Pflegeheime
Aargau braucht 2000 neue Pflegebetten bis 2025 - Löst Spitex das Problem?

Der Bund hat Kennzahlen zu jedem Heim publiziert. Der Bedarf nimmt demografiebedingt zu. Die Betriebskosten der Heime sind seit 2006 um fast 53 Prozent gestiegen. Grossrat Fredy Böni will als Problemlösung die Spitex professionalisieren.

Mathias Küng
Drucken
Teilen
So viele Pflegeheimplätze braucht der Aargau bis 2025.

So viele Pflegeheimplätze braucht der Aargau bis 2025.

Aargauer Zeitung

Gesamtschweizerisch werden in Pflegeheimen mehr als 140'000 Menschen betreut und gepflegt. Um diese Institutionen vergleichen zu können, hat der Bund Kennzahlen zu jedem Heim publiziert. Diese zeigen etwa, dass die Gesamtkosten für einen Beherbergungstag im Aargau mit 251 (Schweiz: 277) Franken leicht unterdurchschnittlich sind. Im Aargau wurden 94 Heime mit 5989 Plätzen erfasst. Bis 2025 müssen es nach kantonaler Berechnung 8000 Plätze sein, also 2000 mehr.

Eine ebenfalls neue kantonale Statistik zeigt die Kostendynamik im Pflegebereich. Die Betriebskosten der Heime sind seit 2006 um fast 53 Prozent gestiegen. Zurückzuführen ist dies vor allem auf eine Zunahme der Pensions- und Betreuungskosten (die Erklärung gibt ein Pflegeheimdirektor im untenstehenden Artikel).

Grossrat Fredy Böni (SVP), Mitglied der Gesundheitskommission und Gemeindeammann von Möhlin, hat bei der finanziellen Ausmarchung zwischen Kanton und Gemeinden um die neue Spitalfinanzierung und die Langzeitpflege darauf hingewiesen, dass die gewählte Lösung «zu einem Ungleichgewicht zulasten der Gemeinden führt». Er betrachtet die natürlich auch demografiebedingt schnell steigenden Kosten mit Sorge.

So bereitet sich das Fricktal vor

In erster Linie gilt es aber, bereit zu sein, wenn die Zahl pflegebedürftiger alter Menschen steigt (vgl. Grafik). Allerdings ist der Bedarf regional je nach Bevölkerungszusammensetzung sehr unterschiedlich. Doch wie geht man vor, damit die Menschen angesichts einer Heimbelegung von 98 Prozent dereinst in ein Pflegeheim gehen können, wenn sie Pflege benötigen? Böni ist auch Mitglied einer Arbeitsgruppe Bedarfsplanung Langzeitpflege und Altersbetreuung des Planungsverbands Fricktal Regio. 35 Gemeinden sind hier inzwischen dabei. Das Einzugsgebiet verfügt über 603 Langzeitpflegebetten. Der Planungsverband hat evaluiert, dass die Zahl bis 2030 auf 1021 steigen muss. Diese Bedarfsplanung ist vom Gesundheitsdepartement genehmigt worden.

Böni steht «zu 150 Prozent» hinter dem Grundsatz «ambulant vor stationär», zumal der Bau eines Pflegebetts mit der ganzen Infrastruktur rund 300 000 Franken kostet. Es liege auf der Hand, so Böni, die Spitex grossräumiger zu organisieren und zu professionalisieren, um den Menschen daheim zu helfen. Die Spitex-Standorte sollen aber dezentral bleiben. Die Spitex kostet künftig mehr, das ist Böni klar: «Aber wenn die Menschen gut betreut länger daheimbleiben und wir weniger neue Pflegebetten bauen müssen, geht die Rechnung längstens auf.»

Die Gemeinden planen die Betten gemeinsam – und sie haben einen wichtigen Grundsatz gefällt. Böni: «Alle Fricktaler können im Fricktal dorthin gehen, wo es freie Betten hat, die Herkunftsgemeinde zahlt die Restkosten.» So verhindert man, dass an einem Ort zu viel Kapazität aufgebaut wird und diese an einem anderen Ort fehlt. Bis 2015 braucht das Fricktal laut Böni 50 zusätzliche Betten, bis 2020 müssen insgesamt 800 Betten bereitstehen. Derzeit wird in Laufenburg ein Pflegeheim ausgebaut, bis 2015 entstehen in Rheinfelden weitere 80 Betten. In Stein soll bis 2020 ein weiteres Zentrum bezugsbereit sein. Und man geht noch weit darüber hinaus. So erfüllt das Fricktal vorausschauend seine Aufgaben.

Böni weiss, dass zusätzlich Alterswohnungen nötig sind. Möhlin hat 25 davon, die es für Menschen, die wenig Geld haben, subventioniert. Insgesamt braucht es genug Pflegebetten, Alterswohnungen, betreutes Wohnen und anderes mehr, damit Menschen im Alter – ob sie nun viel, wenig oder keine Pflege benötigen – eine gute Wohnlösung finden.

«Niemand kann es sich aussuchen, ob er pflegebedürftig wird.» Thomas Peterhans leitet das mit 300 Betten grösste Aargauer Pflegeheim, den Reusspark in Niederwil. Ihn ärgert, dass viele Pflegebedürftige als Kostenfaktor sehen. Peterhans: «All diese Menschen haben in einem langen Arbeitsleben ihren Beitrag geleistet. Niemand kann es sich aussuchen, ob er dement oder nach einem Hirnschlag pflegebedürftig wird.» Er weiss, dass die Heime auch genau beobachtet werden, weil die Betreuungs- und Pflegetaxen im Aargau seit 2006 massiv gestiegen sind. Die oft gehörte Vermutung, die Heime hätten ihre Aufenthaltskosten übermässig erhöht, weist Peterhans aber vollauf zurück. Eine Untersuchung des Kantons, die demnächst publik wird, werde zeigen, «dass die Menschen im Heim nicht abgezockt werden, dass im Gegenteil viele Heime noch keine vollumfängliche Vollkostenrechnung haben». Seit 2010 müssen die Heime von Gesetzes eine solche machen. Früher zahlten sie alle 20, 30 Jahre viele Millionen für den Bau eines Heims. Die so subventionierten Häuser erhoben dafür nur Taxen in Höhe ihrer entsprechend tiefen Ausgaben. Heute tragen sie die ganzen Investitions- und Unterhaltskosten selber - und müssen diese ihren Bewohnern in ihre Aufenthaltstaxen einrechnen. Die Gemeinden haben ihrerseits die von den Krankenkassen nicht gedeckten «Pflegerestkosten» zu übernehmen. Der Heimaufenthalt einer schwerstpflegebedürftigen Person kann heute schon auf weit über 10 000 Franken kommen. Wie kann man die Kostendynamik brechen? Peterhans macht klar, dass sich die Kosten angesichts der zunehmenden Anzahl Pflegebedürftiger und steigender Pflegebedürftigkeit weiter erhöhen. Etwas dämpfend wirken könnte, wenn man versucht, den Einsatz von Fachpersonal noch weiter zu spezialisieren, dieses nur noch für die wirklich anspruchsvollen Tätigkeiten einsetzt (etwa Wundbehandlung usw.) Darunter leidet jedoch die Betreuungsqualität der Betagten und es dürfte nicht dem Wunsch der Pflegenden entsprechen. Zusätzlich setzt Peterhans auf Freiwillige. 150 Frauen und Männer entlasten das Pflegepersonal in der Betreuung. (MKU)

«Niemand kann es sich aussuchen, ob er pflegebedürftig wird.» Thomas Peterhans leitet das mit 300 Betten grösste Aargauer Pflegeheim, den Reusspark in Niederwil. Ihn ärgert, dass viele Pflegebedürftige als Kostenfaktor sehen. Peterhans: «All diese Menschen haben in einem langen Arbeitsleben ihren Beitrag geleistet. Niemand kann es sich aussuchen, ob er dement oder nach einem Hirnschlag pflegebedürftig wird.» Er weiss, dass die Heime auch genau beobachtet werden, weil die Betreuungs- und Pflegetaxen im Aargau seit 2006 massiv gestiegen sind. Die oft gehörte Vermutung, die Heime hätten ihre Aufenthaltskosten übermässig erhöht, weist Peterhans aber vollauf zurück. Eine Untersuchung des Kantons, die demnächst publik wird, werde zeigen, «dass die Menschen im Heim nicht abgezockt werden, dass im Gegenteil viele Heime noch keine vollumfängliche Vollkostenrechnung haben». Seit 2010 müssen die Heime von Gesetzes eine solche machen. Früher zahlten sie alle 20, 30 Jahre viele Millionen für den Bau eines Heims. Die so subventionierten Häuser erhoben dafür nur Taxen in Höhe ihrer entsprechend tiefen Ausgaben. Heute tragen sie die ganzen Investitions- und Unterhaltskosten selber - und müssen diese ihren Bewohnern in ihre Aufenthaltstaxen einrechnen. Die Gemeinden haben ihrerseits die von den Krankenkassen nicht gedeckten «Pflegerestkosten» zu übernehmen. Der Heimaufenthalt einer schwerstpflegebedürftigen Person kann heute schon auf weit über 10 000 Franken kommen. Wie kann man die Kostendynamik brechen? Peterhans macht klar, dass sich die Kosten angesichts der zunehmenden Anzahl Pflegebedürftiger und steigender Pflegebedürftigkeit weiter erhöhen. Etwas dämpfend wirken könnte, wenn man versucht, den Einsatz von Fachpersonal noch weiter zu spezialisieren, dieses nur noch für die wirklich anspruchsvollen Tätigkeiten einsetzt (etwa Wundbehandlung usw.) Darunter leidet jedoch die Betreuungsqualität der Betagten und es dürfte nicht dem Wunsch der Pflegenden entsprechen. Zusätzlich setzt Peterhans auf Freiwillige. 150 Frauen und Männer entlasten das Pflegepersonal in der Betreuung. (MKU)

Bild: Emanuel Freudiger/ Text: (MKU)

Aktuelle Nachrichten