Jubiläum
150 Jahre Strafanstalt: Applaus und Gesichtszüge waren knallhart

Die Strafanstalt Lenzburg blickt auf ihre 150-jährige Geschichte zurück. Das Jubiläum lässt Gedanken und Geschichten sprudeln.

Jörg Meier
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Vier Jahre vor dem fulminanten ersten Auftritt der FHBB gastiert 1969 das Wicky Frank Sextett in der JVA Lenzburg.

Vier Jahre vor dem fulminanten ersten Auftritt der FHBB gastiert 1969 das Wicky Frank Sextett in der JVA Lenzburg.

rdb

Johnny Cash brachte am 13. Januar 1968 mit seinem Auftritt das amerikanische Staatsgefängnis «Folsom Prison» zum Kochen. Ähnliches gelang am 21. Januar 1973 der First Harmonic Brass Band (FHBB) aus Wohlen in der Strafanstalt Lenzburg.

Hubert Schneider, Mitglied der legendären, 1993 aufgelösten FHBB erinnert sich: «Wir erfreuten die Strafgefangenen mit unserer Show. Unter den Zuschauern waren auch einige Heimatangehörige.» Als solche bezeichnet Schneider jene Gefangenen, die er kennt, weil sie auch aus Wohlen stammen. Ein seltsames Gefühl. Die Show gefiel, die Gefangenen waren begeistert. Doch der Applaus sei «knallhart» gewesen, genauso wie viele Gesichtszüge, erzählt Schneider.

Die FHBB hat 1975 ein zweites Mal in «Lenzburg» gastiert. Da war man schon viel lockerer. Aber auf eine Zellenbesichtigung haben die FHBB-ler verzichtet. Man habe ja nicht im Sinne gehabt, sich dort niederzulassen.

Eine denkwürdige Niederlage

Vielen Leserinnen und Lesern ist es ähnlich ergangen wie Hubert Schneider. Mit dem Jubiläum geriet die Justizvollzugsanstalt in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die öffentlich gemachte Geschichte der Anstalt erinnerte an private Geschichten, die halb vergessen im Gedächtnis schlummerten.

So meldete sich eine Frau aus dem Seetal. Sie erzählte, wie in ihrer Kindheit jedes Jahr ein Mann vorbeigekommen sei, der aus Weiden geflochtene Körbe und Zainen zum Kauf anbot. Die Mutter habe dem Mann jedes Mal etwas abgekauft, weil der zwar Zuchthäusler sei, aber auch ein armer Mann. Aber das Mädchen solle ja bitte dem Vater nichts sagen. Der wäre nämlich nicht begeistert. Das Mädchen schwieg und der Vater hat sich nie gewundert, warum Körbe und Zainen immer wie neu ausgesehen haben.

Ein mittelmässiger, ehemaliger Fussballer weiss von einem denkwürdigen Spiel seiner Mannschaft gegen ein Team von Gefangenen innerhalb der Mauern. Bei Glutofenhitze sei seine Mannschaft kläglich untergegangen; die «Lenzburger» hätten das Spiel nach Belieben dominiert. Am Schluss seien alle erschöpft und nassgeschwitzt gewesen, und es sei nicht feststellbar gewesen, wer zu welchem Team gehöre und wer nun ein freier Mensch war und wer eher nicht.

Auch der Historiker und Publizist Pirmin Meier hat sich zu Wort gemeldet. Im Gefängnis sei sehr viel Gutes möglich, schrieb er. Einige der besten Bücher der Welt seien im Knast geschrieben worden. Kühn behauptet Meier gar: «Die besten geistigen Leistungen im Aargau sind von Gefangenen in der Festung Aarburg erbracht worden.» So etwa 1755 das erste Alpenpanorama oder das Konzept der ersten Landesvermessung. Und der bedeutende Politiker Schleuniger aus Klingnau schrieb Gedichte im Gefängnis.

Es gab aber auch andere Töne. So rechnete ein Kritiker vor, dass die 30'000 Jahre Freiheit, die in Lenzburg versickert sind, die Steuerzahler etwa 300'000 Jahre Arbeitsleistung gekostet hätten.