Traumberuf
110 Meter über dem Boden: Aargauerin ist die erste Seilbahnerin der Schweiz

Bergbahnen sind noch immer eine Männerdomäne. Davon lässt sich die 31-jährige Karin Huber nicht abschrecken. Sie empfiehlt den Seilbahner-Beruf auch Frauen weiter.

Manuel Bühlmann
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Die Aargauerin Karin Huber ist die erste Seilbahnerin des Landes – für sie ein Traumjob trotz Risiken

Die Aargauerin Karin Huber ist die erste Seilbahnerin des Landes – für sie ein Traumjob trotz Risiken

Dort, wo den meisten Menschen der Puls rast und die Knie zittern, fühlt sich Karin Huber besonders wohl. Bis zu 110 Meter über dem Boden auf den Dächern der Seilbahnen von Saas-Fee arbeitet die 31-jährige Aargauerin.

Als erste Frau der Schweiz schloss sie im Sommer die zweijährige Ausbildung zur Seilbahnerin ab. Sie begleitet die Fahrgäste in der Gondel, verkauft Tickets an der Kasse oder macht Revisionen in luftiger Höhe.

«Das Gefühl so hoch oben geniesse ich am meisten», sagt Huber. Bei den Revisionen der Anlagen in den Zwischensaisons lassen sie und ihre ausschliesslich männlichen Kollegen sich auf dem Dach der Gondel oder in einem Korb an dessen Seite von Mast zu Mast fahren.

Das mulmige Gefühl bei ihrem ersten Mal in grosser Höhe ist verschwunden. «Ich habe mich daran gewöhnt.» Angst verspüre sie nie.

Die ängstliche Mutter

Mehr Sorgen macht sich hingegen ihre Mutter. Ihr ist nicht ganz wohl dabei, wenn ihre Tochter hoch über dem Boden arbeitet. «Wie Mütter halt so sind», sagt Karin Huber mit einem Schmunzeln.

«Ich sagte ihr erst dann, dass ich Seilbahnerin werden will, als ich mich schon für die Ausbildung angemeldet hatte.» Ihre Mutter könne aber inzwischen gut damit leben, weil sie wisse, dass ihr der Beruf sehr gut gefalle.

Gar von ihrem Traumjob spricht Karin Huber, die davor als Bäckerin-Konditorin während fünf Jahren ihr Geld verdiente. Am Bäckerberuf störte sie nicht nur der permanente Stress und das Aufstehen mitten in der Nacht, ihr fehlte auch die Arbeit in der Natur und die Nähe zu den Bergen.

Obwohl es ihr an ihren früheren Wohnorten Bremgarten und Zufikon gefiel, stand für sie schon früh fest, dass sie dereinst in eine Bergregion ziehen würde. Als Kind verbrachte sie die meisten Wochenenden beim Wandern und Skifahren.

Dank Saisonstellen in Laax und Davos konnte sie sich ihren Traum schon vor Jahren erfüllen. Und auch heute, da sie mitten in den Walliser Alpen lebt, schwärmt sie vom Gebirge. «Ich geniesse das Panorama immer noch, das verleidet mir nie.» Auch deshalb schliesst sie eine Rückkehr in die Backstube aus. «Ich kann mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen», sagt sie.

Das Risiko gehört zum Beruf

Bei aller Begeisterung für das Leben als Seilbahnerin, auch die Schattenseiten hat Karin Huber bereits kennen gelernt. Im vergangenen Jahr verunglückte ein 37-jähriger Arbeitskollege tödlich. 25 Meter stürzte er in die Tiefe. Er war ungesichert.

Kurz vor seinem Einsatz habe sie ihn noch getroffen, er habe sich sehr auf die Revisionsarbeiten an der Gondel gefreut. Ein Arbeitskollege überbrachte wenige Stunden später die traurige Nachricht. «Sein Tod ging mir sehr nahe», sagt sie. «Das vergisst man nie»

Seither wurden die Sicherheitsvorschriften nochmals verschärft. Helm und eine doppelte Sicherung mit zwei Seilen sind nun Pflicht. «Passieren kann immer etwas, das Risiko ist Teil des Berufs», sagt Huber.

Von gravierenden Zwischenfällen blieb sie bisher verschont. Einmal steckte ihre Gondel nach einem Stromausfall über zwei Stunden fest – allerdings in der Bergstation. Die Evakuierung über die Luke im Boden der Seilbahn hat sie zwar schon oft geübt, zum Ernstfall kam es bisher aber nie.

Gut gerüstet fühlt sie sich trotzdem. Es gelte in Notsituationen ruhig und freundlich zu bleiben. Das falle ihr nicht schwer. «Äusserlich sieht man mir nicht an, wenn ich angespannt bin.»

Begleitet sie die Passagiere in den grösseren Seilbahnen, hat sie dafür zu sorgen, dass bis zu 90 Personen sicher ans Ziel gelangen. «Es muss einem immer bewusst sein, dass man die Verantwortung für Menschenleben trägt», sagt sie. «Dazu gehört auch, die Kontrollen regelmässig zu machen und nicht nur die Unterschrift aufs Formular zu setzen.»

Faszination seit der Kindheit

Als einzige Frau unter vielen Männern zu arbeiten, macht ihr nichts aus. «Klar sagt man, dass es ein Männerberuf sei. Aber ich würde ihn Frauen genauso empfehlen.» Sowohl wetterfest als auch ohne Höhenangst müsse man sein und auch mal zupacken können.

Die männlichen Kollegen seien aber schnell zur Stelle, wenn es darum geht, ein besonders schweres Teil aufzuheben. Dumme Sprüche gebe es jedenfalls keine. Sie fühle sich von ihren Kollegen respektiert, sagt sie.

Womöglich wird sie schon bald deren Vorgesetzte. Wenn der Anlagenchef der Pendelbahn – ihrer Lieblingsbahn – nächstes Jahr in Pension geht, dürfte sie als Nachfolgerin nachrücken.

Schon in ihrer Kindheit war Karin Huber von Seilbahnen fasziniert. Besonders Eindruck machte ihr die Frau, die in der Seilbahn Engelberg Brunni als Begleiterin in der Gondel mitfuhr. Beim Durchblättern der Fotoalben hat sie zudem kürzlich bemerkt, dass es von Bildern mit Bahnen nur so wimmelt.

«Ich habe meiner Mutter wohl gesagt, sie solle möglichst viele Seilbahnen fotografieren», sagt sie. Die Faszination ist geblieben, heute begeistert sie auch die Technik. Und so verbringt sie ihre Ferien denn auch nicht am Strand, sondern in den Bergen, wo sie bei anderen Bergbahnen Probe fährt.

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