Der starke Regen hat einige Plakate der jungen Klimaaktivisten bereits in Mitleidenschaft gezogen, bevor der zweite Aargauer Klimastreik begonnen hat. Am Freitagmorgen haben sich trotz garstigem Wetter rund 500 Schülerinnen und Schüler aus der Region am Bahnhof Aarau versammelt, um durch die Innenstadt zu ziehen. Mehr als erwartet, hatten doch einige Kantonsschulen angekündigt, die Schüler müssten diesmal einen ihrer freien Halbtage beziehen, falls sie teilnehmen wollten. Schoggidrinks und Gipfeli werden vor dem Marsch rasch noch verschlungen, während die Organisatoren zu einer Aufwärmübung anspornen. Auf den handgemalten Plakaten der Schüler stehen Sprüche wie «Füsse sind wie Autos, nur besser», oder «Dinosaurier dachten auch, sie hätten Zeit».

Vom Bahnhofplatz bis zum Graben wird der Menschenzug von der Polizei begleitet, ohne dabei den Verkehr zu stören - die jungen Aktivisten laufen auf dem Trottoir. Allen voran geben zwei Organisatoren – ausgerüstet mit Mikrofon – den Ton und die Parolen an: «Klimanotstand jetzt sofort – bitte nehmt uns beim Wort», klingt es aus dem Verstärker.

Nicht nur Schüler dabei

Wie Sandro Covo, Präsident der Juso Aargau angekündigt hatte, laufen diesmal auch Erwachsene mit - unter anderem Grünen-Nationalrätin Irène Kälin. «Es ist wichtig, dass wir Erwachsenen den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass wir solidarisch sind», sagt sie im strömenden Regen und schiebt ihren in Regenschutz eingepackten Kinderwagen. 

Irène Kälin mit Kinderwagen am Klimastreik in Aarau.

  

Auch Raffael Zappa aus Lostorf ist deutlich älter als die streikenden Schülerinnen und Schüler. Er findet es wichtig, teilzunehmen: «Wir waren früher schon dabei bei der Anti-AKW-Bewegung, gebracht hat es nichts, aber aufgeben gilt nicht». Es sei skandalös, dass die Jungen die Klimastreiks durchführen müssten, obwohl das Thema doch alle angehe, ergänzt er.

Mittlerweile ist die Demonstration beim Graben angelangt und neigt sich dem Ende zu «Rauf mit dem Klimaziel, runter mit dem CO2», erklingt es nochmals aus der Masse. Die streikenden Schülerinnen und Schüler sind teils sehr jung, wie auch die 14-jährige Melanie Völlmin, welche die Bezirksschule in Rothrist besucht und für die Teilnahme den «Paragrafen» einziehen, sprich freinehmen musste. Dies tut sie für den Klimaschutz aber gern: «Wenn man die Berichte dazu liest, dann beschäftigt es einen sehr», sagt Melanie Völlmin.

Vorstoss im Grossen Rat geplant

Die Organisatoren der Klimastreiks im Aargau wollen nicht nur demonstrieren, sondern auch politisch aktiv werden. Am Ende des Demonstrationszugs in Aarau sind sie nahe beim Grossratsgebäude - das ist durchaus sinnbildlich für ihre politischen Absichten. Die kantonale Arbeitsgruppe des Klimastreiks strebt die baldige Ausrufung des Klimanotstands im Aargau an. In vielen Städten, auch in der Schweiz, sei dies schon erreicht und der Notstand ausgerufen worden, heisst es in einer Einladung der Arbeitsgruppe an die Fraktionschefs aller Parteien im Grossen Rat. Ziel sei es nun, einen Vorstoss vorzubringen, der auch im Aargau zur Anerkennung des Klimanotstandes führt.

In der ersten Aprilwoche organisiert die Aargauer Arbeitsgruppe ein Roundtable-Gespräch mit allen interessierten Fraktionen. «Wir laden Sie herzlichst ein, uns Ihren Delegierten oder Ihre Delegierte, vorzugsweise aus der Umweltkommission, mitzuteilen», heisst es in der Einladung. Nach einer ersten Standortbestimmung solle der Fokus darauf liegen, «einen fraktionsübergreifenden und mehrheitsfähigen Vorstoss auszuarbeiten», der am 8. Mai im Grossen Rat eingereicht werden soll.

Die Gesprächseinladung ging auch an SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati – unterzeichnet ist sie indes nicht namentlich, sondern mit «Der Klimastreik Aargau». Gallati hat der Arbeitsgruppe umgehend für die «namenlose Einladung» gedankt und im Namen seiner Partei abgesagt: «Die SVP macht nicht mit bei der Klima-Hysterie.»

Kirchenglocken für Klimaschutz

Auch in Baden zählte der Klimastreik rund 500 Teilnehmer – dabei zeigte sich sogar die reformierte solidarisch mit den Demonstranten. «Keine Angst, wenn gleich die Glocke läutet. Da ist niemand gestorben, das machen die für uns», teilte Jakub Morzycki den jungen und älteren Teilnehmern auf dem Badener Bahnhofplatz mit. Der 21-Jährige ist einer der Mitveranstalter des Klimastreiks in Baden, mit auffallend roter Regenjacke und Megafon avancierte er zum Wortführer.

Dass die Jugend später für die heutigen Entscheidungen der Politik zahlen müsse, wurde als Vorwurf erhoben Rund 500 Menschen waren auf den Bahnhofplatz gekommen – trotz des Regens. «System Change, not Climate Change» wurde von den Organisatoren als Schlachtruf vorgegeben, die Menge brauchte allerdings eine Weile, um die Parole aufzunehmen und wiederzugeben. Als die Menge vom Bahnhofplatz über die Badstrasse in die Weite Gasse loszog, wurde sie dann doch noch laut. Schülergruppen und Familien mit Kindern sowie Erwachsene schlossen sich gleichermassen der Menge an. Dabei waren auch SP-Nationalrat Cédric Wermuth, der einen Teil der Demonstration live auf Instagram übertrug, sowie Grünen-Grossrätin Ruth Müri.

Viele Teilnehmer hatten eigene Protestschilder gebastelt. Von Sprüchen wie «Pack die Badehose ein, das Meer kommt» bis hin zu mehreren Schildern mit dem Slogan der Klimabewegung «There is no Planet B» war alles vertreten. Stolz präsentierte auch die sechsjährige Mia ihr Schild: Die weinende Erdkugel sitzt in einem Kochtopf, daneben steht «Helft der Erde, sie kocht.» Das Schild hatte ihre Mutter Tanja Suter für sie gebastelt, die mit ihr und Bruder Ryan (10) angereist war.

Der Liveticker zum Aargauer Klimastreik vom Freitag: