Die seit 1912 gültigen Regeln für Vormundschaften gibt es nicht mehr, sie werden durch das neue Kindes- und Erwachsenen-Schutzrecht abgelöst. Damit verschiebt sich eine wichtige Aufgabe von den Gemeinden zu einer neuen Institution – die alles besser machen will. Das löst vorerst Argwohn aus, aber der Bund hat die Kantone zu dieser Revolution verpflichtet, mit einer logischen Begründung. Man stelle sich doch einmal das Leben im Jahr 1912 vor und vergleiche es mit der heutigen Gesellschaft. Heute gibt es mehr alte Menschen, solche aus fremden Kulturen, Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Konkubinate. Das führt zu vielen neuen Problemen und verlangt individuelle Lösungen.

Mit neuen Familiengerichten betritt der Aargau bewusst Neuland. Wenn schon die ganze Organisation auf den Kopf gestellt wird, «wollen wir eine bürgernahe, effiziente und unkomplizierte Lösung». Das hat sich Justizdirektor Urs Hofmann zum Ziel gesetzt, die Familiengerichte haben im Parlament und im Volk deutliche Unterstützung erhalten. Der Vorteil ist eine Instanz für alle familienrechtlichen Fragen, unabhängig von Zivilstand und Alter. Damit urteilen die gleichen Richterinnen und Richter über Scheidung, Eheschutz, Unterhalt von Kindern und weitere Streitigkeiten, was zu einer einheitlicheren Praxis führen wird. Die Familiengerichte sind in die elf Aargauer Bezirksgerichte integriert – , was den kleinen nebenbei zu einer sinnvollen Lebensgrösse verhilft.

Der Mensch im Mittelpunkt soll hier nicht leere Floskel bleiben, sondern als Leitschnur dienen, um bei allen Urteilen das Wohl der betroffen Person über alles andere zu stellen. Die Kernsätze dazu: Gestaltung der Zukunft statt Bewältigung der Vergangenheit, Begleitung statt Verurteilung, auf die Person statt auf den Fall bezogen, rücksichtsvoller Umgang mit den Menschen – die sich in aller Regel nicht selber oder nicht angemessen wehren können. Das neue Kollegium für den Kindes- und Erwachsenenschutz besteht mindestens aus dem Gerichtspräsidenten und zwei Fachrichtern aus den Bereichen Psychologie und soziale Arbeit. Im amerikanischen Recht ist das grosse Familiengericht verankert, der Aargau betritt Neuland damit.

Ein Kraftakt erster Güte ist die Umsetzung von der schönen Theorie in die harte Wirklichkeit des Alltags

Dazu nötig war eine generalstabsmässige Organisation, damit am ersten Januar von der ersten Minute an alles bereit ist. «Sämtliche Akten sind in den letzten Wochen von den Gemeinden zu den Bezirksgerichten transferiert worden», versichert Oberrichter Jürg Lienhard. Alle Dossiers zu den rund 9000 laufenden vormundschaftlichen Massnahmen mussten zu den neuen Familiengerichten. Bei grossen Gemeinden wie Wettingen füllten die Akten ganze Lieferwagen. Für die 70 neuen Stellen mussten die Bezirksgerichte anbauen, umbauen oder völlig neue Räumlichkeiten beziehen, mit allen personellen und betrieblichen Konsequenzen. «Alle Büros sind bereit und alle Stellen mit den Fachleuten besetzt», sagt Lienhard und ist guten Mutes, dass nach hundert Jahren Vormundschaftsgesetz der grosse Sprung ins neue Zeitalter auch gelingen wird. Daran hat er als Mitglied der Aufsichtsbehörde alles Interesse und schon die Umsetzung engbegleitet und überwacht. Bisher war Oberrichter Lienhard Mitglied der Vormundschaftskammer, per Anfang Januar übernimmt er das Präsidium der Kammer für Kinder- und Erwachsenenschutz.

Ein Pikett für Notfälle ist schon für die ersten Stunden des neuen Jahres bereit und für 24 Stunden jeden Tag nötig. Denn vorsorgliche Verfügungen gegen Personen können mitten in der Nacht nötig sein, «aber im Alltag dürfte es doch eher um Einzelfälle gehen». Deshalb gebe es nur einen Pikettdienst für den ganzen Kanton, wenn es nicht ausreiche, könne man immer noch personell aufstocken. Bei häuslicher Gewalt oder anderen dringenden Fällen von Personenschutz sind Spitäler und Polizei zuerst an vorderster Front tätig.

Fazit: Im Neuland gibt es neben den Chancen auch Risiken. Damit der grosse Wurf gelingt, müssen Gemeinden, Sozialdienste, Abklärungsdienste, Berufsbeistände und alle weiteren Beteiligten am gleichen Strick ziehen.