Als ich nach der ersten Sitzung aus dem Gemeindehaus Eggenwil kam, war ich mir sicher: Hier werden wir nie und nimmer ein Auenprojekt realisieren können.» Das sagte Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau und ehemaliger FDP-Grossrat, an der Böttsteiner Tagung seiner Partei diese Woche.

Jenny sollte sich täuschen, und er freut sich, dass er mit seiner Einschätzung falsch lag. «Heute sind die Reussauen im Gebiet Foort ein Naherholungsraum für die Bevölkerung und die Gemeinde wirbt auf ihrer Website damit», sagte der freisinnige Naturschützer.

Auslöser für die Auenrenaturierung in Eggenwil, die 2005 mit dem Durchstich des neuen Seitenarms an der Reuss eingeweiht wurde, war eine Initiative mehrerer Umweltverbände. Das Volksbegehren verlangte, im Aargau innerhalb von 20 Jahren einen Auenschutzpark zu schaffen, der ein Prozent der Kantonsfläche umfasst. Vor gut 25 Jahren, am 6. Juni 1993, nahm die Stimmbevölkerung die Initiative mit einem Ja-Anteil von 68 Prozent deutlich an.

Nach acht Jahren im Richtplan

Bis die ersten Bagger auffuhren, um Flussverbauungen zu entfernen, und die Forstmaschinen anrückten, um standortfremde Bäume zu fällen, dauerte es noch mehrere Jahre. Zuerst mussten die Auengebiete im kantonalen Richtplan festgesetzt werden, was 2001 passierte. «Das war das richtige Vorgehen, damit wurde eine raumplanerische Basis gelegt», sagt FDP-Regierungsrat Stephan Attiger an der Tagung.

Als kantonaler Umweltdirektor eröffnete Attiger 2015 mit dem «Chly Rhy» in Rietheim das bisher letzte grössere Auengebiet. Schon vorher war die Realisierung des Schutzparks in freisinniger Hand: 2005 feierte Peter C. Beyeler den Durchstich an der Reuss in Eggenwil, als die Initiative 1993 angenommen wurde, hiess der kantonale Baudirektor noch Thomas Pfisterer.

Sein Sohn, der heutige FDP-Kantonalpräsident Lukas Pfisterer, wies in Böttstein darauf hin, dass im Grossen Rat im März ein 10-Millionen-Kredit für die Auenrenaturierung im Gebiet Reussegg in Sins einstimmig gutgeheissen wurde. «Dies völlig unbestritten und ohne Diskussion, was bei uns im Kantonsparlament sehr selten ist.»

Auengebiet dank Atomkraftwerk

Daraus zu schliessen, der Auenschutzpark und die Renaturierungen würden im Aargau durchweg auf Begeisterung stossen, wäre indes falsch. Bei vielen Projekten gab es Einsprachen von betroffenen Landbesitzern – so auch in Eggenwil, wie sich Johannes Jenny erinnert. Erst nach und nach habe sich die zuerst ablehnende Haltung von Landwirten und Gemeinderat geändert, mit viel Überzeugungsarbeit habe sich das Auenprojekt schliesslich realisieren lassen.

Langwierig und umstritten war das Projekt Chly Rhy in Rietheim. An der Tagung sagte ein Besucher, der Fluss fliesse dort heute nur dank des Atomkraftwerks Beznau frei. Tatsächlich war in Koblenz am Rhein ein grosses Wasserkraftwerk vorgesehen, in den 1960er-Jahren wurden schon erste Bauarbeiten vorgenommen. Doch die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) entschieden sich für Atomenergie, erstellten das AKW Beznau und verzichteten auf das geplante Flusskraftwerk am Rhein.

Bekämpft bis vor Bundesgericht

Verbaut wurde der Fluss bei Rietheim trotzdem, der fruchtbare Boden wurde landwirtschaftlich genutzt – und genau daraus ergab sich das Konfliktpotenzial bei der Renaturierung. Dem Bau der neuen Aue, der 2014 begann, gingen jahrelange juristische Streitereien voran. Ein Bauer wehrte sich bis vor Bundesgericht gegen das Projekt, unterlag aber schliesslich.

Auch in der Reussegg Sins mussten die höchsten Richter entscheiden. Sie kamen im Jahr 2013 zum Schluss, dass der Verfassungsauftrag für den Auenschutz höher zu gewichten sei als der Standort von zwei Grundwasserpumpwerken der Nachbargemeinde. Diese müssten verlegt werden, nur so könne das Potenzial des geplanten Auengebiets ausgeschöpft werden.

Tauschhandel kann Erfolg bringen

Auch heute gibt es Kritik, dies insbesondere aus bäuerlichen Kreisen. So wies CVP-Grossrat und Bauern-Geschäftsführer Ralf Bucher kürzlich darauf hin, dass rund 12 Prozent des Landwirtschaftslandes Biodiversitätsförderfläche seien. Norbert Kräuchi, Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer, hielt fest, naturnahe Landwirtschaftsflächen und Auengebiete liessen sich nicht vergleichen. «Das Überleben von Tier- und Pflanzenarten in den Auen kann nicht über Biodiversitätsförderung in anderen Lebensräumen gesichert werden, weil diese Arten spezialisiert sind und entsprechende Lebensraumansprüche haben.»

Johannes Jenny wünscht sich, dass der Auenpark noch grösser wird. «Wenn man alle geeigneten Gebiete renaturiert, könnten es 1,4 Prozent der Kantonsfläche werden», sagte der Pro-Natura-Vertreter. Das nächste Projekt könnte im Zurzibiet realisiert werden, beteiligt sind zwei Fussballclubs, die Plätze verlegen möchten, drei Gemeinden, der Betreiber einer Deponie, der ökologische Ausgleichsflächen fehlen, sowie Pro Natura und der Kanton als Landbesitzer. «Spruchreif ist nichts, das Erfolgsrezept könnte ein Tauschhandel mit Land sein, bei dem alle profitieren», sagte Jenny.