«Brutale Hitze im neuen Schulhaus Gönhard Aarau: Am 1.7.19, 10.00 herrschen in den Schulzimmern bereits 30°. Der Bau kostete stolze 7.2 Mio, ist Minergie-Eco zertifiziert und hat eine Komfortlüftung. Warum wurde der Kühlung des Gebäudes keine Beachtung geschenkt?» Das schreibt Gabriela Suter, die Präsidentin der SP Aargau und Grossrätin, auf Twitter.

30 Grad in einem neu gebauten Schulhaus, das die neuesten Vorschriften für Energieeffizienz erfüllt – wie ist das möglich? 

Einen ersten Erklärungsansatz liefert die Beschreibung des Neubaus, der von Werk 1 Architekten und Planer in Olten projektiert wurde. «Eine Holzfassade sowie ein gefaltetes, leicht geneigtes Dach aus Metall, dessen Konstruktion zusätzliches Tageslicht von oben in die Räume der Primarschule führt, bildet die Gebäudehülle des Holzsystembaus», heisst es darin. Zudem befinden sich die Primarschulräume im Obergeschoss des Gebäudes, wo es tendenziell wärmer ist als im Erdgeschoss.

Klimaanlage nicht zulässig

Vize-Stadtpräsident Werner Schib war im Aarauer Stadtrat für den Bau des neuen Schulhauses zuständig. Er hält auf Anfrage der AZ fest: «Grundsätzlich werden alle neuen Liegenschaften der Stadt Aarau in Minergie-Bauweise erstellt, dieser Standard verbietet den Einbau einer Klimaanlage.»

Das würde dem Ziel widersprechen, Energie zu sparen und gelte auch für das Gönhard-Schulhaus. Schib ergänzt, im aktuellen Fall sei ihm nichts über eine Betriebsstörung bei den Storen oder bei der Lüftung bekannt. Es sei wichtig, dass sich alle Benutzer an die Vorgaben halten: Fenster nicht öffnen, nicht lüften, Storen herunterlassen. «Wenn dies eingehalten wird, dürften die Temperaturen im neuen Gönhard-Schulhaus angenehmer sein als in älteren, energetisch schlechteren Schulhäusern.»

Der Blick ins Klassenzimmer, wo am Montag 30 Grad herrschten.

Der Blick ins Klassenzimmer, wo am Montag 30 Grad herrschten.

Schib sagt, beim Bau sei die Frage der Kühlung und Lüftung beachtet worden, Vorgaben für eine maximale Temperatur, die nicht überschritten werden dürfe, habe es aber nicht gegeben. Es gebe aber Möglichkeiten, der Hitze zu entgehen. «Meine Tochter geht im Gönhard-Altbau in die Primarschule, letzte Woche wurden die Kinder einmal in den kühleren Keller oder in den Gang geschickt, um dort etwas zu lesen »

Dachfenster blieben zu

Martin Stuber war Projektleiter von Werk 1 für das neue Gönhard-Schulhaus. Er sagt auf Anfrage: «Aufgrund einer nicht aktivierten Programmierung haben sich in der letzten Woche die Dachfenster offenbar nachts nicht geöffnet. So konnten die Schulzimmer in der Nacht nicht auskühlen, wobei dies bei den hohen Temperaturen von Sonntag auf Montag ohnehin schwierig gewesen wäre.» Aus demselben Grund vermochte laut Stuber auch die Nachtauskühlungsfunktion bei der Lüftungsanlage die Temperaturen im Gebäudeinnern nicht mehr zu reduzieren.

«Holzbauten weisen ein gutes Raumklima auf», sagt Stuber, im Gegensatz zu massiven Bauten aus Beton, oder Backstein verfügen sie über weniger Speichermasse, was mit Dämmung grundsätzlich kompensiert werden könne. «Aus ökonomischen und ökologischen Gründen können Gebäude, ob im Massiv- oder Holzbau, nicht auf Extremtemperaturen ausgelegt werden, wie sie in den letzten Tagen herrschten.»

30 Grad auch in Boniswil

Hitze im Klassenzimmer – das gibt es nicht nur in Aarau. «Bei uns war es im neuen Schulhaus vergangene Woche auch so heiss», sagt Rainer Sommerhalder, Gemeinderat in Boniswil. Im alten Schulhaus, das vor mehr als 100 Jahren erstellt und kürzlich saniert worden war, lagen die Temperaturen laut Sommerhalder deutlich tiefer. Das neue Schulhaus war vor fünf Jahren gebaut worden, die zuständige Kommission hatte sich für Modulbauweise entschieden.

Bei einer Information im Jahr 2013 hiess es, solche Schulhäuser stünden den permanenten Bauwerken punkto Energie, Ökologie, Bauphysik, Raumklima und Schall in nichts nach.
Offenbar trifft dies mindestens bei der Temperatur im Schulzimmer nicht zu. «Das Gebäude hat relativ grosse Fensterflächen, die nach Süden ausgerichtet sind, zudem sind die Schulzimmer, in denen es 30 Grad heiss war, im oberen Stock», sagt Sommerhalder. Er hat nun den Auftrag erhalten, der Ursache für die unerträgliche Hitze auf den Grund zu gehen und mögliche Lösungen für das Problem zu finden.

Holzbau-Schulhäuser im Trend

Nicht nur in Aarau und Boniswil, sondern auch in anderen Gemeinden sind Schulbauten aus Holz derzeit im Trend. Eben erst wurde in Schöftland das neue Schulzentrum mit Verwaltungsbüros eingeweiht – ein Holzbau. Auch in Sarmenstorf im Freiamt gibt es mit dem Schulhaus Linea ein solches Beispiel, im Fricktal wurden in Kaisten, Oeschgen und Laufenburg drei Kindergärten in Holzbauweise erstellt.

Aus Holz ist auch der neue Kindergarten in Würenlingen, während in Mägenwil die Schulanlage mit Doppelsporthalle in Holz erstellt wurde. Für die Aarauer Schüler ist derweil Abkühlung in Sicht: Diese Woche soll es weniger heiss sein und am Freitag beginnen die Ferien.