Rund 10 Prozent der in 50 Jahren «Aktenzeichen XY... ungelöst» behandelten tatsächlich passierte Verbrechen sind Kriminalfälle aus der Schweiz.

Ein Blick ins Sendungsarchiv von «Aktenzeichen XY» zeigt: Auch Aargauer Ermittler nahmen die Kriminalsendung zu Hilfe. Fast fünf Mal wurde ein Mordfall aus dem Aargau thematisiert – fast, da ein Beitrag zwar verfilmt, aber nicht mehr ausgestrahlt wurde.

Allen voran stehen die zwei einzigen ungeklärten Tötungsdelikte, für die die Kantonspolizei eine auf ihrer Website eine eigene Unterseite führt: der Mord auf der Koblenzer Aarebrücke (2009, 20000 Franken) und der Leichenfund von Spreitenbach (2000, 50000 Franken).

1. Babyleiche im Wasserkraftwerk bei Leibstadt:

Grausamer Fund: Babyleiche treibt im Rhein

Grausamer Fund: Babyleiche treibt im Rhein (TeleM1-Beitrag vom 1. Juni 2015)

Der jüngste «Aargauer» Fall, der von der «Aktenzeichen»-Redaktion thematisiert wurde: Am 27. Mai 2015 wurde im Wasserkraftwerk Albbruck-Dogern an der aargauisch-deutschen Grenze bei Leibstadt die Leiche eines Säuglings gefunden. 

Die Ermittlungsbehörden beider Länder arbeiteten von Anfang an gemeinsam am Fall. Er wurde in der Sendung vom 24. Juni 2015 gezeigt. Einen Monat nach dem Fund hatte die Polizei noch keinen Hinweis auf die Mutter des Kindes. Auch nach der Ausstrahlung im Fernsehen gab es «kaum Reaktionen» – der Fall ist bis heute ungeklärt.

«Die Polizei sucht fieberhaft»: Aktenzeichen XY ungelöst: In der Sendung vom Mittwoch, 24.6. 2015, wurde ein Aufruf zum Fall der Babyleiche aus dem Rhein gesendet.

«Die Polizei sucht fieberhaft»: Aktenzeichen XY ungelöst: In der Sendung vom Mittwoch, 24.6. 2015, wurde ein Aufruf zum Fall der Babyleiche aus dem Rhein gesendet.

2. Mordfall Karl Dittmann, Koblenz:

Der deutsche Frührentner Karl Dittmann wurde am 27. November 2009 auf der Aarebrücke in Koblenz erschossen. Ein Velofahrer fand en Toten auf der Brücke, kniend zusammengesunken neben dem Geländer. Der Fall wurde in der XY-Sendung vom 9. Juni 2010 gezeigt.

«Aktenzeichen XY ungelöst» vom 09.06.2010 - mit Kurzfilm zum Mordfall Koblenz gleich zu Beginn

«Aktenzeichen XY ungelöst» vom 09.06.2010 - mit Kurzfilm zum Mordfall Koblenz gleich zu Beginn.

Für den Kurzfilm wurden Szenen auf einer Brücke nahe München gedreht. Zwar gingen danach 30 Hinweise ein, etwa, die Brücke könnte ein Homosexuellen-Treffpunkt oder Umschlagplatz für Schlepper sein. Das brachte die Ermittler aber auch nicht weiter, der Fall bleibt nach wie vor ungeklärt.

3. Leichenfund Heidi Scheuerle, Spreitenbach:

Der Spreitenbacher Leichenfund aus dem Jahr 2000 hat eine längere Vorgeschichte. 1996 war Heidi Scheuerle als Praktikantin des Schweizer Fernsehens unterwegs von Kreuzlingen nach Basel – mittels Autostopp. Unterwegs verlor sich ihre Spur.

Die Aargauer Polizei erklärte, es müsse «mit grösster Wahrscheinlichkeit von einem Tötungsdelikt ausgegangen werden». Deshalb wurde der Fall in der Sendung vom 21. Januar 2000 gezeigt.

«Aktenzeichen XY... ungelöst» Sendung 322 vom 21. Januar 2000: Der erste Fall ist jener von Heidi Scheuerle (Minute 4:15 bis 17:25).

«Aktenzeichen XY... ungelöst» Sendung 322 vom 21. Januar 2000: Der erste Fall ist jener von Heidi Scheuerle (Minute 4:15 bis 17:25).

Im Oktober darauf wurden in einem Dickicht in Spreitenbach die Überreste eines menschlichen Skeletts entdeckt. 2002 konnten die Ermittler bestätigen, dass es sich dabei um Heidi Scheuerle handelte. Wer der Täter war, bleibt weiterhin ungeklärt.

4. Kindsmord Christian Widmer, Windisch:

Der vierfache Kindermörder Werner Ferrari (mittlerweile 69-jährig) wird 1995 in Wettingen ins Gericht geführt.

Der vierfache Kindermörder Werner Ferrari (mittlerweile 69-jährig) wird 1995 in Wettingen ins Gericht geführt.

Noch weiter zurück liegt der Kindsmord an Christian Widmer. Der Zehnjährige verschwand am 19. Oktober 1987 von einem Jungschar-Jubiläumsfest in Windisch. Am Tag darauf finden Reiter seine halbnackte Leiche an einem Waldrand in Riniken. Knapp ein Jahr später wird der Fall in «Aktenzeichen XY» gezeigt.

Aktenzeichen XY zum Kindsmord in Windisch.

Aktenzeichen XY zum Kindsmord in Windisch.

Noch während der Sendung ruft die Mutter eines anderen Buben an, der 1971 auch von einem Festplatz verschwunden und danach getötet worden war. Erst Jahre später wird klar, wie wertvoll der Hinweis aus der Sendung war: Täter war in beiden Fällen der Serienmörder Werner Ferrari.

5. Vierfachmord, Rupperswil:

Es ist eines der grauenvollsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte: Am 21. Dezember 2015 ermordete der 33-jährige Thomas N. aus Rupperswil in einem Einfamilienhaus Carla Schauer (48†), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona F. (†21). Monatelang hatten die Ermittler der Aargauer Kantonspolizei nach dem Täter gesucht – ein im April gedrehter Beitrag hätte am 8. Juni 2016 in der Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» ausgestrahlt werden sollen und zur Klärung des Vierfachmords beitragen sollen.

«Es brennt!»: Nachbarn werden auf den Rauch aufmerksam, Carla Schauers Eltern rennen zum Haus.

«Es brennt!»: Nachbarn werden auf den Rauch aufmerksam, Carla Schauers Eltern rennen zum Haus.

Dazu kam es aber nicht mehr: dank der grössten Ermittlungsaktion der Aargauer Kriminalgeschichte wurde Täter Thomas N. am 12. Mai 2016 im Starbucks Aarau verhaftet.

Seither sitzt Thomas N. in U-Haft im Zentralgefängnis Lenzburg. Nach dem Vorliegen zweier psychiatrischer Gutachten erhobt die Staatsanwaltschaft am 7. September 2017 Anklage

Thomas N., der Vierfachmörder von Rupperswil, wird unter anderem wegen Kinderpornographie angeklagt

Thomas N., der Vierfachmörder von Rupperswil, wird unter anderem wegen Kinderpornographie angeklagt.

Das sagt die Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft und der Gerichtspsychologe (7.9.2017).

Ab 13. März 2018 findet die viertägige Gerichtsverhandlung in den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim statt.

Realisation: Elia Diehl

Vierfachmord von Rupperswil – Die Tat, der Täter, die Justiz (Stand: 16. Dezember 2016)