Hochwasser

19. Mai 1994: Als die Wyna die N1 überflutete

Die sonst unscheinbare Wyna überschwemmte die Autobahn N1 (heute A1). Diese musste während rund 24 Stunden gesperrt werden.

Die sonst unscheinbare Wyna überschwemmte die Autobahn N1 (heute A1). Diese musste während rund 24 Stunden gesperrt werden.

Vor 25 Jahren traten nach Dauerregen praktisch alle Aargauer Gewässer über die Ufer. Besonders schlimm war es im Wynen- und Suhrental.

Was haben Sie am Pfingstwochenende 1994 gemacht? Nicht wenige Menschen im Aargau werden diese Frage mit «Sandsäcke schleppen», «Wasser schöpfen» oder «Schlamm wegwischen» beantworten.

Denn am Donnerstag vor Pfingsten, am 19. Mai 1994, führten die massiven Niederschläge der vergangenen Tage zu einem Hochwasser, das weite Teile der Nordschweiz zwischen Jura und Bodensee in «eine grosse Seenlandschaft» verwandelte, wie der Reporter des Schweizer Fernsehens, damals noch «SF» meldete. Von «Sintflut» und «Jahrhundert-Hochwasser» war die Rede (damals konnte noch niemand ahnen, dass in den nächsten Jahren, etwa 1999 oder 2007, weitere folgen würden).

Sondersendung aus Unterkulm

Im Aargau führten an jenen Pfingsten vor 25 Jahren praktisch alle Gewässer Hochwasser. Am stärksten betroffen waren das Wynental, das Suhrental, das Surbtal sowie das untere Aaretal, das untere Reusstal und die Region Rheinfelden.

«Schweiz aktuell extra» vom 19. Mai 1994:

Das Schweizer Fernsehen reiste für eine Sondersendung nach Unterkulm, wo ein extra eingeflogener, blutjunger «Wetterfrosch» Thomas Bucheli mit Verve erklärte, dass «so eine klassische Fünf-B-Lage» Schuld sei an der Flut: Ein Tief, das sich über dem Golf von Genua gebildet und feuchtwarme Mittelmeerluft über die Alpen gebracht habe. «Diese Lagen sind berüchtigt dafür, dass sie starke Niederschläge bringen, aber wir haben das Ausmass unterschätzt. Wir hatten innert 24 Stunden 120 Liter Regen pro Quadratmeter», das sei ein Zehntel der Jahresmenge.

Zwei Meter Wasser auf der N1

In der Sondersendung schilderte der damalige Unterkulmer Feuerwehrkommandant Urs Wirz mit ernster Mine, wie er um 02:06 Uhr alarmiert worden war und zehn Minuten später die ganze Mannschaft zusammentrommelte, um aus Sandsäcken und Läden Dämme zu bauen, welche die Wyna ins Bachbett zurückdrängen sollten. Das sonst ruhige Flüsschen war innert Kürze zum reissenden Fluss angeschwollen. Teufenthal, Unterkulm, Oberkulm, Gränichen – alles stand unter Wasser. Und: Die Wyna kappte die Hauptschlagader der Schweiz.

«Das ist nicht etwa die Aare, sondern die Autobahn», kommentierte die Fernsehsprecherin Luftaufnahmen über dem Bereich Suhr-Gränichen. Die N1 – heute A1 – stand auf einer Länge von rund 400 Metern teils über zwei Metertief unter Wasser. Um 3:40 Uhr war sie gesperrt worden. Das führte zu Staus, teils bis zu 20 Kilometer. «Ist natürlich Mist, jetzt stehen wir schon zweieinhalb Stunden hier», sagte ein deutscher Lastwagenchauffeur in der «Tagesschau», derweil ein Einheimischer auf der Autobahnbrücke stehend fassungslos konstatierte: «Ich wohne seit 1957 da. So etwas habe ich noch nie gesehen.»

Tagesschau Hauptausgabe vom 19. Mai 1994

Freude hatten die Kinder, die das gesperrte Autobahnstück zum Spielen nutzten. Mitarbeiter des Strassenunterhalts wateten durch die braune Brühe und versuchten, die Kanalisationsschächte zu finden, um Wasser ablaufen zu lassen. Erfolg hatten später die Militärtaucher. Die Autobahn konnte am Freitag um 4.40 Uhr wieder geöffnet werden, sie hatte kaum Schaden genommen.

Schäden in über 150 Gemeinden

Auch auf den Schienen ging teils nichts mehr. Die Wynental-Suhrentalbahn fuhr tagelang nicht durchgehend, der Bahnhof Brugg stand unter Wasser, die Seetalbahn und die Bremgarten-Dietikon-Bahn meldeten Betriebsstörungen.

Der Katastrophenstab wurde aufgeboten. Die Genie-Rekruten aus Brugg und Bremgarten standen zusammen mit Feuerwehren und vielen Freiwilligen im Einsatz gegen Wassermassen und Geschiebe. Über 150 Aargauer Gemeinden waren betroffen.

Vielerorts fiel die Stromversorgung aus, Hallwilersee, Aabach und Bünz traten über die Ufer, in Möriken-Wildegg lief Wasser in die Turnhalle und ins Schulhaus, bei der Ems Dottikon AG «schwimmen Fässer herum», sagte der Aargauer Polizeikommandant Léon Borer. Ab Staffelbach bis Aarau verursachte die Suhre Überschwemmungsschäden in allen Gemeinden. Wegen Verunreinigungen mussten in Unterkulm, Teufenthal und Seon die Grundwasserpumpwerke abgestellt werden, die Bevölkerung musste das Hahnenwasser abkochen. Telefone waren tot, Felder standen unter Wasser, von 84 Kläranlagen im Kanton wurden vier überflutet und beschädigt, bei zehn trat Biomasse aus.

Das Fernsehen zeigte eine Unterkulmerin, die Schlamm aus der Küche wischte, nachdem die 30 Zentimeter Wasser abgelaufen waren. «Das sind alles Sachen, die man beheben kann», sagte sie schulterzuckend ins Mikrofon. Man wusste, es hätte noch schlimmer kommen können: Acht Monate zuvor waren im Wallis zwei Frauen bei einer beispiellosen Flut in ihrem Laden mitten in der Stadt Brig ertrunken; im Aargau blieb es bei Leichtverletzten und Sachschäden.

Der damalige Direktor des Aargauischen Versicherungsamts, Rolf Eichenberger, sagte, solche Hochwasserschäden habe es seit Menschengedenken nicht gegeben. Die Schadenssumme belief sich im Aargau am Ende auf 48 Mio. Franken.

KWC besonders betroffen

In Unterkulm traf es unter anderem die damals 500 Mitarbeiter zählende Armaturenfabrik KWC schwer. Ihr Fertigwarenlager mit Material im Wert von rund neun Millionen Franken wurde überflutet, wie Urs M. Gmür, Delegierter des Verwaltungsrats in Gummistiefeln, gegenüber «Schweiz Aktuell» ausführte.

Zum «Blick» sagte er: «Allein der Material-Schaden ist wesentlich höher als zuerst angenommen. Wir können sämtliche Armaturen nicht mehr gebrauchen. Der feine Sand drang durch Dichtungen und Ventile. Demontieren und Reinigung kämen teurer als die Neuherstellung.» Noch tagelang hatte die Firma Stromprobleme, wochenlang wurde aufgeräumt, ein Vermittlungsbüro hatte dazu 30 Arbeitslose geschickt.

Gedenkanlass in Oberkulm

Auch der Oberkulmer Schreinereiunternehmer Willy Barfuss gehörte zu den Geschädigten. Sein Grundstück liegt direkt an der Wyna. «In Werkstatt und Wohnung stand das Wasser 30 Zentimeter hoch», erinnert sich Barfuss, damals Offizier bei der Feuerwehr Oberkulm. «Ich musste mit Traktor und Schaufel evakuiert werden.» Der Schaden habe Zehntausende von Franken betragen, zum Glück sei das Gebäude selber unversehrt geblieben.

Zum Gedenken an das Hochwasser vor 25 Jahren hat Barfuss für den Sonntag, 19. Mai (ab 10 Uhr bis nach dem Mittag), eine öffentliche Veranstaltung in seiner Werkstatt initiiert, zusammen mit ehemaligen Feuerwehrangehörigen und dem Feuerwehrverein Oberkulm. Gezeigt wird ein kurzer Film über das Hochwasser 1994, die ehemalige Frau Gemeindeammann Katharina Steiner hält ein Kurzreferat, in der Festwirtschaft kann man bei Wurst und Bier das Ereignis Revue passieren lassen.

Überschwemmungen vom 19. Mai 1994: Videoaufnahmen des verstorbenen ehemaligen Oberkulmer Feuerwehrkommandanten Ernst Beck

Überschwemmungen vom 19. Mai 1994: Videoaufnahmen des verstorbenen ehemaligen Oberkulmer Feuerwehrkommandanten Ernst Beck

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