Wildschweinjagd
Aargau erlaubt verbotene Waffe für Wildschweinjagd - Jäger haben Bedenken

Für zehn Jahre dürfen Wildschweine im Aargau mit Nachtsichtgerät und Zielfernrohr gejagt werden. Diese Jagd soll auf 50 bis 60 Reviere im Nordaargau beschränkt werden, in denen es während längerer Zeit zu hohen Schäden gekommen ist.

Hans Lüthi
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Mit Nachtsichtgeräten und Zielfernrohr darf nun im Aargau Jagd auf Wildsauen gemacht werden.

Mit Nachtsichtgeräten und Zielfernrohr darf nun im Aargau Jagd auf Wildsauen gemacht werden.

Rolf Jenni

Wildschweine fressen wie wild und vermehren sich viel schlimmer als die (aussterbenden) Feldhasen. In guten Jahren nimmt die Population um 300 Prozent zu, aus 1000 Wildsauen Anfang Jahr werden 3000 bis Ende Jahr.

2014 ist bis jetzt ein sehr gutes Wildschweinjahr: «Dank mildem Winter finden die Tiere einen reich gedeckten Tisch im Wald und werden sich weiter stark vermehren», sagt Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei beim Kanton.

Auch die Abschusszahlen weisen darauf hin. Trotz strengem Vorwinter und rekordhohem Abschuss von 1628 Schwarzkitteln im Vorjahr sind auch im Jagdjahr 2013 über 1200 Wildsauen erlegt worden.

Fotofallen: für die Jagd auf Wildschweine wichtig

Die Diskussion um ein Verbot von Fotofallen für die Jagd wirft hohe Wellen. In einer Zeit zahlloser Überwachungskameras in öffentlichen Räumen und von Filmkameras auf Skihelmen will der Bundesrat die Fotofallen in der Jagd verbieten. Wie Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Jagd im Bundesamt für Umwelt, gegenüber Radio SRF sagte, «könnten diese Fotos datenschützerisch sehr heikel sein.»

Der Bundesrat spreche von einer rasanten Entwicklung. Für solche Argumente haben die Jäger kein Verständnis, weil sie die Fotofallen ja nicht auf Wanderwegen aufstellen. Erstaunt reagiert Rainer Klöti, Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins (AJV): «Die Fallen dienen dazu, um Tierarten zu überwachen, die Marder, Luchse im Jura oder Rothirsche im Westaargau.» Für die Jagd auf Wildschweine wäre ein Verbot schlecht, weil man dank der Kameras die Wechsel kennt. Klöti schätzt, dass im Aargau bis 50 Kameras wegen Wildsauen eingesetzt werden. (Lü.)

Schäden auf neuer Rekordhöhe

Die 1000 Aargauer Jäger versuchen mit einer über Jahre entwickelten Strategie und riesigem Aufwand, die Schäden im Griff zu halten. Dennoch «gab es im Jahr 2013 rekordhohe Wildschäden von über 800 000 Franken, 788 000 Franken gehen auf das Konto der Wildschweine», betont Stucki.

Der Grund liegt im extremen Winter 2012/13, als ein akuter Nahrungsnotstand die Tiere auf Wiesen und Felder trieb. Bisher schwankten die jährlichen Schäden zwischen 300 000 und 700 000 Franken. Politik, Verwaltung, Jäger und Bauern sind in engem Kontakt laufend daran, die Massnahmen gegen die intelligenten Wildtiere zu verbessern.

Neue Weisungen seit Anfang 2014

Nach nur drei Jahren sind das Jagdrecht, der Massnahmenplan Schwarzwild und die Weisungen zur Schadenverhütung per 2014 erneut überarbeitet worden.

Regierungsrat Stephan Attiger und Jagdverwalter Thomas Stucki werden die wichtigsten Punkte an einer Versammlung heute in Eiken den betroffenen Bauern aufzeigen. So werden die Wildschäden neu direkt durch das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) und nicht mehr durch die Jagdgesellschaften bezahlt.

Kulturen mit über 5000 Franken (bisher 6000 Franken) Ertrag pro Hektare müssen zwingend eingezäunt werden. Für die Wiederherstellung von Wiesland, welches die Wildsauen umgepflügt haben, wird der Stundenansatz für Handarbeit auf 35 Franken erhöht. Keine Vergütung gibt es für Rebberge, Tabak- und Trüffelkulturen sowie Ökowiesen.

Ethik und Nachtsichtgeräte

Bei modernsten Waffen gegen wehrlose Tiere geraten die Jäger in einen heftigen Gewissenskonflikt. Die Nachtsichtgeräte zum reinen Beobachten sind nicht das Problem, aber jene mit Zielfernrohr schon.

Das Bundesgesetz verbietet den uneingeschränkten Gebrauch für die Jagd. Deshalb stimmen die Jäger aus ethischen Gründen nur einem auf zehn Jahre befristeten Einsatz zu und stellen klare Bedingungen.

Der Einsatz soll auf Reviere beschränkt werden, in denen es während längerer Zeit zu hohen Schäden gekommen ist. Am stärksten betroffen sind 50 bis 60 Reviere im nördlichen Kantonsteil.

Bauern wollen keine Abstriche

Als Bestandteil des Sparpakets will die Regierung auch 50 000 Franken bei der Vergütung für Wildschäden einsparen. Das aber kommt bei den schadengeplagten Bauern nicht gut an. Geschäftsführer Ralf Bucher rechnet mit einem grossen Aufmarsch in Eiken.

Der BVA habe drei bessere Vorschläge: Erstens könnte man den Fonds für Wildtier-Aufwertungen mit den 300 000 Franken Reserve anzapfen, zweitens den Jägern einen höheren Pachtzins verlangen oder drittens für weniger Wildtierschäden in der Landwirtschaft sorgen.

«Die Jäger leisten schon jetzt einen finanziell und zeitlich enormen Aufwand», unterstreicht AJV-Präsident Rainer Klöti. Er relativiert die Wildsauschäden: Ein einziger Strassenkreisel koste heute über eine Million Franken, die Aargauer Landwirtschaft erwirtschafte jährlich 650 Millionen Franken.