Aargauer A3

11 Meter Abstand bei über 100 Stundenkilometern: Ist der Angeklagte wirklich der Drängler vom Video?

Ist der Angeklagte wirklich der Drängler vom Video? (Symbolbild)

Ist der Angeklagte wirklich der Drängler vom Video? (Symbolbild)

Ein Fiat-Lenker soll auf der Autobahn mit 11,62 Metern Abstand einem anderen Fahrzeug gefolgt sein. Von der Fahrt existieren Videoaufnahmen. Der Angeklagte bestreitet aber, dass darauf sein Auto zu sehen ist.

Was sich an jenem Sonntagnachmittag im August vor zwei Jahren auf der A3 zwischen der Ausfahrt Brugg und der Verzweigung Birrfeld abspielte, hat sämtliche Instanzen bis hoch zum Bundesgericht beschäftigt. Beteiligt waren zwei Autos, wobei das hintere nahe aufschloss, viel zu nahe.

11,62 Meter betrug der Abstand, bei einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern. Zum Vergleich: Der Bremsweg ist bei diesem Tempo je nach Verhältnissen um die 75 Meter lang, Reaktionszeit nicht eingerechnet.

Der Vorfall ist auf Video festgehalten. Bloss: Handelt es sich beim Auto tatsächlich um den Fiat Croma des Beschuldigten? Ja, befanden Brugger Bezirksgericht sowie Aargauer Obergericht und verurteilten den Mann wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln durch ungenügenden Abstand beim Hintereinanderfahren zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse von 700 Franken.

Dagegen setzt sich der Beschuldigte zur Wehr, vor Bundesgericht verlangt er einen vollumfänglichen Freispruch. Er bestreitet, dass sein Fiat auf den belastenden Videoaufnahmen zu sehen ist. Eine zweifelsfreie visuelle Identifizierung der Fahrzeuge sei nicht möglich, auch deshalb, weil die Kontrollschilder nicht lesbar seien.

Und, so argumentiert er weiter, auch die Geschwindigkeit spreche gegen seine Beteiligung am Vorfall: Wäre er wirklich auf beiden Sequenzen, die auf zwei verschiedenen Passagen der Autobahn gefilmt worden sind, zu sehen, hätte er die dazwischenliegende Strecke von rund 2,5 Kilometern mit über 103 Stundekilometern zurücklegen müssen. Erlaubt seien auf einem Teil dieses Abschnitts aber nur 80 Stundenkilometer, daran habe er sich gehalten.

CH-Kleber hilft bei Identifizierung

Für das Aargauer Obergericht bestehen hingegen keine Zweifel, dass auf den Bildern das Fahrzeug des Beschuldigten zu sehen ist. Form und Farbe des Autos sowie Platzierung des CH-Klebers stimmten überein. Ihre Annahme untermauert die kantonale Instanz zudem mit einem Gutachten des Eidgenössischen Instituts für Metrologie, das die Mindestgeschwindigkeit des Fahrzeugs an einer Stelle der Autobahn auf rund 103 Stundenkilometer bezifferte. Dazu kommt: Die Bilder decken sich mit den Aussagen jenes Mannes, der im vorausfahrenden Auto sass und sich offenbar vom nahe aufrückenden Fahrzeug bedrängt fühlte.

Das Bundesgericht stützt die Einschätzung der Vorinstanz und weist die Beschwerde des Autofahrers ab. Daran vermochte dieser auch mit seinem Einwand nichts zu ändern, wonach auf dem einen Videoausschnitt ein Fahrzeug im Bild auftauche, dass in Bezug auf Farbe, Form und Typ genauso gut sein Fiat sein könne.

Die beiden Richterinnen und der Richter entgegnen, es sei nicht erkennbar, dass dieses ebenfalls gefilmte dritte Auto sowie das Fahrzeug des Beschuldigten verwechselt worden sein könnten. Sie lassen auch das Argument nicht gelten, wonach die Staatsanwaltschaft den Fiat-Lenker zusätzlich wegen Geschwindigkeitsüberschreitung hätte strafrechtlich verfolgen müssen, wenn sie von einem höheren Tempo als den erlaubten 80 Stundenkilometern ausgegangen wäre. «Der hier strittige Tatvorwurf setzt die höhere Geschwindigkeit im Streckenabschnitt zwischen den beiden Videostandorten gerade voraus», hält das Bundesgericht fest.

Der unterlegene Autofahrer muss nicht nur die Busse von 700 Franken, sondern auch die Gerichtskosten von 3000 Franken bezahlen. Darüber hinaus dürfte er Post vom Strassenverkehrsamt bekommen, bei einer groben Verletzung der Verkehrsregeln wird der Führerausweis für mindestens drei Monate entzogen.

Bundesgerichtsurteil 6B_657/2019 vom 5. September 2019

Autor

Manuel Bühlmann

Manuel  Bühlmann

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