Fehlende Alterswohnungen

6000 Aargauer Senioren könnten heute zu Hause gepflegt werden – ihre Zahl steigt weiter an

Im Aargau wohnen die meisten älteren Menschen selbstständig in eigenen Wohnungen und Häusern. Aber zentral gelegene und günstige Alterswohnungen fehlen.

Im Aargau wohnen die meisten älteren Menschen selbstständig in eigenen Wohnungen und Häusern. Aber zentral gelegene und günstige Alterswohnungen fehlen.

Ein Viertel der Menschen in den Aargauer Pflegeheimen braucht weniger als 40 Minuten Pflege pro Tag. Das entspricht rund 6000 Personen, die zu einem grossen Teil günstiger von der Spitex ambulant zu Hause gepflegt werden könnten. Weil Alterswohnungen aber Mangelware sind, reagiert der Kanton nun mit einem Handbuch für die Gemeinden.

 Im Aargau fehlen altersgerechte Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen. Das hat zwei Gründe: Die Menschen leben länger und die geburtenstarken Jahrgänge (1946 bis 1967) haben das Pensionsalter erreicht oder stehen kurz davor. Hinzu kommt, dass Seniorinnen und Senioren länger gesund und aktiv bleiben, selbstständig wohnen und weiter am öffentlichen Leben teilnehmen wollen. Die Nachfrage nach Alterswohnungen, die das möglich machen, ist deshalb gross, und sie wird weiter wachsen. Zu diesem Schluss kommt die kantonale Fachstelle «Alter und Familie».

Die Zahlen bestätigen den Befund: 2010 waren im Kanton Aargau 95'000 Personen über 65 Jahre alt, 2016 waren es schon 113'000. In zwanzig Jahren wird es im Aargau rund 75'000 über 80-Jährige geben – fast dreimal so viele wie heute. Etwa ab dem 75. Lebensjahr steigt der Pflegebedarf tendenziell. Trotzdem ist das Wohnen in einem Pflegeheim die Ausnahme. Die meisten älteren Menschen wohnen selbstständig in der eigenen Wohnung; im Aargau sind es heute 95 Prozent der über 65-Jährigen und 79 Prozent der über 80-Jährigen.

Durch diese «neuen Alten» kommen auf die Gemeinden ganz neue Aufgaben zu: Sie müssen Rahmenbedingungen, Wohnangebote, Dienstleistungen und Beratung so gut organisieren, dass sie die starke Zunahme an zunächst fitten, später tendenziell gebrechlichen und dann mehr oder weniger pflegebedürftigen alten Menschen auffangen können. Dabei müssen sie berücksichtigen, dass die meisten älteren Menschen möglichst lange selbstständig wohnen möchten.

Alterswohnungen fehlen

Die Förderung des Baus von Alterswohnungen kann sich für die Gemeinden lohnen: Selbstständige Wohnformen sind deutlich günstiger als das Leben im Pflegeheim. «Und günstige Lösungen sind nötig, denn in zwanzig Jahren werden nicht mehr vier erwerbstätige Personen auf eine pensionierte kommen wie heute, sondern nur noch zwei», heisst es im neuen Handbuch «Wohnen im Alter» der Fachstelle «Alter und Familie».
Die Statistik belegt diese Aussage: Ein Viertel der Personen in Aargauer Pflegeheimen braucht weniger als 40 Minuten Pflege pro Tag. Das sind über 6000 Personen, die zu einem grossen Teil von der Spitex ambulant und günstiger zu Hause gepflegt werden könnten. Dies ist aber meist nicht möglich, weil entsprechende Alterswohnungen fehlen.

Wenn es in der Gemeinde genügend kleinere, zentral gelegene, hindernisfreie Wohnungen gibt, können die meisten Menschen mit punktuellem Unterstützungsbedarf länger selbstständig leben. Solche altersfreundlichen Wohnungen können die Phase des fragilen, noch selbstständigen Alters zwischen Eigenheim und Pflegeheim verlängern. Sie geben älteren Menschen die Möglichkeit, ihre Häuser früher jungen Familien zu überlassen und den Übertritt ins Pflegeheim hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden.

Doch solche Wohnungen sind Mangelware. In über der Hälfte der 213 Aargauer Gemeinden gab es 2017 kein Angebot im Bereich Wohnen im Alter. Das bedeutet, dass Menschen, die in eine Alterswohnung ziehen möchten, oftmals ihre bisherige Wohngemeinde verlassen müssen und dadurch einen Teil ihrer sozialen Beziehungen verlieren. Das widerspricht der Erkenntnis, dass das Altern leichter fällt, der Pflegebedarf kleiner ist und die alterspolitischen Aufgaben einfacher zu lösen sind, wenn die Menschen im Alter in ihrem sozialen Netz integriert bleiben und sich die Generationen im Alltag nahe sind.

In einer 2017 von der Fachstelle «Alter und Familie» durchgeführten Umfrage haben die Aargauer Gemeinden Wohnen im Alter als das mit Abstand wichtigste Thema der Alterspolitik bezeichnet. Handlungsbedarf besteht demnach vor allem im Bauwesen und bei der Organisation von Betreuung. Und in einem dritten Bereich sind Ideen gefragt: Bei der Finanzierung der Angebote, damit sie möglichst für alle bezahlbar sind.

Fragen hilft weiter

Mit ihrem Handbuch setzt die Fachstelle genau hier an: Es richtet sich an Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, an die Gemeindeverwaltungen und auch an die Regionalplanungsverbände. Ebenfalls profitieren sollen Trägerschaften von Alterswohnprojekten, Fachleute sowie Bürgerinnen und Bürger, die sich in der Alterspolitik engagieren.

Im Zentrum stehen die Fragen, die eine Gemeinde stellen und beantworten muss, in der mehr altersgerechte Wohnungen oder ein neuer organisierter Wohn- und Lebensort für Menschen im dritten und vierten Lebensabschnitt entstehen sollen. Für kleine Gemeinden ist das ein grosses Unternehmen. Aber auch für städtische Orte ist es eine Herausforderung, ein Alterswohnprojekt so anzupacken, dass es nicht nur glatt über die Bühne geht, sondern für längere Zeit den Bedürfnissen entspricht.

«Das Handbuch soll helfen, die Breite des Themas Wohnen im Alter zu sehen und die richtigen Fragen stellen zu können, sei es in Diskussionen und Verhandlungen mit der Bevölkerung, mit der eigenen Verwaltung oder mit Firmen und Organisationen», sagt Richard Züsli, wissenschaftlicher Mitarbeiter der kantonalen Fachstelle Alter und Familie.

Das Handbuch möchte den Verantwortlichen den Einstieg ins Thema und in ein konkretes Projekt erleichtern. Dies, indem es sie in die Lage versetzt, die richtigen Fragen zu stellen. Wenn eine Gemeinde die richtigen Fragen stellen kann – schon ganz am Anfang des Prozesses, aber auch später während Planung und Bau und beim Aufbau des Betriebs – bleibt sie handlungsfähig, kann Planung und politischen Prozess steuern, die Qualität und die Kosten des Projekts kontrollieren, auch wenn sie nicht selber Bauherrin ist, lehrt das Handbuch den Sinn des Fragenkatalogs.

Grosse Wohnungen wenig gefragt

Eine wichtige Frage bei der Planung von Alterswohnprojekten lautet etwa: Was müssen Alterswohnungen bieten, damit es sich für alternde Personen lohnt, ihr Eigenheim aufzugeben? Denn man zieht im Alter nicht um, nur weil es vernünftig ist, sondern nur dann, wenn man einen deutlichen Mehrwert erhält. Zumal die Alterswohnung im Vergleich zum oft schon fast abbezahlten Eigenheim oder der günstigen Miete der bisherigen Wohnung eine teure Angelegenheit ist.

Deshalb ist klar: Um die Menschen zu überzeugen, mehr Geld für weniger Wohnfläche auszugeben, muss die Alterswohnung andere Qualitäten bieten. Sie sollte eher klein sein und zentral liegen, möglichst in der Nähe des öffentlichen Verkehrs, von Läden und Orten, wo das öffentliche Leben stattfindet. Der Gemeinde kommt hier die Aufgabe zu, den Bau von solchen günstigen und kleinen Wohnungen zu fördern. Denn davon gibt es viel zu wenige. Ein Blick auf den Wohnungsmarkt zeigt, dass Alterswohnungen mit über 90 Quadratmeter Fläche und über 2200 Franken Bruttomiete kaum Abnehmer finden. Auch das eine Erkenntnis, die das Handbuch für die Gemeinden bereithält.

94 Fragen, keine Antworten

Das Handbuch zeigt deutlich, dass es nicht bloss darum geht, altersgerechte Wohnungen zu bauen. Wohnen im Alter ist eine Querschnittaufgabe mit zahlreichen Aspekten, vielen Akteuren und langfristigen Wirkungen. Altersgerechte Wohnungen und Alterswohnprojekte müssen in den Alltag der Gemeinde und in ein regionales Netz von Dienstleistungen und Kontaktmöglichkeiten eingebettet sein.

Je besser dies gelingt, desto besser können sie die Bedürfnisse der Bevölkerung aufnehmen und gesellschaftliche Veränderungen berücksichtigen und desto grösser ist ihr Nutzen pro investierten Franken. «Für eine Gemeinde ist ein Alterswohnprojekt deshalb auch eine grosse Chance: Ein umsichtiges Projekt, das auf die lokalen Bedürfnisse und Möglichkeiten zugeschnitten ist, deckt nicht nur den Bedarf nach mehr Alterswohnungen, sondern kann gleichzeitig weitere Anliegen in der Gemeinde erfüllen – sogar über die Alterspolitik hinaus», lehrt das Aargauer Handbuch, welches das erste seiner Art in der Schweiz ist.

Gemeinde soll sich einbringen

«Wir möchten die Verantwortlichen in den Gemeinden ermutigen, nicht vor der Komplexität der Aufgabe zu kapitulieren», sagt Züsli. Sie sollen die Planung nicht einfach routinierten Firmen oder Planern überlassen und sich auch nicht mit allzu simplen Vorschlägen begnügen. Denn wenn die Gemeinde sich nicht einbringe, könnten Projekte entstehen, die alterspolitische Aufgaben ungelöst und lokale Möglichkeiten ungenutzt lassen.

Die Planung eines optimal auf den Ort zugeschnittenen Alterswohnprojekts will umsichtig angegangen sein. «Sie ist aber keine Hexerei, wenn man die richtigen Fragen kennt», macht Richard Züsli den Gemeinden Mut. Wer als Lokalpolitiker nun wissen möchte, welches denn diese «richtigen Fragen» sind: Alle 94 Fragen sind zu finden im Aargauer Handbuch «Wohnen im Alter».

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Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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