Alarmierung

5300 Freiwillige: Ersthelfer-App ist nicht in Notrufzentrale integriert

Nicht immer ist die Ambulanz rechtzeitig vor Ort. (Symbolbild)

Nicht immer ist die Ambulanz rechtzeitig vor Ort. (Symbolbild)

Auf einer App für erste Hilfe sind zahlreiche Laien-Ersthelfer registriert, die in einem Notfall aufgeboten werden könnten. Eine Integration dieses Ersthelfer-Pools bei der Aargauer Notrufzentrale ist nicht geplant.

Der Fall erschütterte und warf Fragen auf: In Menziken erlitt ein 53-Jähriger nur 500 Meter vom örtlichen Spital entfernt einen Herzstillstand. Bis die Ambulanz eintraf, verstrichen nicht weniger als 26 Minuten – schliesslich verstarb der Mann.

Jan Simmen, Ausbildungverantwortlicher der Betriebsfeuerwehr bei DSM in Sisseln, hat der tragische Fall sehr beschäftigt. Simmen ist selber ausgebildeter Ersthelfer mit Zertifikat für Herzmassage und Defibrillator-Einsatz. «Mir ist sehr bewusst, dass bei einem kardiologischen Problem jede Minute zählt. Andererseits ist es frustrierend, dass viele helfen könnten, aber nichts davon wissen», schreibt er in einem Mail an die AZ. Seit gut einem Jahr ist Jan Simmen bei ubiquehealth.ch für die First Responder App registriert.

Dieses Netzwerk habe über 5300 Laienhelfer in der ganzen Schweiz und im grenznahen Ausland gewinnen können. Einige davon laut Simmen mit guter Ausbildung und Zugang zu Defibrillatoren in unmittelbarer Nähe. Leider arbeite die kantonale Notrufzentrale aber nicht mit diesem Dienst zusammen, kritisiert der Rheinfelder. «Auf meine persönliche Nachfrage hin hiess es dort, dass kein Bedarf für diesen Dienst bestehe.» Als Vollblutfeuerwehrmann, Instruktor und Ausbilder für Helfer bei Herzstillstand sei es ihm ein grosses Anliegen, «dass den Entscheidungsträgern in Aarau bewusst wird, dass es dieses Bedürfnis sehr wohl gibt».

Kanton hat keine Ressourcen

Simmen sagt, im Kantonsvergleich stehe der Aargau bei der Ersthilfe schlecht da. Viele Firmen hätten gut ausgebildete Ersthelfer, die auch gerne in ihrer Freizeit ihr Können einsetzen würden, schreibt er. «Weshalb sollte man diesen Leuten nicht die Information geben, wo jemand Hilfe benötigt, statt es dem Zufall zu überlassen, ob gerade jemand in der Nähe ist?»

Warum ist die Ersthelfer-App nicht in die kantonale Notrufzentrale integriert? Reichen die restlichen Rettungsmittel, ist die Verfügbarkeit der First Responder zu unsicher, gibt es Bedenken, medizinische Laien zu alarmieren? Heini Erne, Fachspezialist Rettungs- und Katastrophenwesen im Gesundheitsdepartement, sagt auf Anfrage: «Im Aargau gibt es einige First-Responder-Gruppen auf freiwilliger Basis, die auf der Sanitätsnotrufzentrale 144 aufgeschaltet sind.» Aktuell gebe es keine Bestrebungen, ein flächendeckendes First-Responder-System in Betrieb zu nehmen, «dies unter anderem infolge fehlender personeller und finanzieller Ressourcen». Eine mögliche Integration von ubiquehealth.ch sei bisher nicht geprüft worden. Fachspezialist Erne hält darüber hinaus fest: «Im Fall Menziken waren First Responder vor Ort.»

Noch in keiner Zentrale aktiv

Auf der Website von ubiquehealth.ch findet sich ein Button, wo Betreiber von Notrufzentralen sich melden können, wenn sie den Dienst integrieren möchten. Laut Marc Gschwend, Verantwortlicher Apps & Technology, ist das System derzeit aber noch bei keiner kantonalen Alarmzentrale produktiv eingebunden. «Die Notrufzentralen in der Schweiz sind sehr unterschiedlich organisiert, es herrschen nicht in allen Kantonen die gleichen gesetzlichen Grundlagen», sagt Gschwend.

Aus seiner Sicht wäre eine schweizweite Integration der First-Responder-App die einzige zeitgemässe Lösung. «Unsere Gesellschaft ist mobil und wir brauchen die Helfer dort, wo die Notfälle sind», erklärt er. Die Reaktionen der Notrufzentralen seien aufgrund der kantonalen Organisation aber sehr zurückhaltend ausgefallen. Die Hoffnung hat ubiquehealth.ch dennoch nicht aufgegeben. «Wir sind derzeit auf der Suche nach Partnern und Ideen, wie die Vision eines nationalen Netzwerkes von Ersthelfern doch noch erreicht werden kann», sagt Gschwend. Klar sei aber, dass es dazu den Willen der einzelnen Leistungserbringer brauche.

Info für Ersthelfer per Handy

Ubique Health habe mit «Echo112 – Pocket Livesafer» eine beliebte, weitverbreitete App, die im Notfall das Senden des Standorts an die Alarmzentralen ermöglicht, erklärt Gschwend. Ausserdem hätten Einsatzleitzentralen die Möglichkeit, mit einem SMS die Anrufer einfach zu lokalisieren, sollten diese die App nicht installiert haben.

«Als Ergänzung dazu haben wir dann die First-Responder-App lanciert», sagt Marc Gschwend. Diese sei von der Schweizer Öffentlichkeit sehr gut angenommen worden. Innerhalb kürzester Zeit hätten sich mehrere tausend Ersthelfer angemeldet. Die Vision von First-Responders von «Ubique» Health ist laut Gschwend eine sehr einfache. «Heute passieren Notfälle in unmittelbarer Nähe von Personen, die als Ersthelfer helfen könnten, jedoch nichts davon wissen. Wenn es also einen Weg gibt, diese Leute zusammenzubringen, können Leben gerettet werden – mit der First-Responder-App versuchen wir, genau dies zu erreichen.»

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