Fitnessbranche

81-Jähriger trainiert trotz Coronagefahr – trotzdem fehlen den Aargauer Fitnesscentern die Besucher

Im American Gym ist es momentan besonders ruhig.

Im American Gym ist es momentan besonders ruhig.

Fitnessstudios sehen ihre Besucherzahlen in den Monaten nach dem Lockdown schwinden, einige sorgen sich um die Zahl der neuen Aboabschliessungen. Dass die mit Corona verbundenen Risiken Fitnessstudios langfristig belasten werden, glaubt jedoch niemand in der Branche.

In der Nähe von Bahnhöfen gibt es in der Regel einen Einkaufsladen, einen McDonald’s – und einen Fitnessstudio. Oft kann der Pendler dank den grossen Fensterscheiben schon vom Gleis aus auf hantelschwingende oder auf Treadmills rennende Fitnessenthusiasten beobachten. Wie zum Beispiel beim ­Migros Fitnessclub in Solothurn.

Wer trainiert noch?

Draussen giesst es in Strömen an diesem Freitagmorgen, drinnen schwitzen sie. Auf Steppern und Yogamatten, an den Geräten und mit den Hanteln in den Händen. Rund 15 Leute trainieren in den weiten Räumen. Weisse Orchideen am Empfang und aus den Boxen säuseln Alok, Martin Jensen und Jason Derulo leise «Don’t cry for me».

Irgendwo unterhalten sich zwei Trainierende im Flüsterton, aber vor allem surren die Ausdauergeräte, hin und wieder das klackende Geräusch der Hantelgewichte.

Fitnesscenter füllen sich wegen der Coronakrise nur langsam. Im Bild trainiert eine Frau im Fitnessstudio Activ Fitness in Zürich Oerlikon.

Fitnesscenter füllen sich wegen der Coronakrise nur langsam. Im Bild trainiert eine Frau im Fitnessstudio Activ Fitness in Zürich Oerlikon.

Kaum öffneten die Fitnesscenter am 11. Mai wieder, stand er wieder auf der Matte. Hans Ochsenberger trainiert hier seit drei Jahren. Der 81-jährige Rentner baut vor allem Kraft auf. Der Nerv, der den Bizeps steuern sollte, hat sich bei ihm über die Jahre durch den Sport, das Tennisspielen, abgenutzt. Damit er auch weiterhin Bälle über das Netz schlagen kann, trainiert er die anderen Muskeln.Die Pandemie hat ihn kaum davon abgehalten, das Studio wieder zu betreten: «Ich hatte keine Bedenken, auch wenn ich vom Alter her zur Risikogruppe zähle. Sie achten hier sehr auf die Hygiene», sagt der vife Pensionär mit dem Schweisstuch über den Schultern. Plexiglasscheiben beim Eingang, Abstandsmarkierungen am Boden, Desinfektionsstation und der Hinweis auf dem Bildschirm: «Wir bitten dich, unsere Geräte nach jedem Gebrauch gründlich zu reinigen.»

Abgesperrt wegen Corona

Abgesperrt wegen Corona

Bis zu 40 Prozent Rückgang bei den Besucherzahlen

Doch nicht alle scheinen dermassen angefressen zu sein oder seine Bedenkenlosigkeit zu teilen. Gemäss dem Schweizerischen Fitness- und Gesundheitsverband (SFGV) liegen die aktuellen Besucherzahlen rund 30 bis 40 Prozent unter dem Vorjahr.

Grund dafür dürften die Unsicherheiten rund um die aktuelle Pandemie-Lage sein, sagt der Präsident des Verbandes Claude Ammann. Das sei vor allem problematisch, weil die Monate nach dem Sommer eine wichtige Phase seien, um neue Abos abzuschliessen.

Wie sehr die Auslastung unter Corona gelitten hat, dazu äussert sich die Migros auf Anfrage nicht. Sie betreibt über 130 Fitness- und Wellnessanlagen und ist damit schweizweit die grösste Anbieterin. Auf Anfrage diesbezüglich schreibt die Migros: «Interessanterweise konnten nach Volleröffnung im Juni und Juli deutlich höhere Besuchsfrequenzen verzeichnet werden als im Vorjahr. Allerdings ist die Auslastung im August und September im Vergleich zu den Vorjahren tiefer, dies liegt natürlich auch an der Ferienzeit, aber auch an dem ungewöhnlich schönen Spätsommerwetter des Monats September.»

Es läuft erst langsam wieder an

Das kann der Inhaber der «American Gym» Celal Karakaya in Anglikon bei Wohlen bezeugen. Der breitschultrige Unternehmer hat aus seiner Leidenschaft eine Nebenbeschäftigung gemacht, als er vor zwei Jahren sein «Gym» in ein altes Fabrikgebäude einrichtete.

Celal Karakay, Inhaber des American Gym in Anglikon bei Wohlen (AG)

Celal Karakay, Inhaber des American Gym in Anglikon bei Wohlen (AG)

«Old school»-Feeling beim American Gym

Celal, wie er lieber genannt wird, räumt viel Platz für Geräte mit Freigewichten ein. «Das ist für die Leute, die es etwas schwieriger haben wollen.» Auch die Einrichtung ist karg, die schwarzen und roten Sportgeräte fügen sich gut in die industrielle Architektur ein: Metallbalken stützen ein Sheddach mit beschlagenen Fensterscheiben.

Hier läuft keine Pop-Schnulze; Whiz Khalifa rappt «Black and Yellow» auf harten Hip-Hop-Beats. «Musik ist bei mir wichtig, ich erstelle meine Playlists selber», sagt Celal, der das Studio jeweils am Abend eine Stunde lang betreut, nach einem Arbeitstag als Werkstattleiter.

Old School-Studio

Old School-Studio

Er begrüsst die wenigen Mitglieder, die heute im Raum verteilt auf ihren Geräten «liften», beim Namen. Ein ­tätowierter Typ mit Basketball-Jersey schwitzt auf einer «Leg Press», ein weiterer wärmt sich vor den Hanteln auf. Am Nachmittag ist es immer eher leer, doch in jüngster Zeit sei es schon ruhiger als sonst im Gym mit dem Hulk-­Logo hinter der Theke.

«Es gibt weniger Neuabonnenten aktuell», sagt der Geschäftsführer, ein Mann von wenigen Worten, der in kurzen Sätzen seine Situation aber nicht überdramati­sieren will: «Es könnte schlimmer laufen.» Er hat seinen Abonnenten die zwei Monate Lockdown geschenkt und blickt zuversichtlich in die Zukunft. «Ich habe einen zu starken Charakter und bin zu positiv eingestellt, um aufzugeben.»

Der Hulk

Der Hulk

Die Branche bleibt positiv: Die Leute kommen wieder

Indes sieht Claude Ammann vom Fitnessverband keinen Grund, passimistisch zu sein. Er ist der Auffassung, dass Kunden in erster Hinsicht aus Gesundheitsgründe kommen und der Spassfaktor zweitrangig ist: «Mittel und langfristig wird es mehr Menschen geben, die sich gesundheitswirksam bewegen möchten.» Auch die Migros ist optimistisch, dass der Fitnessboom die Krise überstehen wird.

Exemplarisch dafür steht die 25-jährige Laura, die erst im Lockdown so richtig mit Sport angefangen hat, zuerst draussen, joggen mit dem Hund, danach im Migros Fitnessclub in Solothurn. Sie selbst macht sich nicht grosse Sorgen. Alles sei desinfiziert, die Leute würden Abstand haltgen. Auf Partys habe sie verzichtet, aber sie will sich nicht zu stark einschränken lassen und nimmt es in Kauf, falls es in den Umziehkabinen halt mal ein bisschen enger als sonst werden sollte. Man ist ja schnell wieder draussen.

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