Schweizer Tafel

3500 Tonnen Lebensmittel füllen Mägen statt Abfallkübel

Unter dem Motto «Essen - verteilen statt wegwerfen» sammelt die «Schweizer Tafel» im Jahr 2011 3 494 750 Kilogramm Lebensmittel. Damit könnte allen 7,8 Millionen Einwohnern der Schweiz ein sättigendes Mittagessen zubereitet werden.

Wir werfen viel weg - denn wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Unmengen von Müll entsorgen wir Jahr ein Jahr aus. Doch nicht alles davon ist Abfall. Gerade Lebensmittel schlucken unsere Abfallkübel in geraumen Massen. 250 000 Tonnen oder 36 Kilogramm werden pro Einwohner jedes Jahr weggeworfen.

Ein signifikanter Teil, ob im privaten Haushalt oder bei den Grosshändlern und Grossverteilern, ist aber nicht verdorben oder nicht mehr geniessbar. Verkaufsdaten, Mindesthaltbarkeitsdaten oder härteres und trockenes Brot - mit solchen Argumenten entschuldigen wir unsere verschwenderische Tat. Ein Zehntel der weggeworfenen Nahrungsmittel sind aber noch immer für den Verzehr geeignet. Das sind sage und schreibe 25 000 Tonnen oder 62,5 Millionen Mahlzeiten.

Für Bedürftige und Benachteiligte

Das Projekt «Schweizer Tafel» von der Stiftung Hoffnung für Menschen hat sich vor elf Jahren dem Problem angenommen. Heute sammelt die Schweizer Tafel gute 3,5 Millionen Kilogramm Lebensmittel, im Wert von 22,8 Millionen Franken, für Mensch in Armut. «Es ist in der Natur der Sache, dass es Lebensmittel gibt, die nicht mehr verkauft werden können», erklärt Daniela Rondelli Stromsted, Geschäftsleiterin der Schweizer Tafel. «Es gibt auch eine Überproduktion, da der Konsument beim Einkauf volle Regale will.»

Die Verantwortung für den Überschuss und das Wegwerfen von Lebensmittel tragen laut Rondelli Stromsted die Konsumenten, Produzenten und der Handel. Es gelte ebenfalls zu lernen, was mit den Lebensmittel, statt wegwerfen, gemacht werden kann. Ihr Ziel sei es, das Bewusstsein der ganzen «Kette» zu sensibilisieren. «Auch das Bewusstsein, dass es Armut in der Schweiz gibt», ergänzt Rondelli.

Eine Reglementierung durch den Staat heisst sie aber nicht gut: «Ich bin nicht dafür, dass man Druck macht». Rondelli plädiert an die Eingenverantwortung und die Überzeugung, schliesslich sei es nachhaltiger, wenn sich ein Bewusstsein entwickle. «Der Staat muss eher schauen, wie die Menschen wieder aus der Armutsfalle finden», ergänzt sie, «der Staat könnte die Bedürftigen auch vermehrt sensibilisieren, dass es ein solches Angebot gibt».

Dem Aargau fehlen die Institutionen

«Schweizer Tafel» ist mittlerweile in elf Regionen tätig. Die verteilten Lebensmittelmengen unterscheiden sich regional stark. Im Kanton Basel-Stadt (577 040 Kilogramm) wird rund doppelt so viel verteilt wie im Kanton Aargau (239 750 Kilogramm). Wie kommt es also, dass ein bevölkerungsreicher Kanton wie der Aargau hinterherhinkt? «Ich kann das nicht klar beantworten. Entscheidend ist sicherlich, dass es in Basel viel mehr Spender als auch Institutionen, welche die Lebensmittel verteilen, hat», erklärt Daniela Rondelli Stromsted.

Gratis verteilte Lebensmittel im 2011 nach Regionen

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Gratis verteilte Lebensmittel im 2011 nach Regionen  

In Basel gibt es 105 spendende und 87 verteilende Institutionen, im Aargau sind es derweil lediglich 33 Spender und 28 Abnehmer. «Die grösste Herausforderung ist es, die Benachteiligten zu Erreichen, nicht das Sammeln der Lebensmittel», sagt Rondelli. So wurde beispielsweise das Engagement von «Schweizer Tafel» im Kanton Tessin beendet, da in der Region kaum ein Angebot an karitativen Institutionen gab. «Dort wäre eine Direktabgabe besser, aber von uns nicht machbar».

Dreiviertel von den Grossverteilern

Ein zuverlässiger Partner des Projekts ist die in Basel beheimatete COOP. Nebst einem sechsstelligen finanziellen Betrag bringt COOP mit 1 587 Tonnen mit Abstand am meisten Lebensmittel in das Projekt ein. «Die Verteilzentrale der COOP in Basel hat bestimmt einen Einfluss auf die Diskrepanz zwischen dem Aargau und Basel», so Rondelli. Denn die gesammelten Lebensmittel werden von «Schweizer Tafel» grösstenteils in der Region selbst wieder verteilt.

Die meisten überschüssigen Lebensmittel stammen von den Grossverteilern. Migros bringt jährlich 548 Tonnen in das Projekt ein. Der Unterschied ist gemäss Rondelli aber nicht auf eine Skepsis dem Projekt gegenüber zurückzuführen. «Die Migros ist eine Genossenschaft, jede regionale Genossenschaft prüft und entscheidet selber». Somit stellen sich hier dem Projekt hauptsächlich Hindernisse institutioneller Natur entgegen.

Der Absatzmarkt ist entscheidend

Menschen, welche unter oder an der Armutsgrenze leben, gibt es in der Schweiz genug. Auch überschüssige Lebensmittel (ca. 25 000 Tonnen) sind reichlich vorhanden, die Spender sind sehr kooperativ. «Wir konnten fast eine halbe Million Kilogramm Lebensmittel mehr einsammeln als im Jahr zuvor», freut sich Rondelli.

Sorgen bereitet ihr aber der Absatzmarkt. «Es müssen für die Bedürftigen neue Märkte geschaffen werden». So liessen sich alle unterschiedlichen Benachteiligten besser und effizient erreichen. «Doch das braucht Menpower und Geld», sagt Rondelli bedauernd.

Heute bräuchten beispielsweise auch viele arme ältere Menschen vermehrt Hilfe. «Gerade auch kinderreiche Familien, welche nahe an der Armutsgrenze leben, sind stark armutsgefährdet. Ein Jobverlust kann verheerende Folgen haben», betont die Geschäftsführerin von «Schweizer Tafel». 

Doch gerade jene, welche es nötig haben, trauen sich oft nicht Hilfe anzunehmen. Aber auch Unwissenheit und Unkenntnis von den Möglichkeiten stellen ein grosses Problem dar. «Es besteht eine grosse Hemmschwelle», sagt Rondelli und bringt es auf den Punkt: «Armut wird in der Schweiz immer noch stigmatisiert!»

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