Aarau
Aarauer «Sex-Lehrer»: Jetzt reden die Eltern des Opfers

Ein Jahr nach dem Bezirksgericht Aarau spricht auch das Obergericht den «Sex-Lehrer» vom Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung und sexuellen Nötigung frei. Jetzt sprechen die Eltern des Opfers und hoffen, dass Behörden sich mit der Thematik befassen.

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Das Obergericht in Aarau hat das Urteil des Bezirksgericht bestätigt und glaubt den Aussagen des Opfers nicht.

Das Obergericht in Aarau hat das Urteil des Bezirksgericht bestätigt und glaubt den Aussagen des Opfers nicht.

Keystone

Das Obergericht bestätigt das Urteil des Aarauer Bezirksgerichts, das einen Bezirksschullehrer vom Vorwurf der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung einer Schülerin freigesprochen hat (wir berichteten).

Auch das Obergericht glaubt damit den Aussagen des Opfers nicht, das unzählige, grausame Vergewaltigungen schilderte.

Damit zieht auch das Obergericht nicht in Betracht, dass die junge Frau durch die Erlebnisse traumatisiert worden sein könnte und ihre Aussagen deshalb nicht gleich konstant waren, wie Aussagen einer gesunden Frau es wären.

Anders als die Richter zweifelten die Eltern des Opfers nie an den Aussagen ihrer Tochter. In einem Brief erzählen sie von der schwierigen Situation:

«Wieso sprach unser Kind nicht mit uns?»

«Die Tatsache, dass unsere Tochter zum Opfer des nun wegen sexueller Handlung mit einem Kind und Pornografie verurteilten Bezirkslehrers wurde und von ihm über Jahre missbraucht worden ist, löste bei uns unermesslichen Schmerz und ein Gefühl völliger Hilflosigkeit aus.

Diese Empfindungen waren schon schwer genug zu ertragen - doch sie wurden durch das Stillschweigen der Behörden sowie die Verdächtigungen und Schuldzuweisungen an unsere Adresse noch gesteigert.

Dass unsere Tochter den Missbrauch uns, den Eltern, so lange verschwiegen hatte, wurde als Zeichen zerrütteter Familienverhältnisse ausgelegt - und diese wiederum als logische Grundlage für den Missbrauch. Diese Vermutungen verletzten uns zusätzlich.

Auch wir waren natürlich fassungslos: Wieso sprach unser Kind nicht mit uns?

Die Antwort ist in der Strategie zu finden, mit denen Täter die Opfer gefügig machen. Mit verschiedenen Methoden bricht der Täter den Widerstand des Opfers, erschleicht sich sein Vertrauen und nutzt die spezielle Stellung aus, die er bei ihm hat.

Dazu gehört, auf Geheimhaltung der Übergriffe zu pochen und dem Opfer Mitschuld einzureden.

Über sexuellen Missbrauch existieren viele Annahmen. Eine besagt, dass alle Täter sichtliche Aussenseiter sind.

Eine andere, dass die Opfer - falls sie wirklich welche sind - sofort über das Erlebte reden.

Beides ist falsch: Die meisten Täter gelten als normal, korrekt und seriös, während die meisten Opfer versuchen, ihre Schande vor sich und ihrer Umwelt zu verstecken.

Niemand, der ein Kind hat, will, dass diesem solche Dinge widerfahren.

Und niemand, der es nicht erlebt hat, weiss, wie es sich für eine Mutter und einen Vater anfühlt, wenn das eigene Kind missbraucht worden ist.

Wir hoffen, unsere Geschichte trägt dazu bei, das Tabu zu beseitigen, das über dem Missbrauch liegt.

Unser Wunsch ist, dass die Behörden und Schulleiter sich mit der Thematik befassen und sich das nötige Wissen aneignen, das für effektive Prävention erforderlich ist.»

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