Wo ist der Wegweiser von Aarau nach Amerika, wo die Aare-Waage, das Hosensack-Museum, die Wassersinfonie, die Umlaufseilbahn, die Kantonsmitte oder das St.-Anna-Loch? Sie wissen das alles schon und haben es auch schon gesehen?

Dann kennen Sie vielleicht auch schon die 104 anderen weiteren speziellen Orte, die in einem neu erschienenen Buch über den Aargau vorgestellt werden? Oder doch noch nicht alle? Die einleitenden Stichworte haben gewiss gezeigt: In diesem Buch werden nicht die längst bekannten Perlen des Aargaus wie die Schlösser, bekannte Altstädte usw. vorgestellt. Es geht hier um Orte, die man nicht unbedingt kennt. Oder die man kennt, aber ohne die Geschichte dazu.

Hier schafft das 240-seitige Buch Abhilfe. Es enthält eine Mischung aus Orten in der Natur, der Kultur, der Historie. Das Buch ist kein Gastroführer, es werden aber auch ganz besondere Restaurants und skurrile Orte vorgestellt.

Pro Ort gibt es ein seitenfüllendes Bild und eine weitere Seite liefert die Geschichte dazu. Zusätzlich gibt ein kompakter kleiner Infoteil Angaben, wie man dorthin gelangt, über allfällige Öffnungszeiten usw. Kahi betont, niemand habe für das Erscheinen eines Ortes in diesem Buch etwas bezahlt, auch sie habe keinerlei Leistungen dafür erhalten, und auch in den vorgestellten Restaurants alle Konsumationen selbst bezahlt.

Wie kam Kahi auf die Idee für dieses Buch? Sie ist Autorin beim Emons-Verlag, hat dort mit «Im Schatten des Schlössli» schon einen in Aarau spielenden Krimi publizieren können. An der Buchmesse in Frankfurt schliesslich ging Kahi beim Stand dieses Verlages vorbei, um ihre Telefongesprächspartner persönlich kennen zu lernen.

Im Gespräch kam man darauf, dass dieser Verlag seit 2008 eine erfolgreiche Buchreihe über «111 Orte, die man gesehen haben muss» führt, und man da auch den Aargau vorstellen könnte. So kam es, dass nach Köln, Berlin, Kapstadt und London usw. der 121. Band dem Aargau gewidmet ist. Vor ihm hat erst Graubünden als bisher einziger Schweizer Kanton den Weg in diese Buchserie geschafft.

Mit Bus und Bahn

Kahi freundete sich gern mit der Idee an, fühlt sie sich doch im Aargau fest verwurzelt. Und sie wollte sich endlich Zeit für Dinge nehmen, die sie sowieso schon lange mal machen wollte. Sie fragte Bekannte nach Stichwörtern zum Aargau und erntete so viele Antworten, dass allein diese schon zeigen, wie facettenreich der Aargau ist.

Sie durchforstete jede Gemeinde-Homepage auf der Suche nach besonderen, auch nach skurrilen Orten, reiste dann ausschliesslich mit Bus, Bahn und zu Fuss durch den ganzen Kanton. Sie merkte bald, so Kahi, «dass meine Angst unbegründet war, es gebe ausser dem, was eh schon alle kennen, nicht viel zu berichten».

Manche Orte suchte sie in der zehnmonatigen Arbeit zum Buch mehrmals auf, um bei passenden Wetterbedingungen oder passender Tages- oder Nachtzeit fotografieren zu können.

Man sieht es, kennt es aber nicht

Kahi fragte oft Passanten, ob sie den bestimmten Ort kennen, an dem sie gerade vorbeigingen. Etwa Spaziergänger, die mit ihrem Hund täglich den Wegweiser Aarau nach Amerika passieren. Oder Leute in Frick nach der Umlaufmaterialbahn. Mehr als einmal zeigte sich, dass die Spaziergänger den Wegweiser nicht wahrnehmen. Jetzt wohl schon, wenn sie die Geschichte dazu kennen.

In Frick bekam sie mehr als einmal die verdutzte Rückfrage: «Welche Seilbahn?» Dann aber machte es klick. Natürlich kennt man die Bahn. Doch deren 40 Loren schweben schon so lange über den Ort, so Kahi, «dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt». Dabei steht sie für ein interessantes Stück Technikgeschichte (vgl. Bild oben).

Kahi hat Orte gefunden, die sie ohne ihr Buchprojekt nicht aufgesucht und kennen gelernt hätte. Jetzt mag sie deren Kenntnis nicht mehr missen. Sie bekennt denn auch schon im Vorwort: «Man könnte ohne Probleme zwei Bücher mit Geheimtipps und unbekannten Geschichten über bekannte Orte füllen.» Wer schon oft im Aargau unterwegs war, gibt ihr recht. So gestaltete sich der Entscheid über die 111 auszuwählenden Orte schwierig. Kahi: «Am Ende musste ich schweren Herzens unzählige wieder von meiner Liste streichen.»

Bei der Suche nach Orten, die man gesehen haben muss, kam Kahi durchaus auch ins Nachdenken. Etwa in der Sternwarte Nova Solaris in Schmiedrued. Beim Blick aufs Himmelszelt können existenzielle Fragen auftauchen, so Kahi, «man fühlt sich wie ein Staubkorn». All dies zeigt: Es gibt im Aargau ganz gewiss 111 und noch sehr viel mehr Orte, die es lohnt, kennen zu lernen.

Ursula Kahi: 111 Orte im Aargau, die man gesehen haben muss. Emons-Verlag, Köln 2015. 240 Seiten, reich bebildert, Paperback, Fr. 22.90.