Streitgespräch

A1-Zubringer Lenzburg: Geniales Projekt oder Pflästerlipolitik?

Martin Keller (SVP) und Jürg Caflisch (SP)

Martin Keller (SVP) und Jürg Caflisch (SP)

Die Grossräte Martin Keller (SVP) und Jürg Caflisch (SP) zum A1-Zubringer Lenzburg. Keller befürwortet den A1-Zubringer als einen wichtigen Puzzlestein, Caflisch ist der Meinung, dass dies nicht die erhoffte Wirkung bringen wird.

Martin Keller, warum unterstützen Sie dieses teure Strassenprojekt?

Martin Keller: Der Zubringer A1 Lenzburg–Neuhof ist ein wichtiger Puzzlestein in der Aargauer Verkehrspolitik.

Aber 75 Millionen Franken sind schon sehr viel Geld für eine neue Kreuzung?

Keller:Das stimmt, aber heute ist nichts mehr gratis. Und wenn man schaut, was es bringt, dann lohnt es sich. Das Projekt bringt sehr viel für die Entwicklungsmöglichkeiten in der Region Lenzburg, für das Bünztal und das ganze Seetal. Darum ist die Summe absolut gerechtfertigt.

Jürg Caflisch, der Grosse Rat hat den Ausbau mit 85 zu 40 Stimmen klar bewilligt, ist eine Volksabstimmung nicht reine Zeit- und Geldverschwendung?

Jürg Caflisch: Nein, das ist es eben nicht. Es geht neben den Fragen zum Projekt auch um den Grundsatz selber und um eine gewisse Sensibilisierung. Der Aargau hat einen der höchsten Motorisierungsgrade in der Schweiz. Weltweit haben wir eines der dichtesten Strassennetze. Unser Strassen- und Autokanton betreibt nur Pflästerlipolitik. Wenn das Projekt 2018 fertig gebaut ist, ist die A1-Zufahrt durch die Verkehrszunahme erneut verstopft, und man muss die nächste Umfahrung planen.

Keller: Da muss ich jetzt schon widersprechen. Unser schöner Aargau ist der Kanton der Regionen. Wenn man diese pflegen will und nicht nur den Speckgürtel Aarau–Baden, sondern auch das Bünztal und das Seetal, dann ist dieses Bauprojekt nötig. Ich habe das Gefühl, es geht mehr um eine Trotzreaktion der Gegner, die einfach nicht mit dem Mehrheitsentscheid umgehen können.

Caflisch: Das Behördenreferendum ist ein demokratisches Grundrecht, das die SVP und mein Gesprächspartner wohl kaum in Zweifel ziehen werden. Bei der Siedlungsentwicklung will der Kanton eine innere Verdichtung, nicht jede Region braucht einen staufreien Anschluss an die Autobahn.

Keller: Man darf mir keine falschen Worte in den Mund legen, nicht jede Region braucht einen Autobahnanschluss. Aber das ganze Bünztal, das ganze Seetal bringt so viel Verkehr in Richtung A1, dass es hier eine Lösung braucht. Zudem bezahlt der Steuerzahler keinen Rappen, die Finanzierung geschieht durch die Strassenkasse. Das Projekt wird primär durch den Treibstoffzollzuschlag und die Verkehrsabgabe finanziert.

Caflisch: Das ist ja tatsächlich ein Problem im Aargau, in die Strassenkasse fliessen jährlich 200 bis 250 Millionen Franken, die verbaut werden müssen. Darum ist es wohl kein Zufall, dass die Preisabsprachen bei den Bauunternehmen ausgerechnet in diesem Bereich stattgefunden haben. Aber der Strassenverkehr trägt seine Kosten nicht voll.

Keller: Wenn die Argumente fehlen, kommen solche Vermischungen, die am Thema vorbeizielen. Die Preisabsprachen haben doch nichts mit dem Projekt Lenzburg zu tun, die Urteile sind übrigens noch immer nicht rechtskräftig.

Jürg Caflisch, der dichteste Autoverkehr braucht doch einen gewissen Ausbau des Netzes?

Caflisch: Wir sind der Meinung, dass es ein Mobilitätskonzept braucht, wir haben ja Alternativen. Aber die Verkehrspolitik des Kantons Aargau führt zu einem ständigen Drehen an der Ausbauschraube. Das geht nicht auf, ausser wir verbauen die letzten Kulturlandschaften. Schon heute benötigen wir einen Drittel der bebauten Flächen für den Verkehr.

Keller: Mein Gesprächspartner redet immer von wir, aber wer ist das überhaupt? Der Stadtammann der SP in Lenzburg kämpft wie ein Löwe für dieses Projekt. In Wirklichkeit sind es doch einzig und alleine der VCS und seine Mitläufer, denn der Verkehrs-Club der Schweiz kämpft überall gegen jede Strasse. Dabei geht vergessen, dass auch die Busse nicht mehr im Stau stehen bleiben.

«Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten», können Sie diesem Grundsatz der Gegner zustimmen?

Keller: Beim Verkehr gilt das Gesetz des Wassers, er folgt dem geringsten Widerstand. Es gibt nicht mehr Verkehr wegen mehr Strassen, sondern weil wir mehr Mobilität haben, in der Freizeit, für die Arbeitswege, wegen des Bevölkerungswachstums. Das sind die echten Hauptgründe.

Sie sprachen im Grossen Rat von einem überrissenen Projekt, wie würden Sie das Stauproblem am Knoten Neuhof lösen, Herr Caflisch?

Caflisch: Uns fehlen bei diesem Projekt die Alternativen, das haben wir schon in der Kommission des Grossen Rates bemängelt. Der Regierungsrat wollte keine anderen Lösungen auf den Tisch legen. Wir haben schon zweimal beim Kantonsingenieur nachgefragt und keine Auskunft erhalten. Offenbar gäbe es andere Möglichkeiten, die das Departement aber nicht will.

Keller: Wenn es keine Varianten gibt, kann man auch keine präsentieren. Es gibt beim Knoten Neuhof viele Killerkriterien. Zum Beispiel bei der Sicherheit. Diese wollen anscheinend die Gegner nicht verbessern.

Gemäss Baudirektor Peter C. Beyeler gibt es beim Entscheid im Parlament immer nur ein Projekt.

Caflisch: Aber die Regierung hätte ja erläutern können und müssen, was man auch noch geprüft und erörtert hat.

Keller: Auch beim Schulhausplatz-Projekt in Baden konnte man nicht über den Kreisel bei der Burghalde diskutieren. Es gibt nie eine Auswahlsendung, sondern immer nur ein Projekt und den nötigen Kredit dazu. Fertig. Ich hoffe sehr auf ein Ja des Aargauer Stimmvolkes.

Der Aargau wächst stark, mit 100000 zusätzlichen Einwohnern müssen wir doch die Infrastruktur ebenfalls anpassen!

Caflisch: Genau darum spreche ich von einem Mobilitätskonzept, wir müssen doch überlegen, welche Bedürfnisse abzudecken sind. Wir wollen die Strassen auf die Pendlerspitzen ausbauen, aber das ist falsch. Auch beim Zug muss man bei den Pendlerspitzen am Morgen von Baden nach Zürich stehen. Dafür können wir keine Zusatzgleise bauen, ähnlich ist es beim Auto. Statt die zwei bis drei Spitzenstunden abzudecken, braucht es andere Lösungen. Im Vergleich zu den Nachbarkantonen sind wir zu autolastig.

Kritiker behaupten, der schnellere Zufluss auf die A1 führe dort zum Kollaps. Verlagert sich also der Stau nur?

Keller: Es handelt sich wirklich um ein gutes Projekt, davon bin ich fest überzeugt. Die vielen Befürworter bleiben oft ungehört, das zeigte sich auch im Grossen Rat. Es gab viel Kritik, aber das Resultat war dann mit 85 Ja zu 40 Nein sehr eindeutig. Neue Engpässe wird es irgendwo geben, aber sicher nicht im Ausmass des heutigen Knotens Neuhof.

Caflisch: Das ist wohl ein frommer Wunsch, wir Badener haben ja unsere Erfahrung gemacht. Beim Bau der dritten Bareggröhre hat man uns versprochen, die Mellingerstrasse werde zu einer Quartierstrasse. Nach zwei Jahren kam sie erneut an die Kapazitätsgrenze. Die Vorstellungen, es komme zu einer nachhaltigen Entlastung, sind x-fach widerlegt worden.

Der Lenzburger Stadtammann Daniel Mosimann ist im Präsidium des Pro Komitees. Wechselt man in der SP die Meinung, sobald man selber betroffen ist?

Caflisch: Nein, nein, die Kantonalpartei hat eine stringente Haltung. Aus gewissen Rollenzwängen kann es lokal andere Meinungen geben, damit können wir gut leben. Das gibt es auch in anderen Parteien, Daniel Mosimann wird die grundsätzlichen Überlegungen der SP auch mittragen.

Beim Knoten Lindfeld gibt es viele schwere Unfälle, ist das der SP gleichgültig?

Caflisch: Nein, denn es ist nicht so schlimm, wie es oft dargestellt wird. Der Knoten Lindfeld gehört dem Bundesamt für Strassen, der Bund hat kein Interesse an einem Ausbau.

Keller: Es kommt nicht allein auf die Anzahl, sondern auch auf die Schwere der Unfälle an. Der Knoten Lindfeld wird nicht saniert, mit der Entflechtung entfällt jedoch die gefährliche Kreuzung.

Ihr Fazit in einem kurzen Satz?

Keller: Die Entlastung des Knotens Neuhof ist ein wichtiger Puzzlestein im Aargauer Strassennetz und eine sinnvolle Ergänzung, gestützt auf unsere Verkehrspolitik.

Caflisch: Das Projekt entspricht einer klassischen Pflästerlipolitik, darum wird es die erhoffte Wirkung nicht bringen. Der Stau verlagert sich nur an einen anderen Ort.

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