Sobald die Sirenen aufheulten, hiess es: sofort in den Schutzkeller. Doch dieses Recht blieb der damals 13-jährigen Hanna Moses und ihrer Familie verweigert. «Juden durften nicht in die gleichen Schutzkeller wie die arischen Deutschen», erzählt Hanna, die mittlerweile Meyer heisst.

In den Anfängen des Zweiten Weltkrieges lebte die Jüdin mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Karlsruhe, nahe der französischen Grenze. Am Mittwoch 6. Februar fanden in der ganzen Schweiz Sirenentests statt. Ist das für jemanden, der den Ernstfall erlebt hat, erschreckend? «Wenn es nur ein Test ist, denke ich nicht an früher», antwortet die 92-Jährige.

74 Jahre nach dem Krieg sitzt Hanna Meyer-Moses an ihrem Küchentisch im Wohler Seniorenzentrum Casa Güpf. «Wir wohnten über einem Bäckerladen», ruft sie sich ins Gedächtnis. «Wenn die Sirenen losgingen, nahm uns der Bäcker, dem das Haus gehörte, zu sich in die Backstube.» Dort konnte man die Fenster verdunkeln und es war warm. «Er ging damit ein grosses Risiko ein.» Angst hatten Hanna Moses und ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester beim Sirenenalarm nicht. «Man befürchtete schon , dass es Bombardierungen geben könnte. Solange unsere Eltern bei uns waren, haben wir uns nicht viele Gedanken gemacht. Wir waren recht behütet.» 

Das war 1940. Vier Jahre später war Karlsruhe zu grossen Teilen durch Bombenabwürfe zerstört. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie Moses ihre Wohnung jedoch schon lange verlassen müssen.

Deportiert nach Gurs

«An einem Morgen im Oktober 1940, um 8 Uhr, klingelte es. Zwei Gestapo-Beamte in Uniform standen vor der Tür und sagten, wir sollen uns für eine Reise fertigmachen. Auf Fragen, wie lange wir weg sein würden, gaben sie keine Antworten», erinnert sich Meyer heute. Das Nötigste wurde zusammengepackt. «Meine Mutter sagte uns, dass wir mehr anziehen sollten als sonst.» Familie Moses wurde ins französische Internierungslager Gurs, nahe der spanischen Grenze, deportiert. Dasselbe passierte auch mit ungefähr 7000 weiteren Juden. «Auf einen Schlag haben sie uns in das besiegte Frankreich abgeschoben», erzählt Meyer. Nach einigen Monaten, im Februar 1941, konnten die beiden Kinder das Lager Gurs verlassen. Sie wurden in einem französischen Waisenhaus untergebracht, die Eltern blieben im Lager zurück.

Direkt nach Auschwitz

Eineinhalb Jahre später, im Sommer 1942, mussten die beiden Schwestern das Waisenhaus verlassen. «Die Deutschen fingen wieder an, Leute abzuführen», sagt Meyer. Deshalb brachte man sie ins Kinderheim Chateau du Couret in der Nähe Limoges. Dort blieben die Mädchen bis zum April 1943, denn Hannas 16. Geburtstag rückte näher. Ab diesem Alter zogen die Deutschen Jugendliche wieder ein. «Angeblich zum Arbeiten, aber später erfuhr ich, dass man sie direkt nach Auschwitz transportierte.» Die beiden Schwestern wollten versuchen, in die Schweiz zu fliehen. Sie erhielten falsche Identitätskarten. Ein Versuch scheiterte, beim zweiten klappte es. Eine Familie aus Ostermundigen (BE) nahm die Mädchen bei sich auf. Hanna besuchte eine Haushaltschule und arbeitete später als Sekretärin, bis sie ihren zukünftigen Mann Werner Meyer kennen lernte. 1963 heirateten die beiden und zogen nach Bremgarten, dem Geburts- und Wohnort von Werner Meyer.

Eine letzte Postkarte

Hanna Meyers Eltern wurden wenige Wochen nach der Entlassung der Töchter in ein Lager in Toulouse gebracht. Die zwei Mädchen durften sie bei ihrer Verlegung nach Limoges eine Woche besuchen. Ohne zu wissen, dass sie die Eltern zum letzten Mal sahen. «Ende Mai 1944 schrieb meine Mutter eine Postkarte, in der stand, sie gehe weg. Und dass sie nicht wisse, ob sie wieder schreiben könne.» Hanna Meyer erinnert sich noch genau. Die Karte war mit «innige Küsse, eure Eltern», unterschrieben. «Da war meine Mutter schon auf dem Weg nach Auschwitz», sagt die 92-Jährige nachdenklich. «Wir dachten, sie hole uns nach dem Krieg bei der Familie in Ostermundigen ab.» Hannas Vater verstarb im Jahr 1944.

Das Erlebte zu verarbeiten war nicht einfach. «Erst als ich selber Kinder hatte, konnte ich begreifen, wie es für meine Mutter gewesen sein musste.» Mit ihrer Schwester sprach die Jüdin nicht über ihr Schicksal. «Sie war psychisch nicht in der Verfassung, sich um früher zu kümmern», erzählt Meyer. «Zum Glück hatte ich meinen Mann, der mir geholfen hat, alles zu verarbeiten.» Heute denkt Hanna Meyer-Moses nur noch an die Vergangenheit, wenn sie danach gefragt wird.

Korrigendum: Die Aargauer Zeitung hatte in diesem Artikel Hanna Meyer-Moses als Deutsche bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Sie ist seit über 78 Jahren keine Deutsche mehr. 1941 hat das deutsche NS-Regime allen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Meyer erhielt im Februar 1962 auf eigenen Antrag das Berner Einwohner- und das Schweizer Bürgerrecht.