau gezeigt», gibt Hartmann ein Beispiel.

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