Aargauer Wald

4,3 Millionen Bäume mehr im Kanton: Geht es nach einer Architekten-Gruppe, soll der Aargau grüner werden

Bäume und Wiese im Quartier: Nebst mehr Wald sollen auch Wohngebiete grüner werden.

Bäume und Wiese im Quartier: Nebst mehr Wald sollen auch Wohngebiete grüner werden.

Rund 36 Prozent der Fläche im Kanton Aargau sind bewaldet. Nicht genug, findet eine Gruppe von Architekten und präsentiert eine «Waldstadt» – als Beispiel dient Lenzburg.

25 Prozent mehr Wald auf Kantonsgebiet. Dies ist die Vision der Aargauer Architektengruppe «Bibergeil», welche mit ihrem Projekt «Forêt en plus» einen Zukunftsplan für den Wald vorstellen. Dabei gehe es jedoch nicht nur darum, mehr Bäume zu pflanzen, sondern vielmehr um ein Zusammenkommen von Siedlungs-, Landwirtschafts und Waldflächen, die nebeneinander existieren – oder, wie im obenstehenden Bild gezeigt, eben verschmelzen.

«Der Zukunftsplan umfasst einen von gesetzlichen Restriktionen befreiten Wald mit vielfältigen, neuen Nutzungsmöglichkeiten. Damit wird realistisch was bisher undenkbar war, nämlich das Wohnen im Wald», schreiben die Architekten. Denn die bisherigen Gesetze würden die Möglichkeiten der Ausdehnung der Waldfläche und die Waldnutzung zu stark einschränken.

Selbst ohne Bevölkerungswachstum seien Massnahmen für den Klimaschutz in näherer Zukunft umzusetzen, so brauche es neue Ansätze um den bestehenden Lebensraum und die verfügbare Fläche neu oder anders zu nutzen und gleichzeitig auch den Kohlenstoffgehalt in der Atmosphäre zu verringern – etwa indem durch Aufforstungen des Waldes der Atmosphäre Kohlenstoff entzogen und gebunden wird.

Die heutige «Wald-Situation» im Vergleich zur Vision der Architekten:

Mit dem von den Architekten angestossenen Projekt soll dies möglich werden, erklärt Lukas Zumsteg, Mitglied der Architektengruppe «Bibergeil»: «Wir brauchen mehr Bäume, um bereits vorhanden Kohlenstoff in der Biomasse und dem Boden zu speichern.»

25 Prozent mehr Wald zu pflanzen möge zwar nach viel erscheinen, «aber im Verhältnis zu dem, was uns mehr Waldfläche bringt, ist es ein relativ kleiner Aufwand mit grossem Effekt.»

Wohnen im Wald soll möglich werden

Und diesen Effekt erzielt man eben durch das Pflanzen von Tausenden von neuen Bäumen. Die Architekten verfolgen mit ihrer Vision zwei Ziele: «Einerseits wollen wir aufzeigen, wo überall die zusätzlichen Bäume untergebracht werden können, andererseits versuchen wir auch Strategien zu entwickeln, damit dieser zusätzliche Wald auch einen lokalen Mehrwert erschaffen kann.» Es gehe ja nicht darum, im Kanton Aargau einfach mehr Bäume zu pflanzen.

Denn mittels der Aufwertung von bestehender Waldfläche, der Einbindung von Bäumen in bestehendes Wohngebiet aber auch der Rekonstruktion von verlorener Waldfläche soll so auf mehreren Ebenen eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht werden:

Mikroklima: Neue Wälder können so angelegt werden, dass sie kühlende Luftströme für angrenzende Siedlungsräume generieren und so ein eigenes Mikroklima erzeugen.

Biodiversität: Einzelne kleine Wälder lassen sich zu zusammenhängenden Waldreservaten vernetzen, was die Biodiversität fördert. Vergrösserte Waldflächen erlauben auch eine schonendere Holznutzung.

Siedlung: Wohnen im Wald wird möglich. Die Verbindung von Siedlung und Wald könnte ein neuartiges urbanes Wohnen generieren, das den Kanton Aargau als Wohnstandort gegenüber andere Regionen auszeichnet.

Wenn Wohn- und Erholungsräume kombiniert werden: Ein mögliches Wald-Quartier der Zukunft.

Wenn Wohn- und Erholungsräume kombiniert werden: Ein mögliches Wald-Quartier der Zukunft.

Sport, Bildung und Kultur: Als Waldpark könnte der neue Wald Nutzungen aufnehmen, die dem gesetzlich reglementierten Wald verwehrt sind. Biketrail und Waldcamping sind ebenso denkbar wie Waldkindergärten, Waldfriedhöfe oder Waldtheater.

Landwirtschaft: Neue Waldgebiete haben eine Reduktion der Agrarflächen zur Folge. Gleichzeitig eröffnen sich innerhalb des Waldes neue Möglichkeiten zur nachhaltigen Produktion hochwertiger Nahrungsmittel, etwa in Form von Waldweidewirtschaft.

Die «Waldstadt Lenzburg» als Beispiel für die Zukunft

Der «Central Park» ist wohl das markanteste Merkmal der Waldstadt Lenzburg.

Der «Central Park» ist wohl das markanteste Merkmal der Waldstadt Lenzburg.

Konkret werden die einzelnen Ideen und Visionen für den Aargauer Wald in in der Projekt-Studie «Waldstadt Lenzburg» zusammengefasst. Gemeinsam mit Architekturstudenten der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) hat die Architektengruppe «Bibergeil», die aus den Architektenbüros Liechti, Graf, Zumsteg aus Brugg, den Meier-Leder Architekten aus Baden, den Schneider & Schneider Architekten aus Aarau und dem Badener Landschaftsarchitekten Rainer Zulauf besteht, eine mögliche Stadt der Zukunft entwickelt, welche die verschiedenen Ansätze der Bewaldung des Kantons zusammenfasst.

Durch eine präzise gezogene Grenze zwischen dem Wald und der Stadt entwickelt sich der Wald zu einem ellipsenförmigen «Central Park» im Zentrum der Ringstadt, die den Wald umgibt. Am Waldrand vermischen sich Wohngebiete und die Natur. Entweder entstehen begrünte Wohnquartiere oder es werden Wohnquartiere direkt im Wald gebaut.

Ein neues Wohnquartier das zum «Central Park» hin offen ist.

Ein neues Wohnquartier das zum «Central Park» hin offen ist.

Durch den Bau rund um den Wald werden verschiedene Gemeinden, die um den «Central Park» liegen, miteinander verbunden und zusammengeschlossen. Der Wald selber wird von einer Ringstrasse umgeben, welche die verschiedenen Gemeinden miteinander verbindet.

Lange gerade Strassenzüge weisen von den neu erschaffenen Wohnquartieren hin zum Park was einerseits einen guten Verkehrsfluss auf die Ringstrasse und andererseits langgestreckte Hofräume innerhalb der Quartiere ermöglichen soll.

«Mit unserer Vision wollen wir Debatten anstossen»

Aber was passiert mit den bereits bestehenden Wohnquartieren, die sich aktuell auf der Fläche des zukünftigen «Central Parks» befinden? «Bestehende Quartiere entwickeln sich innerhalb des Parks zu Gartenstädten. So entstehen im Wald neue Siedlungen», schreiben die FHNW-Studierenden, welche für den Park ein Szenario entworfen haben.

«Es ist bei unseren Projekten nie das Ziel, das Menschen umgesiedelt werden müssten. Vielmehr soll durch Aufforstung und neue Baumpflanzungen die Lebensqualität in den Wohnquartieren erhöht werden», erklärt Lukas Zumsteg.

Ein Waldsee am Standort des ehemaligen Kieswerks würde Attraktion und Erholungsmöglichkeit dienen. Erschlossen würde dieser See mit einem Netz aus Spazier- und Wanderwegen, welche den Waldrand mit dem See verbinden. Mit all diesen Massnahmen soll eine optimale Kombination aus Wohnraum, Entspannungsraum, Natur und einer Erschliessung des Verkehrs entstehen, was in der Region einen Urbanisierungsschub auslösen könnte.

Die Gruppe «Bibergeil» (von links): Rainer Zulauf, Rolf Meier, Martin Leder, Thomas Schneider, Beat Schneider, Lukas Zumsteg, Daniela Valentini, Andreas Graf, Peggy Liechti

Die Gruppe «Bibergeil» (von links): Rainer Zulauf, Rolf Meier, Martin Leder, Thomas Schneider, Beat Schneider, Lukas Zumsteg, Daniela Valentini, Andreas Graf, Peggy Liechti

Ob die Visionen der «Bibergeil»-Architekten eines Tages auch in die Tat umgesetzt werden können, ist fraglich. Das ist auch Lukas Zumsteg klar: «Uns geht es primär darum, eine Debatte über die Zukunftsgestaltung anzustossen und neue Grundsätze und Möglichkeiten zu diskutieren.»

Denn es brauche Gedanken und Überlegungen, die unabhängig von Politik und festgefahrenen Umsetzungskonzepten entwickelt werden könnten. «Wir haben uns zwar keine Ziele oder Deadlines gesetzt», so Zumsteg «aber es gibt eigentlich keinen Grund, nicht ab sofort an unserer Vision zu arbeiten.»

Kanton reagiert skeptisch auf Waldidee

Für die Raumplanung und den Wald im Aargau ist das kantonale Departement Bau, Verkehr und Umwelt zuständig. Aus der Sicht der Abteilung Wald stelle die Vision von 25 Prozent "Mehrwald" im Aargau auf den ersten Blick einen interessanten Ansatz dar, teilt Sprecher Giovanni Leardini mit. "Auf den zweiten Blick gilt es jedoch festzuhalten, dass 25 Prozent mehr Wald im Aargau das Klima nicht retten kann", hält er fest. Zudem berge die Vision die Gefahr, dass der heute gut in der Bevölkerung verwurzelte Schutz der Waldfläche aufgeweicht und eine weitere Ausdehnung von intensiven Nutzungsformen im Waldareal und im neu geschaffenen "Mehrwald" absehbar sei.

Aus der Sicht der Raumentwicklung hält Leardini fest, "dass der "Mehrwald" vor allem zulasten des Landwirtschaftsgebiets gehen müsste, was nicht realistisch ist". Das Landwirtschaftsgebiet müsse gemäss dem Raumplanungsgesetz geschont und für die Landwirtschaft erhalten werden. "Interessant am Vorschlag der Gruppe Bibergeil ist, dass Wohnen und Arbeiten in stark durchgrünten, auch mit grossen und hohen Waldbäumen bestückten Quartieren durchaus attraktiv sein kann", sagt Leardini weiter. Die intensive Durchgrünung bringe Schatten, Kühlung und Befeuchtung des Siedlungsgebiets, was die Siedlungsqualität erhöht und gegen die zunehmenden Hitzetage wirkt.

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