2017 wurden im Kanton Aargau insgesamt 15'000 Personen mit Sozialhilfe unterstützt. Die Quote ist damit im vergangenen Jahr gegenüber 2016 um 0,1 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent leicht angestiegen. Der Kanton liegt aber immer noch deutlich unter der gesamtschweizerischen Quote. Diese lag 2016 bei 3,3 Prozent. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der unterstützten Personen um 37,4 Prozent zugenommen. Laut Kanton lasse sich der Anstieg zum Teil mit dem Bevölkerungswachstum erklären. Fast jede dritte unterstützte Person war 2017 minderjährig. Kinder und Jugendliche bilden die mit Abstand grösste Altersgruppe unter den Sozialhilfebezügern. Leicht gesunken ist die Quote in der Altersgruppe der über 65-Jährigen.

Knapp ein Viertel aller Sozialhilfebezüger im erwerbstätigen Alter hatten ein Einkommen. Die Zahl der Frauen, die trotz Lohn auf Sozialhilfe angewiesen waren, war fast doppelt so hoch wie jene der Männer. Die Sozialhilfequote der Ausländerinnen und Ausländer war rund dreimal höher als jene der Schweizer, die Quote stieg bei ausländischen Personen auch stärker an.

Aarburg war im vergangenen Jahr die Aargauer Gemeinde mit der höchsten Sozialhilfequote. Die Gemeinde war nur kurz auf dem zweiten Platz: 2016 hatte sie zum ersten Mal seit drei Jahren nicht mehr die höchste Sozialhilfequote aller Aargauer Gemeinden, Spreitenbach unterstützte prozentual mehr Personen. Das ist bereits wieder vorbei. In der Sozialhilfestatistik für das Jahr 2017, die am Montag vom Kanton publiziert wurde, rangiert Aarburg wieder ganz oben. 6,1 Prozent der Einwohner hatten 2017 Sozialhilfe bezogen, in absoluten Zahlen sind das 482 Personen. 2016 lag die Quote bei 5,2 Prozent. In Spreitenbach ist sie von 5,4 auf 5,3 gesunken.

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Bircher nicht überrascht

Martina Bircher, Vizeammann und Vorsteherin der Abteilung Soziales in Aarburg, ist darüber zwar nicht erfreut, aber auch nicht überrascht. «Wir wussten, dass wir mit einem Anstieg rechnen müssen», sagt die SVP-Grossrätin. Ein Grund dafür sei, dass Asylsuchende und Flüchtlinge, die 2012 in die Schweiz eingereist sind und sich in Aarburg niederliessen, jetzt zum ersten Mal in der Gemeindestatistik auftauchen und hier Sozialhilfe beziehen. Solange sie sich seit weniger als fünf Jahren (anerkannte Flüchtlinge), beziehungsweise sieben Jahren (vorläufig Aufgenommene) in der Schweiz aufhalten, beziehen sie keine Sozialgelder von den Gemeinden. In Aarburg handle es sich bei dieser Personengruppe vor allem um Migranten aus Eritrea. Bei ihnen sei weiter die Geburtenrate massiv höher als bei Menschen anderer Herkunft, und diese Kinder wiederum seien ebenfalls häufig von der Sozialhilfe abhängig. Der Anstieg sei rasant: «Noch vor zehn Jahren haben in Aarburg praktisch keine Eritreer gelebt. Heute sind es ungefähr 170, davon sind 90 Prozent Sozialhilfeempfänger», stellt Martina Bircher fest. In Aarburg lebten wohl am meisten anerkannte Eritreer im Kanton, sagt sie.

Scheidung als grösstes Risiko

Dass Ausländer häufiger von der Sozialhilfe abhängig sind als Schweizer, ist im gesamten Kanton feststellbar. 2017 war die Sozialhilfequote der Ausländerinnen und Ausländer mit 5,4 Prozent respektive 4,4 Prozent rund dreimal höher als jene der Schweizerinnen und Schweizer (je 1,4%). Bei den Herkunftsregionen ist in den letzten zehn Jahren vor allem die Verschiebung von europäischen Nicht-EU-Ländern hin zu EU- und afrikanischen Staaten auffällig, zeigt die Statistik. Rund ein Drittel der unterstützten Personen hat nach der obligatorischen Schulzeit keine weitere Ausbildung abgeschlossen. Auch die Höhe des Einkommens spielt eine Rolle: Die Zahl der Frauen, die trotz Erwerbstätigkeit auf Sozialhilfe angewiesen waren, lag mit 1239 Fällen fast doppelt so hoch wie jene der Männer (734), die Frauen arbeiteten dabei deutlich weniger in Vollzeit als Männer. Das widerspiegelt sich auch darin, dass das mit Abstand grösste Sozialhilferisiko Alleinerziehende trugen, und dieses betraf wiederum mehrheitlich Frauen mit mindestens einem Kind. Ein Risiko, von der Sozialhilfe abhängig zu werden, ist denn auch eine Scheidung. Es liegt dreimal höher als bei Personen, die in einer Ehe, einer eingetragenen Partnerschaft oder getrennt leben. Nach Altersgruppen aufgeteilt lag die höchste Sozialhilfequote mit 3,7 Prozent bei den Minderjährigen, während die Quote bei den über 65-Jährigen seit 2010 leicht rückläufig ist.

Dass in Aarburg die Sozialhilfequote gestiegen ist, hänge aber auch mit dem erschwinglichen Wohnraum zusammen, sagt Martina Bircher. «Ich habe alleine in diesem Jahr schon drei Anfragen von Immobilienbesitzern erhalten, die ihre Häuser so umbauen wollten, dass kleine Einzelzimmer mit Gemeinschaftsküche entstehen.» Immobilienbesitzer erhofften sich dadurch eine höhere Rendite. Sozial schlechter gestellte Personen sind im Gegenzug auf günstigen Wohnraum angewiesen. Für Martina Bircher ist deswegen klar: Auf Gemeindeebene führe kein Weg an einer aktiven Immobilienbewirtschaftung vorbei.

Schlussendlich müsse man die Sozialhilfequote aber auf kantonaler Ebene angehen, sagt die Grossrätin. Zwei ihrer Vorstösse, für die Reduktion der Sozialhilfegelder um 30 Prozent respektive die Koppelung der Sozialhilfe an die Anzahl Steuerjahre, sind als Postulat überwiesen worden.

Warum Spreitenbach nicht mehr die Statistik anführe, sei reine Spekulation, sagt der zuständige Gemeinderat Marcel Lang (parteilos) angesichts der nur kleinen Abnahme in seiner Gemeinde. «Wir sind den Steuerzahlern gegenüber verpflichtet, dass ihr Geld richtig eingesetzt wird und den Sozialhilfebezügern, dass wir jene unterstützen, die uns brauchen.» Spreitenbach sei dabei, die Prozesse zu optimieren und zu professionalisieren. Vielleicht habe sich mehr Effizienz bereits in der Statistik niedergeschlagen.