Velokanton Aargau
50 Jahre Brugger Abendrennen: Wo der Mythos lebt

Heute feiern die Gümmeler in Brugg Jubiläum: Seit 50 Jahren trifft man sich mittwochs zum Abendrennen. Einblick in einen Sport, der auch ein Mythos ist.

Mario Fuchs
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Brugger Abendrennen

Sandra Ardizzone

Einer für alle, alle für einen. Mann gegen Mann. Mensch gegen Natur – in Form steiler Bergetappen oder beissender Regentropfen im Gesicht.

Es sind solche Bilder, die aus dem Radsport mehr machen als eine blosse Disziplin: eine Faszination, für manche gar einen Mythos.

Velofahren: Alle wissen, wie es geht, auch wenn man es selber vielleicht nur bis zum Bahnhof oder in den Ferien tut. Wie anstrengend es sein kann, und wie befreiend im selben Moment.

Es ist dieser Mythos, der uns in den Brugger Geissenschachen gelockt hat. Denn hier lebt der Mythos, Saison für Saison, seit 50 Jahren.

Von Mai bis August gehören die Mittwochabende den Radrennfahrern. Immer – ausser, wenn Jugendfest ist.

«Brugger Abendrennen»: Der Name steht für eine Institution im Aargauer Radsport, eine Plattform für die ganz Jungen, die mal ganz gut werden, und die etwas Älteren, die mal ganz gut waren. Ein Relikt, das sich behauptet, bis heute, am Leben erhalten von rund 50 Freiwilligen, man könnte auch sagen: Angefressenen.

Mit Bier und Tschäpper

Der Erfahrenste an diesem Juniabend: Max Keller, Jahrgang 1942, Gründervater, Ehrenpräsident – und bis heute Bauchef. «Me müend da no en Zwüschestecker ha!», ruft Max.

Zeit, um über die Anfänge zu reden, hat er gerade keine. Zuerst muss alles bereit sein für die 557. Abendrennen. Männer und Frauen in roten OK-Poloshirts stellen Pavillons auf, richten den Kassentisch ein, nehmen vom Metzger Lüthi Kisten mit Würsten entgegen und vom Beck Mor Kisten mit Brot und Nussgipfeln.

Dann der Mikrofontest: «Eins, zwoo. Eins zwoo! Chunnt öppis?» Hinter dem Gasgrill bestätigt ein Daumen, dass man Max tipptopp hört.

Radrennen im Aargau: Stars morgen in Gippingen – im Juni folgt Tour de Suisse

Dass der Aargau ein Velokanton ist, zeigt sich nicht nur daran, dass er über das grösste Radroutennetz aller Kantone verfügt, sondern auch am dichten Kalender der Rennsaison. Dieser startete im März mit der «Aargauer Challenge» in Rüfenach, ging im Mai mit dem Ehrendinger Pfingstrennen und der «Wittnau Challenge» weiter und erreicht diese Woche mit den Gippinger Radsporttagen (9.-12. Juni) seinen Höhepunkt. Morgen Donnerstag treten 20 internationale Profi-Teams mit vielen Stars zum Grossen Preis des Kantons Aargau an (Fahrerpräsentation in Leuggern 13.30 Uhr, Start 14.30 Uhr). Danach folgen das Mannschaftsfahren in Sulz (10. 7.), der GP Oberes Fricktal in Gansingen (6. 8.), das Fricktaler Bergzeitfahren (20. 8.). Zum Saisonende wird der ebenfalls traditionelle GP Rüebliland, ein Junioren-Etappenrennen durch den Kanton, ausgetragen (2.-4. 9.). Auch die Tour de Suisse macht wieder Halt im Aargau: Am 13. und 14. Juni mit einem Teilstück über Möhlin und Rheinfelden als Etappenort. (rio)

Jetzt hat er Zeit, ein paar Minuten aber nur, dann muss er wieder los. Früher, als er noch im Küchenbau gearbeitet habe, sei er am Mittwoch immer «punkt drüü» im Schachen gewesen.

Seit er pensioniert sei, sei es «äbe chli schwieriger» geworden. An 1966 erinnert er sich gut. Der «Radfahrerbund 5200 Brugg» hatte so viele lizenzierte Fahrer wie lange nicht mehr.

Im Jahrzehnt davor hatten Hugo Koblet und Ferdy Kübler für das gesorgt, was man heute einen Hype nennen würde.

Max und Kamerad Edwin Rudolf überlegten sich: «Was können wir machen, um unter der Woche rennmässig zu trainieren?»

Dem Vorstand schlug er vor: ein Trainingsrennen, am Mittwochabend. Der Vater, selbst Ehrenpräsident, meinte: «Du spinnsch!»

Am Mittwoch könne man doch keine Rennen machen. Doch der Vorstand gewährte den Jungen einen Versuch. Unter einer Bedingung: «Wir mussten einfach alles selber organisieren.»

Seither wurde nie pausiert. Seit 2012 nimmt die Zahl der Fahrer sogar zu. Es gibt immer weniger Trainingsrennen im Land. Auch aus dem Tessin reisen Teilnehmer an. Dennoch scheint die Zukunft nach dem Jubiläum unsicher.

OK-Mitglied Stefan Rauber sagt: «Nächstes Jahr gibt es uns sicher noch. Aber wie es in zehn Jahren aussieht, kann ich nicht sagen.» Für die Jungen sei es halt schwieriger, am Nachmittag für den Aufbau freizunehmen.

18 Uhr: Das erste Startkommando. Die Schüler eröffnen den Abend. In die Socken eines Fahrers gewebt steht: «Suffering like hell.» Der Speaker verkündet: «Dä Wättergott isch en Gümmeler, also wirds hebe!»

Die Holzbänke auf der Betontribüne füllen sich. An einem guten Abend kommen 1000 Zuschauer – und bleiben bisweilen bis Mitternacht. Wer Platz nimmt, tut dies mit Trinkbecher und Wurst.

Männer mit Tour-de-Suisse-Tschäppern, Mütter mit Velohelmen, ein Oberwachtmeister mit Tarnmutz.

Die Armee stellt die Bahn zur Verfügung und putzt sie immer um 16 Uhr, damit kein Sieg an liegengebliebenem Dreck der nebenan übenden Pontoniere kleben bleibt.

Abgesagt werden musste erst ein Mal: Als das «Argovia-Fäscht» auf dem Rasen in der Mitte des Rundkurses stattfand und die Aufbauarbeiten am Mittwoch begannen.

Max’ Hinweis, dass keine Kabel über die Rennbahn verlegt werden dürfen, ging unter. Für eine Absage war es zu spät. Die enttäuschten Rennfahrer erhielten Gratis-Nussgipfel.

«Hee Marvulli!»

Das Fahrerfeld erstreckt sich von der Fünfjährigen bis zum Siebzigjährigen. Sie fahren auf dem Velo nach Brugg, und die meisten auch wieder auf dem Velo nach Hause.

Niemand braucht eine Garderobe – es hätte auch keine. Pro Alterskategorie wird ein Rennen gefahren, dazu kommen Spezialevents.

Heute: Sprint. David Jansen, Jahrgang 1986, ist Presseverantwortlicher, fährt zwischen Facebook-Post mit aktuellem Foto und einem Gespräch mit dem az-Reporter die zwei Läufe – und gewinnt. 100 Franken Prämie.

Eine halbe Stunde später ist aus dem Bahnspezialisten wieder das OK-Mitglied geworden. Er versucht, für ein Legendenrennen am Jubiläumsanlass (heute Mittwoch, 17.45 Uhr) möglichst viele alte Bekannte zu motivieren. «Hee Marvulli!», sagt er in sein Smartphone, «du bist ja schwieriger zu erreichen als ein Bundesrat!»

Unterdessen starten Elite und Amateure zum Hauptrennen. 60 Runden à 960 Meter. Wer zuvorderst mitfährt, sammelt pro Runde Punkte, am Schluss wird abgerechnet. Es ist ein Training, aber ein ambitioniertes.

Silvan Dillier, aktuell als einer der aufstrebendsten Aargauer Jungprofis beim schweizerisch-amerikanischen Team BMC unter Vertrag, sagt: «Man geht da nicht hin, um einfach ein wenig mitzufahren. Wenn ich eine Startnummer auf dem Rücken habe, will ich mein Bestes zeigen.»

Heuer bleibt Dillier zwischen Giro d’Italia, GP Gippingen und Tour de Suisse keine Zeit für ein Abendrennen in Brugg.

Und doch versucht er, jedes Jahr mindestens einmal herzukommen. Damit scheint er auf der richtigen Spur: Fuhr doch der fünffache Tour-de-France-Sieger Bernard Hinault auch einst im Schachen.

Er war dannzumal hier in den Ferien, erfuhr vom Brugger Rennen, fuhr spontan mit. Natürlich gewann Hinault.

Und fragte das OK, ob er nächste Woche wieder antreten dürfe. «Natürlich!», habe man ihm geantwortet, erzählt Max. Da habe der Franzose 500 Franken Gage verlangt.

Natürlich habe man abgelehnt. Hinault fuhr danach nie mehr in Brugg. Der Mythos lebt weiter, auch ohne Stars.

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