Interkulturfest
49 Menschen warten am Wochenende darauf, für ein Gespräch ausgeliehen zu werden

Noemi Lea Landolt
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Die Vorbereitungen sind abgeschlossen: Maja Bagat und Michele Puleo sind gespannt, wie die «Human Library» bei den Besucherinnen und Besuchern ankommt.

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen: Maja Bagat und Michele Puleo sind gespannt, wie die «Human Library» bei den Besucherinnen und Besuchern ankommt.

Foto: Colin Frei / Aargauer Zeit

Das Thema Migration polarisiert. Die Debatte wird längst nicht mehr sachlich geführt. Anstatt Lösungen werden Schuldige gesucht. Das war schon immer einfacher. Die Anlaufstelle Integration Aargau möchte dieses Muster durchbrechen. Mit einer Bibliothek, die am Samstag in der Alten Reithalle in Aarau im Rahmen des Interkulturfestes eingerichtet wird (siehe Box unten).

In der Bibliothek wird es keine Regale mit Büchern geben und auch keine bequemen Sessel. Die 49 Bücher sind Menschen. Sie sitzen an Tischen und können von den Besucherinnen und Besuchern für ein 20-minütiges Gespräch ausgeliehen werden. Gefragt werden darf alles. Das gehört zum Konzept einer «Human Library», also einer lebenden Bibliothek. «Die Bücher sind aber nicht gezwungen, jede persönliche Frage zu beantworten, und dürfen auch Gegenfragen stellen», sagt Michele Puleo, Geschäftsleiter von Integration Aargau. Ziel sei, sich im Dialog Vorurteilen zu stellen und den eigenen Wissenshorizont zu erweitern. «Es geht darum, miteinander anstatt übereinander zu sprechen», sagt Michele Puleo.

Programm: Kinderzelt, Konzert und Kulinarik

Das Interkulturfest in der Alten Reithalle in Aarau beginnt am Freitagabend um 20.15 Uhr mit «The Ecstatic», einer Tanzperformance von Jeremy Nedd mit Impilo Mapantsula.

Am Samstag gibt es auf dem Areal ab 16 Uhr Essen aus aller Welt. Die Kinder können im Zelt auf der Wiese malen und basteln oder sich schminken lassen.

Zwischen 17 und 20 Uhr wird die Alte Reithalle zur Human Library, bevor um 21.30 Uhr die Band Šuma Čovjek spielt. Die Musiker mit Wurzeln in Bosnien und
Algerien singen auf Arabisch, Englisch, Französisch, Serbokroatisch, Roma und Spanisch. Zum Abschluss gibt es ab 23 Uhr Disco mit DJane Emina.

Vom Professor bis zum Flüchtling

Er und seine Kollegin Maja Bagat haben die «Bücherauswahl» zusammengestellt. Angefangen bei A wie Angelo Maiolino, Kantilehrer und Autor des Buchs «Als die Italiener noch Tschinggen waren»; bis Z wie Zozan Ahmad, einer jungen syrischen Mutter, die seit 2017 in der Schweiz lebt und auf der Suche nach einer Lehrstelle als Köchin ist. «Die Bücher verbindet, dass sie bestens Bescheid wissen über die Themen Migration und Integration», sagt Michele Puleo. «Sei es, weil sie selber geflüchtet sind, weil sie sich in ihrer täglichen Arbeit mit dem Thema beschäftigen oder darüber forschen.»

Das Konzept der «Human Library» ist für viele der Bücher eine neue Erfahrung. Sie haben sich zum Mitmachen entschieden, weil sie die Idee originell oder den gegenseitigen Austausch inspirierend finden. Peter Uebersax ist eines der Bücher. Er ist Titularprofessor an der Uni Basel und lehrt dort Migrationsrecht. Das Thema polarisiere stark und teilweise herrschten falsche Vorstellungen über die Rechtslage, sagt er. Selber ist er über die Praxis zum Migrationsrecht gekommen und immer wieder erstaunt, «wie leichtfertig Menschen bereit sind, ausländischen Personen Rechte abzusprechen, die sie für sich selbst als selbstverständlich beanspruchen». Peter Uebersax wünschte sich für die Migrationspolitik etwas mehr Fremdperspektive und Realitätssinn. «Abschottung ist genauso wenig eine Lösung wie ungeordnete Migration», sagt er.

Ana Branković hat einen ganz anderen Zugang zum Thema. Sie ist in Bosnien geboren und in Basel aufgewachsen. Vor vier Jahren gründete sie die Plattform «wiewaersmalmit.ch», die den Fokus auf Menschen, Diversität und Alltagskultur in der Schweiz legt. Für sie gäbe es in einer idealen Gesellschaft das Wort Migration gar nicht. «Es gäbe nur Menschen. Und Menschen wären einfach Menschen miteinander, in all ihrer Vielfalt vereint.» Am Konzept reizt sie, dass man sich die Zeit eines anderen Menschen leihen kann. «Zeit hat für mich einen hohen Wert im Leben», sagt Ana Branković. «Ich fülle diese gerne mit spannenden Begegnungen.»

Noch einmal einen anderen Zugang zum Thema hat Pia Maria Brugger. Sie leitet den Bereich Asyl beim kantonalen Sozialdienst und kümmert sich zum Beispiel darum, dass Asylsuchende, die dem Aargau zugewiesen werden, eine Unterkunft haben. Pia Maria Brugger ist gespannt, welche Fragen und Themen in der Human Library an sie herangetragen werden. Die Not und das Elend der Menschen in Kriegsländern mache sie fassungslos. «Es ist eine grosse Tragik, dass weltweit so viele Menschen auf der Flucht sind und ihre Heimat und ihre Familien verlassen müssen.» Stolz ist sie auf ihr Team, das sich mit viel Herzblut für die Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden im Kanton Aargau einsetze. «Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe», sagt sie.

Für Integration Aargau ist die «Human Library» mit so vielen unterschiedlichen Personen eine neue Erfahrung. Die letzten Bibliotheken waren kleiner; die Bücher waren vor allem junge Menschen, die vor kurzem geflüchtet sind. Nun öffnen sie das Feld, um den Besucherinnen und Besuchern verschiedene Zugänge zum Thema zu ermöglichen. Was macht die Politik? Warum schickt die Schweiz Flüchtlinge nicht einfach in ihre Herkunftsländer zurück? Und wie ist es, flüchten zu müssen? Auf solche Fragen, finden Besucherinnen und Besucher am Samstag eine Antwort – oder zumindest einen Denkanstoss.