Frostschäden
90 Prozent der Ernte weg: Regierungsrat Dieth spricht von "Jahrhundertfrost" und hilft Aargauer Bauern

Die frostigen Nächte Ende April haben der Aargauer Landwirtschaft enorm zugesetzt. Vor allem die Obstbäume und Rebstöcke haben gelitten. Einige Landwirtschaftsbetriebe rechnen mit einem Totalausfall ihrer Ernte. Jetzt gibt der Kanton bekannt, wie und wo er finanziell hilft.

Noemi Lea Landolt
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Der Remiger Winzer Bruno Hartmann (links) zeigt Regierungsrat Markus Dieth die Spuren, welche der Frost an seinen Reben hinterlassen hat.

Der Remiger Winzer Bruno Hartmann (links) zeigt Regierungsrat Markus Dieth die Spuren, welche der Frost an seinen Reben hinterlassen hat.

Bruno Hartmann fährt mit dem Finger über ein zartes Blättchen an einem seiner Rebstöcke. «Wenn ich Glück habe, gibt das eine Traube», sagt der Inhaber der Weinbau Hartmann AG in Remigen. Eigentlich würden aus jedem Stock zehn bis zwölf solche Triebe wachsen, die jeweils wieder zehn bis zwölf Trauben geben.

Aber bei den meisten Rebstöcken am Remiger Weinberg zeigt sich das gleiche Bild: wenig grüne, dafür viele tote Blättchen. Sie sind in den zwei Frostnächten Ende April erfroren. Dabei hat Bruno Hartmann alles versucht; seine Reben mit Vlies abgedeckt, sie beheizt und auch beregnet. Genützt hat es nichts. Die Ernte dieses Jahr wird keine gute, die Schäden sind enorm – nicht nur für Winzer wie Bruno Hartmann.

Weil die Temperaturen in praktisch allen Anbaugebieten im Kanton bei minus 3 Grad und tiefer lagen, sind viele Reben erfroren.
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Dies ist zum Beispiel in Magden oder Zeiningen im unteren Fricktal der Fall.
Aber auch in Gebieten ohne grossen Niederschlag, wie in Ennetbaden oder Untersiggenthal, sind rund 30 bis 50 Prozent der Triebe erfroren.
Mit Frostkerzen versuchen Aargauer Weinbauern darum, das Schlimmste zu verhindern.
Allerdings ist das Verfahren aufwendig und relativ teuer, pro Hektare fallen rund 2500 Franken an.
Notwendig sind für diese Fläche etwa 200 Kerzen – und diese zu bekommen, istderzeit fast unmöglich.
Aargauer Weinbauern kämpfen mit Frostschutzkerzen gegen Schäden an ihren Reben.

Weil die Temperaturen in praktisch allen Anbaugebieten im Kanton bei minus 3 Grad und tiefer lagen, sind viele Reben erfroren.

Raphael Nadler

Gestern Nachmittag hat der Kanton die Medien über das Ausmass des Schadens informiert. Landwirtschaftsdirektor Markus Dieth sprach von einem «Jahrhundert-Frost, der Schäden angerichtet hat, wie es die heutigen Landwirte im Aargau noch nie erlebt haben». Das ganze Ausmass werde sich erst in den nächsten Wochen zeigen.

Regierungsrat Markus Dieth. Hier vor seiner Reblage.

Regierungsrat Markus Dieth. Hier vor seiner Reblage.

Frühe Früchte, später Frost

Regionen und Kulturen sind unterschiedlich stark betroffen. Obstbäume haben besonders gelitten. «14 Hektaren sind kaputt, nur eine habe ich noch», erzählt ein Obstbauer aus Remigen. Kantonsweit rechnen die Landwirte beim Obst mit einem Ertragsausfall von mehr als 85 Prozent. Bei Aprikosen, Birnen und Zwetschgen sogar mit 90 Prozent oder mehr.

Bei den Reben beläuft sich der Schaden auf durchschnittlich 60 Prozent. In einigen Regionen wie in Remigen, Villigen oder im unteren Fricktal rechnen die Winzer für dieses Jahr allerdings mit einem Totalausfall.

Schuld daran seien zwei Extreme, die zusammengekommen sind, sagt Matthias Müller, Leiter Landwirtschaft beim Kanton: «Die Pflanzen haben wegen der warmen Temperaturen früher als normal ausgetrieben und waren so nicht mehr vor Kälte geschützt. Zudem waren die Temperaturen in den beiden Frostnächsten extrem tief.»

Nicht nur finanziell belastend

Der Kanton geht von einem Schaden von mehr als 30 Millionen Franken aus. Die finanziellen Einbussen haben gravierende Konsequenzen für die betroffenen Winzer und Landwirte. Einige
sehen sich daher mit ernsthaften Liquiditäts- und Existenzproblemen konfrontiert. «Vor allem in Regionen wie Remigen, Villigen oder Döttingen, die schon letztes Jahr mit Ausfällen wegen Frost zu kämpfen hatten, ist das natürlich besonders bitter», sagt Müller.

Unter der Leitung von Regierungsrat Markus Dieth haben der Kanton, die Spitzen des Aargauer Bauernverbands und die wichtigsten Produzentenverbände eine Lagebeurteilung vorgenommen und verschiedene Sofortmassnahmen geprüft. Der Kanton gewährt den Landwirten und Winzern zinslose Überbrückungskredite (siehe Artikel unten) und Stundungen von laufenden Krediten. Es seien jetzt «unkomplizierte Lösungen gefragt, damit die betroffenen Betriebe nicht aufgeben müssen», sagt Regierungsrat Dieth.

Die massiven Ernteausfälle sind aber nicht nur finanziell eine Belastung für die Bauern, sondern auch psychisch. «Das sollte man nicht unterschätzen», sagte Alois Huber, Präsident des Bauernverbands Aargau. «Wir als Verband können den Bauern kein Geld geben, aber wir wollen ihnen unsere moralische Unterstützung anbieten.»

Weniger Aargauer Erdbeeren

Aber was bedeuten die Ernteausfälle eigentlich für die Konsumenten? Werden die Früchte und Beeren jetzt viel teurer, weil es weniger gibt? «Vor 100 Jahren hätten solche Frostnächte wahrscheinlich zu einem Versorgungsproblem geführt», sagt Matthias Müller, Leiter Landwirtschaft beim Kanton. «Heute muss sich niemand Sorgen machen, dass die Regale in den Läden leer bleiben.» Zwar gebe es dieses Jahr sicher weniger Aargauer Erdbeeren. Die Grossverteiler würden aber einfach mehr importieren. «Die Aargauer Beeren werden wahrscheinlich schon ein bisschen teurer», vermutet ein anwesender Landwirt. «Und die Konsumenten werden sicher auch einen Qualitätsunterschied spüren, weil Erdbeeren aus Spanien oder Frankreich nicht direkt vom Feld in die Läden kommen.»

An die Zukunft denken

Die Landwirte dürfen nach Jahrhundert-Frost und Millionenschäden nicht darauf vertrauen, dass es nächstes Jahr besser wird. Für Markus Dieth ist klar, dass sich solche Extremereignisse mit dem Klimawandel in Zukunft häufen werden. Überbrückungskredite seien eine gute Sofortmassnahme für Landwirte in Notsituationen, aber keine längerfristige Lösung. Das sagt auch Müller: «Deshalb müssen die landwirtschaftlichen Betriebe aufrüsten und in ihre Infrastruktur oder, wo möglich, auch in Versicherungen investieren.» Der Kanton und die Verbände wollen dabei eng zusammenarbeiten.