Tag gegen den Lärm
Aargau baut Lärmschutzwände am Laufmeter

Bis 2018 sollen mit 267 Millionen Franken die Aargauer vor zu viel Strassenlärm geschützt werden. Zum Schutz der Ortsbilder gilt bei Schutzwänden an Kantonsstrassen eine Maximalhöhe bis 3 Meter, erklärt Projektleiter Hanspeter Gloor.

Hans Lüthi
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Lärmsanierer Hanspeter Gloor zeigt in Unterlengnau die Stahlpfosten. Hier werden die die dicken Holzelemente aufgeschraubt.

Lärmsanierer Hanspeter Gloor zeigt in Unterlengnau die Stahlpfosten. Hier werden die die dicken Holzelemente aufgeschraubt.

Emanuel Freudiger

Hochbetrieb herrscht beim Bau von Lärmschutzwänden: «Von 2014 bis 2016 bauen und planen wir jährlich Schutzmassnahmen für je rund 25 Millionen Franken», sagt Hanspeter Gloor. Der Sektionsleiter Lärmsanierung in der Abteilung Tiefbau beim Kanton beziffert die Gesamtkosten bis Ende 2018 auf rund 267 Millionen Franken. Mit Ausnahme von 37 Gemeinden laufen im ganzen Aargau Abklärungen für den Lärmschutz an den dicht bebauten Kantonsstrassen.

«Auf 480 Kilometern innerorts ist der Strassenlärm oft zu laut, aber zwei Drittel werden mit feinkörnigen, ruhigen Belägen leiser. Bei vielen Strecken gelingt es, die Belastungen unter den Grenzwert zu bringen», präzisiert Gloor. Das Grundprinzip lautet, den Lärm zuerst an der Quelle zu bekämpfen.

«Die Anwohner sind glücklich»

In der Planungsphase und bei der Umsetzung finden nicht alle Betroffenen den Lärmbekämpfer Gloor glorreich: «Jeder Mensch hat ein anderes Empfinden, die einen Anwohner hätten am liebsten vier Meter hohe Wände, die anderen überhaupt keine», beschreibt er den Konflikt.

Auf solche Wünsche und auf arme oder reiche Leute könne der Kanton keine Rücksicht nehmen. Im Zentrum stehe der Schutz der Bauten vor Lärm über den Grenzwerten, unabhängig von seinen Bewohnern.

«Hier werden die Anwohner hoffentlich glücklich», sagt Gloor am Strassenrand zwischen Unterlengnau und Lengnau. Auf 183 Meter Länge entsteht die jüngste Aargauer Schutzwand zwischen der Surbtalstrasse und der nahen Wohnsiedlung.

Die Sitzplätze sind nach Süden gerichtet und direkt der Strasse und damit dem lärmigen Verkehr ausgesetzt. Darum haben die Bewohner lieber eine Wand vor den Augen als den Lärm in den Ohren.

Aus Schweizer Holz statt Beton

Zu hohe Lärmschutzwände wie an Autobahnen oder Bahnlinien führen oft zu einer optischen Verschandelung – aber nicht an den Kantonsstrassen. Zum Schutz der Ortsbilder gilt eine Maximalhöhe bis 3 Meter. In Lengnau ist die 183 Meter lange Wand zwischen 2,75 und 3,15 Meter hoch und durch Baumnischen gegliedert.

Auffallend sind ein massiver Betonsockel und die hohen Stahlstützen. «Beim Material haben wir die Pflicht zu einheimischem Holz, hier kommt druckimprägnierte Weisstanne zum Einsatz», betont Gloor.

Die in Sandwich-Bauweise erstellte Holzwand enthält Steinwolle. Mit einer Dicke von 20 Zentimetern ist die Wirkung gleich gut wie Lavabeton. Aber die Holzwand wiegt nur 30 Kilogramm statt 350 Kilo pro Quadratmeter beim Lavabeton. «Wir rechnen mit einer Lebensdauer von 40 bis 60 Jahren», meint Gloor zur hölzernen Ausführung optimistisch.

An den übrigen Bauten in Lengnau mit zu viel Lärm wird das Problem durch Schallschutzfenster gelöst. Bei Überschreitung des Alarmwerts zahlt der Kanton alles. Bei Lärm bis fünf Dezibel unter den Alarmwerten müssen die Hausbesitzer die Hälfte zahlen, wenn sie den Schutz wollen.

Strassenlärm: Der mensch wird sich nie dran gewöhnen

Jede fünfte Person in der Schweiz und jede dritte in den Städten ist einem übermässigen Verkehrslärm ausgesetzt. Das schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zum heutigen «Tag gegen den Lärm» und befürchtet eine Zunahme um 15 bis 29 Prozent bis 2030.

Beim Strassenlärm seien Gerüchte, Mythen und Irrtümer schnell zur Hand, schreiben die Initianten von VCS, Lärmliga Schweiz und den Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz. Der Mensch werde sich nie vollständig an Strassenlärm gewöhnen. Denn bei jedem störenden Geräusch gerate der menschliche Körper in Alarmbereitschaft: «Er schüttet Stresshormone aus, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt und die Atemfrequenz nimmt zu.»

Davon seien auch Personen betroffen, die glauben, sie hätten sich längst an den Lärm gewöhnt. Falsch sei auch die Ansicht, mit Schutzwänden oder Fenstern könne der Lärm am besten bekämpft werden. Besser sind die Massnahmen an der Quelle, entweder durch ruhigere Beläge oder durch leisere Reifen. Bereits ab Tempo 35 übersteigt das Rollgeräusch der Reifen den Motorenlärm.

Darum sind auch Elektroautos und moderne Fahrzeuge bei höherer Geschwindigkeit nicht ruhiger. Einzig der Lenker und die Mitfahrer im Innenraum spüren bei guter Abschottung weniger Lärm. Bei Tempo 30 statt 50 halbiert sich der Lärm, das Unfallrisiko sinkt, der Treibstoffverbrauch auch. Motorräder sind nicht alle zu laut, aber schwarze Schafe können einen Lastwagen übertönen. (Lü.)

Zuerst kommen ruhige Beläge

Auf den ersten Blick erscheinen die ruhigen Beläge als geniale Erfindung, weil sie den Lärm um 50 bis 90 Prozent verringern. Aber wegen der extrem kurzen Lebensdauer von 10 bis 15 Jahren ist der Einsatz nicht flächendeckend möglich. «Der Bund zahlt Beiträge an die Mehrkosten der lärmarmen Beläge», erklärt Gloor.

Der Kantonsanteil wird aus der reichlich gefüllten Strassenkasse berappt, die Gemeinden bezahlen gemäss Strassendekret 30 bis 60 Prozent.

Aarau und Baden zählen zu den Orten mit den höchsten Kostenanteilen. Den Lärm an der Quelle bekämpfen, geht auch bei den Pneus: Über Tempo 35 übersteigt der Pneulärm den Motorenlärm. «Die EU hat seit zwei Jahren Vorschriften für den zulässigen Höchstlärm der Reifen und will sie verschärfen», sagt Gloor.

20 000 Laufmeter Schutzwände

Bis im Jahr 2018 rechnet Hanspeter Gloor mit 267 Millionen Franken für den Lärmschutz im Aargau. Bisher ist die Hälfte des Geldes verbaut worden. In 27 Gemeinden ist die Sanierung beendet, in 31 Gemeinden läuft die Ausführung, in 116 Gemeinden die Projektierung. 10 000 Personen mit zu hohen Immissionsgrenzwerten können geschützt werden. Bei 60 000 Aargauern sinkt der Lärm zwar – aber leider nicht unter den Grenzwert.

Für die Mehrkosten von 50 Millionen Franken können auf 310 Kilometern ruhigere Strassenbeläge eingebaut werden. Die 20 000 Laufmeter Lärmschutzwände kosten 64 Millionen Franken. Zudem verschlingen die 60 000 Schallschutzfenster 85 Millionen Franken. Planung und Projektierung sind für 68 Millionen Franken budgetiert.

Wer weiss, vielleicht sind eines Tages Beläge und Fahrzeuge so ruhig, dass sich die teuren Schützwände erübrigen. Aber davon ist man heute noch meilenweit entfernt.

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