Meinrad Suter, 61, nimmt eine Handvoll Äpfel aus dem grossen grünen Plastikbehälter. Die Augen hinter den Brillengläsern sind nach Jahrzehnten geschult. Sie entscheiden innert Sekunden, welche Äpfel ins grüne Gitter links (klein) und welche in das rechts (zu gross) kommen. Schnell und doch sorgfältig legt er die Früchte in die Plastikkiste. «Einen Apfel musst du behandeln wie ein rohes Ei», sagt er. An diesem Freitagmorgen stehen Meinrad und Marie-Louise in Faserpelzjacken vor dem Kühlraum und sortieren Tafeläpfel nach Grösse. «Der Handel kann das elektronisch. Wir machen das von Hand.» Pausenäpfel für Schulkinder. «Da sind die kleinen Kaliber gefragt.»

«Leichte Berostung»

Die Pausenäpfel sind das Einkommen der Familie Suter. Eine Nische, selber entdeckt vor 20 Jahren. Heute stehen 7000 Bäume auf dem Hof. Die Äpfel liefern Suters in Schulen und Grossküchen, Fabriken und Gewerbebetriebe. Keine Läden, keine Grossverteiler, nur Direktvermarktung. «Wir machen alles: Ernte, Sortierung, Lagerung, Auslieferung. So bleibt die ganze Wertschöpfung bei uns.» Würde er die Äpfel weitergeben, an einen Detailhändler etwa, erhielte er «weniger als einen Drittel des Ladenpreises».

Heuer gab es eine gute Ernte – trotz des späten, vielerorts verheerenden Frosts im April. «Wir dürfen nicht jammern», sagt Suter. Geholfen hätten die Höhenlage und die windoffene Seite gegen Osten. «Das hat den Eiswind von uns weggetragen.» Einziges Manko: Viele Äpfel erlitten Reizungen an der Fruchthaut. Von «leichter Berostung» spricht der Experte. Dieses Schadbild werde in den nächsten Monaten überall auftauchen. «Und es ist mir ganz wichtig, zu sagen: Das ist rein optisch! Diese Äpfel sind genauso fein! Die darf man auch kaufen.» Es wäre doch schade um all die Tafeläpfel, sagt Suter, wenn man die nachher alle in die Mosterei bringen müsste.

Apple Hall of Fame

Mit den Pausenäpfeln verdient Meinrad Suter seinen Zahltag. Sein Herz gehört einem anderen Teil des Hofs: dem «ersten Notasyl für bedrohte Obstsorten», wie es im Beschrieb auf der Website von Pro Specie Rara heisst. Eine Apple Hall of Fame, wenn man so will. Alle hängen sie hier, zwar nicht in einer Halle, um genau zu sein, sondern unter freiem Himmel: Hanger Süssapfel, Danziger Kantapfel, Gelber Edelapfel – Fiessers Erstling, Findling von Sigmaringen, Fromms Goldreinette.

800 alte, seltene Apfel- und 250 Birnensorten hüten Meinrad und Marie-Louise Suter auf ihrem Hof hoch über der Limmatstadt. Sie tun das seit 2003, mit grosser Freude – und mit Auftrag von weit oben: Die «Kernobstsammlung Münzlishausen» ist Teil der nationalen Genbank der Schweiz. Betrieben in Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara und Geldern vom Bund. Pomologen kommen vorbei und erfassen alle Sorten mit Fotos und Detailbeschrieben. In zwei oder drei Jahren könnte die Erfassung abgeschlossen sein, schätzt Suter. In Amtssprache heisst das: «Nationaler Aktionsplan zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen».

Meinrad Suter ist keiner, der solche Begriffe in den Mund nimmt. Er sei der Praktiker, sagt er beim Spaziergang durch die Sammlung, bei der die Schuhe nass und die Augen gross werden. Baum um Baum trägt voll behangene Äste. Er sei froh, dass zwischen ihm und dem Bund Pro Specie Rara geschaltet sei. Als Bauer sei für ihn Bern «echli zwiit ewäg», Verhandlungen zu führen «öppen e Nummere zgross». Er bleibt an einem Baum stehen. Bei über 1000 Sorten kennt auch der Profi nicht alle. Sie tragen keine Namensschilder, nur Nummern. Aber gewisse Grundregeln gelten für alle Sorten. Bei hellen Früchten etwa: je reifer, desto gelber. Suter pflückt einen Apfel, beisst hinein. «Wie erwartet. Er ist gut, hat aber im Hintergrund noch einen grünen Geschmack.»

Ein Leben für die Äpfel

Begonnen hatte alles 1999. Bruder Toni Suter, der in Dättwil eine renommierte Baumschule betreibt, hatte in diesem Jahr zu viele Gartenbäume. Statt sie zu vernichten, legten die Brüder in Münzlishausen einen Sortengarten mit 280 verschiedenen Exemplaren an. Den gibt es bis heute – «jetzt einfach als Hobby». Er sei zwar kein gelernter Obstfachmann. «Aber ich habe 40 Jahre Erfahrung», sagt Meinrad Suter und schmunzelt, halb zufrieden mit, halb stolz auf sich. Nur im Winter, wenn es nicht so viel zu tun gibt, hat er einen Nebenjob: Winterdienst in der Stadt Baden. «Sonst leben wir für die Äpfel».

Viele Sorten sah Suter kommen und gehen. Der Granny etwa sei quasi gestorben: «Er wurde abgelöst von neueren. So ging es schon vielen vor ihm.» Der Usterapfel war zu Kriegszeiten beliebt, als Zucker rar war und die süsse Sorte eingekocht und zum Süssen verwendet wurde. Oder der Cox Orange, der seine Blütezeit in den 50er- und 60er-Jahren hatte. Heute müsse der Geschmack ausgewogen sein: «Eine schöne Säure, aber auch eine schöne Süsse.» Dazu müsse er eine mittlere Grösse haben – und vor allem: «Schön rot aussehen.»
Das letzte Viertel der Ernte ist angelaufen.

Am Nachmittag wird wieder gepflückt. Als Helfer kommen Geschwister, Schwager, Schwägerin, Bekannte. Maximal fünf gleichzeitig. Beim Pflücken darf man so viele Äpfel essen, wie man mag. Und was gibt es in der Zvieripause? «Kafi! Und öppis Süesses dezue.»

Öffentliche Sortenausstellung: Baldeggstrasse 63, Baden, bis 31. Oktober, täglich 9 bis 19 Uhr, freier Eintritt.

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