Eine Aarburgerin schreibt auf Facebook zur geplanten Asylunterkunft in ihrem Dorf: «Mir kommt das Ganze wie ein Albtraum vor. Die Frage ist nur, wann ich erwache.»

Eine Asylunterkunft im Dorf, ein Albtraum – stimmt das? Wer wüsste das besser als die Suhrer. Im ehemaligen Schwesternhaus gleich an der Grenze zu Aarau leben seit September Familien, Kranke und minderjährige Asylsuchende. Nach Aarburg sollen hauptsächlich Familien kommen.

Widerstand hat es in Suhr allerdings nie gegeben. Innert kurzer Zeit ist das ehemalige Schwesternhaus mit seinen 115 Plätzen zur Vorzeigeunterkunft geworden. Der Kanton ist zufrieden. Der Gemeinderat betont: «Der Betrieb läuft problemlos.» Und auch vonseiten der Betreuer ist alles paletti.

Blickt man nach Aarburg, denkt man: Werden die Anwohner in Suhr schlicht nicht gehört?

Ich bin vorbeigegangen im Quartier, das zu Füssen des Hochhauses liegt, in dem Asylsuchende leben, und begegne dort zuerst Mahmadou. Der 18-jährige Gambier, sammelt gerade Abfall von der Strasse auf – wie jeden Tag. Dann geht Monique Simon die Südallee hinauf. «Bis jetzt ist die Situation angenehm», sagt sie. Keine Probleme. Sie habe auch von anderen Anwohnern nichts Negatives gehört. Eine 30-jährige Suhrerin fährt mit dem Velo aus einer Tiefgarage. Sie sagt, es habe im Quartier schon Befürchtungen gegeben. Man hätte eben dieses «böse Asylbewerber-Bild» im Kopf. Aber nun: Kein Lärm, keine Probleme. «Ehrlich gesagt», sagt sie, «ich sehe fast mehr Securitas als Asylsuchende.» Eine andere Frau winkt ab: «Bei uns ist alles gut.»

An der Bushaltestelle Lindenfeld sitzt ein 75-jähriger Syrer mit seinem Rosenkranz. Er braucht sieben Finger, um zu zeigen, wie viele Kinder er hat. Er sagt, einer seiner Söhne sei in Brasilien, einer noch in Aleppo.

Es ist kurz vor Mittag. Michael Suppiger hat es eilig. Der 23-Jährige sagt: «Wir haben keine Probleme im Quartier. Aber es gibt viele Menschen, die Angst haben vor dem, was sie nicht kennen.» Dann sagt er noch, er sei zwar politisch eher rechts eingestellt, finde aber, dass jeder Mensch eine Chance verdient habe.

Der 67-jährige Werner Kämpfen ist daran, die Sträucher in seinem Garten zu schneiden. Bei einem Kaffee in seiner Küche erzählt er, dass er die Unterkunft am Tag der offenen Tür besucht habe, dass es sehr nett gewesen sei und es Guetzli und Kaffee «nach ihrer Manier» gegeben habe und dass er und seine Frau mit einem kurdischen Paar gesprochen hätten. Er erzählt, dass die Asylsuchenden oft an seinem Haus vorbeigingen. Er spreche hin und wieder mit einem Iraker. Kämpfen sagt: «Wir verstehen einander nicht. Jeder spricht jeweils in seiner Sprache.» Aber vielleicht helfe es dem Iraker, sich weniger allein zu fühlen hier. Für die Aarburger habe er kein Verständnis, sagt Kämpfen. Aber es brauche eben nur ein oder zwei Volksvertreter, die hetzten, dann kippe die Stimmung schnell.

Anwohner früh informiert

Während die Aarburger von einem Albtraum sprechen, leben die Suhrer also mit ihrer Unterkunft – und niemand spricht von Albtraum. Warum? Der FDP-Grossrat und Suhrer Gemeindepräsident Beat Rüetschi sagt: «Wir haben uns bemüht, nach Bettwil zu zeigen, dass es auch andere Lösungen gibt.»

Man könnte einwenden, dass die Suhrer Unterkunft weit weg vom Zentrum und gefühlt eher in Aarau als in Suhr stehe. Rüetschi widerspricht und sagt, dass er nicht anders reagiert hätte, wenn die Unterkunft im Zentrum von Suhr gewesen wäre.

Der zweite Grund für den ausgebliebenen Widerstand sei die offene Informationspolitik des Gemeinderats gewesen. «Wenn die Bevölkerung nicht genügend informiert wird, entsteht Angst und Unbehagen.» In Suhr wurde der Gemeinderat schon ein halbes Jahr vor dem geplanten Bezug der Unterkunft informiert, nicht «so kurzfristig wie in Aarburg», wie Rüetschi sagt. Daher konnte in Suhr auch die Bevölkerung im Quartier und im Dorf frühzeitig informiert werden. Anders als in Aarburg musste der Kanton – der Besitzer der Liegenschaft – in Suhr allerdings ein Baugesuch einreichen.

Am Nachmittag gehe ich nochmals vorbei. Vielleicht war es ja bloss Pech oder Glück – je nach Standpunkt –, dass alle Befragten nichts gegen die Asylunterkunft haben. Ich frage nochmals wahllos rund 15 Personen. Doch es findet sich keiner, der sich auch nur stört an Asylsuchenden in der Nachbarschaft. Manche gestehen zwar, dass sie Angst hatten, als bekannt wurde, dass ins Schwesternhaus Asylsuchende einziehen werden. Aber jetzt, sie schütteln alle den Kopf: «Kein Problem, ich merke fast gar nichts von der Unterkunft», sagt eine junge Mutter. Anwohner Marcel Müller sagt: «Ich kann die Aarburger nicht verstehen.» Er rät ihnen, mit den Asylsuchenden zu reden, neugierig zu sei, «dann werden sich die Ängste erübrigen».