«Herren, daher!», ruft Rolf Stäuble. Für die 15 Männer, die im Halbkreis um den Kreiskommandanten stehen, ist es der letzte Befehl, den sie in der Schweizer Armee erhalten. Einige von ihren haben einen ernsten Blick im Gesicht, andere versuchen gar nicht, ihr Strahlen zu unterdrücken, während Stäuble seine Ansprache hält. Sie haben soeben, wie 424 andere an diesem Morgen, ihre Armeeausrüstung in der Mehrzweckhalle in Lenzburg abgegeben und sind somit aus ihrer Dienstpflicht entlassen.

Die Wehrmännerentlassung ist bis aufs letzte Detail durchgeplant. Immerhin müssen innerhalb von vier Halbtagen 1417 Männer und 18 Frauen entlassen werden. Bei der Anmeldung bilden sich keine langen Schlangen, effizient werden die Männer und Frauen zur ersten Station geführt. Dort müssen sie sich entscheiden: Waffe behalten oder zurückgeben?

170 Franken für das Gewehr

«Wenn sie die Waffe behalten, müssen sie einen Strafregisterauszug und einen Waffenerwerbschein vorlegen», erklärt Hansjörg Bähler, Chef persönliche Ausrüstung beim Armeelogistikcenter Othmarsingen. Diese kosten 70 Franken. Weitere 100 Franken gehen an die Armee, will man das Gewehr mit nach Hause nehmen. Die Waffen werden so umgebaut, dass sie kein Serienfeuer mehr schiessen können. In jedes Gewehr wird dann ein «P» gestanzt. «Damit gehört es nicht mehr der Armee. Es ist ihr persönliches Gewehr und liegt in ihrer Verantwortung», so Bähler.

Er und sein Team sind jeweils zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember in acht Kantonen für die Abrüstung von rund 6300 Wehrmännern verantwortlich. Dass bei dieser Menge jeder Griff sitzen muss, zeigt sich an der nächsten Station: die rückgabepflichtigen Gegenstände – beispielsweise der Tarnanzug, der Helm und der Ausgangsanzug. Hosen und Jacken fliegen durch die Luft, im Sekundentakt werfen sich die Soldaten die zurückgegebenen Gegenstände gegenseitig zu und verteilen sie in die richtigen Holzkisten.

Nach den Artikeln, die die Soldaten freiwillig zurückgeben können, endet der Parcours durch die Halle beim Eingang. Dort wartet Rolf Stäuble, bis sich Gruppen von 15 bis 20 Männern bilden. Er beginnt erneut mit seiner Ansprache. Dass er diese wiederholt halten muss, empfindet er nicht als lästig. «Es ist ein Zeichen der Wertschätzung», findet er. In seinen 18 Jahren als Kreiskommandant hat er schon über 100'000 Wehrmänner entlassen.

Militärguetzli zum Abschied

«Sie haben es durchgezogen, und darauf können Sie stolz sein», sagt Stäuble in seiner Rede. Er dankt den Männern für ihren Dienst, übergibt ihnen ein Taschenmesser sowie je eine Packung Militärguetzli und -schoggi. Mit einem Handschlag ist die Dienstzeit beendet. «Ein gutes Gefühl», findet Joshua Kubrak aus Aarau. Er hat die Rekrutenschule 2009 absolviert. Seine Waffe hat er, wie rund 90 Prozent aller entlassenen Wehrmänner, abgegeben. «Ich brauche keine Waffe zu Hause», erklärt er. Ähnlich sieht es auch Sven Fischer aus Hirschthal. Die Waffe hat auch er zurückgelassen – mit einer jungen Tochter wolle er sie nicht zu Hause haben. Er verlässt die Armee mit einem lachenden und einem weinenden Auge: «Es gab beides, gute und schlechte Zeiten.» Und fasst zusammen: «Ich würde es wieder machen, wenn ich nochmals die Wahl hätte.»

Im Hintergrund hält Rolf Stäuble seine Ansprache ein weiteres Mal. Mit dabei ist in dieser Gruppe eine Frau. Martina Holinger kommt aus Muhen und war als Unteroffizierin in der Fliegertruppe tätig. «Es ist schon speziell, das allerletzte Aufgebot zu erhalten», sagt sie. Holinger verlässt die Armee mit gemischten Gefühlen – und als einige der wenigen Frauen mit Gewehr. «Dazu baut man halt eine emotionale Bindung auf», erklärt sie. Ausserdem sei ihre ganze Familie im Schützenverein, und auch sie wolle künftig schiessen gehen. Das wird auch bei den Männern als Hauptgrund genannt. Patrick von Känel aus Suhr möchte ebenfalls schiessen gehen, Raphael Wyss aus Othmarsingen nimmt die Waffe aus Traditionsgründen mit nach Hause. «Ich bin nicht ein angefressener Schütze», betont er.

Doch Waffen sind nicht die einzigen Gegenstände, die mitgenommen werden. «Der Rucksack eignet sich super zum Wandern», erklärt beispielsweise Fabian Muntwyler seine Wahl. Auch T-Shirts und Unterwäsche habe er behalten. Während der frisch entlassene Wehrmann aus Schöftland von seiner Zeit in der Armee erzählt, wird die nächste Gruppe entlassen. Ein junger Mann hüpft pfeifend und lachend aus der Halle. Und vor Stäuble versammeln sich die nächsten 15 Männer: «Herren, daher!»