Lehrermangel
1000 Lehrer gesucht: Neues Aargauer Schulsystem verschärft die Situation

Im Aargauer Schulblatt wurden allein dieses Jahr schon 1000 Lehrerstellen ausgeschrieben, viel mehr als letztes Jahr. Der Lehrerverband ist aber zuversichtlich, die Stellen besetzen zu können. Doch zunehmend leidet die Qualität an den Schulen.

Mathias Küng
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Haben die Schülerinnen und Schüler beim nächsten Schuljahresbeginn auch einen Lehrer oder eine Lehrerin?

Haben die Schülerinnen und Schüler beim nächsten Schuljahresbeginn auch einen Lehrer oder eine Lehrerin?

Fotolia

Laut Manfred Dubach, Geschäftsführer des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (alv), wurden im Kanton Aargau in diesem Jahr bisher 1000 Stellen ausgeschrieben. Im Jahr zuvor waren es noch 750.

Der Hauptgrund für die Steigerung ist klar: Aufgrund des Wechsels vom 5/4- auf das 6/3-System braucht es mehr Primarlehrkräfte. Die Schulen begannen mit der Suche entsprechend früher. Auch in den letzten Jahren wurden zahlreiche Lehrkräfte gesucht.

Per Anfang des neuen Schuljahres schaffte man es dann irgendwie, dass vor jeder Klasse eine Lehrerin oder ein Lehrer stand. Gelingt das 2014 wieder oder ist die Zahl der gesuchten Lehrkräfte für Primarschule und Kindergarten im Kanton Aargau diesmal schlicht zu gross?

Manfred Dubach glaubt, dass es wieder gelingen wird. Doch stelle sich zunehmend die Frage nach der Qualität der unter solchem Druck Eingestellten. Schliesslich müssen die Schulpflegen den Schulunterricht gewährleisten. Das tun sie.

Doch chronisch ist bereits der Mangel an Heilpädagoginnen. Dubach: «Oft fehlen in der Klasse diese Spezialisten, aber wenigstens ist eine Klassenlehrperson da.» Er beobachtet, dass in der Mangelsituation erst die Qualität abnimmt, bevor dann effektiv zu wenig Lehrpersonen verfügbar sind.

Schulleiter wie auf Nadeln

An der «Schulfront» spürt man den Mangel sehr. Markus Walter, Schulleiter der Primarschule Halde in Wohlen beispielsweise, sucht geradezu verzweifelt schulische Heilpädagoginnen. In ganz Wohlen gebe es zu wenig. Auch hat er vor fünf Wochen eine Stelle für eine Unterstufenlehrkraft ausgeschrieben.

Letzten Freitag flatterte eine Bewerbung herein – von einem Koch... Brauchbare Bewerbungen sind Mangelware. Wenn das neue Schuljahr näher kommt, sitzen Schulleiter wie Walter jeweils wie auf Nadeln.

Die zu vergebenden Stellen wurden in Wohlen schon im Januar ausgeschrieben – wie in den meisten anderen Schulen auch sehr früh, da dieses Jahr so viele Lehrkräfte gesucht werden. Doch der Rücklauf ist minim. Dabei stapelten sich noch vor wenigen Jahren bis zu 60 Bewerbungen für eine Stelle...

Setzen auf die Pfadi-Connection

Trotzdem ist Walter zuversichtlich. In seiner Schule unterrichten nämlich mehrere einstige Blauring- und Pfadiführerinnen. Sie haben ein grosses Beziehungsnetz und fragen einstige Kolleginnen an. Wenn diese sähen, dass das Schulteam gut harmoniert, würden sie kommen – dank Mundpropaganda.

Zuversichtlich ist Walter auch, weil bei ihnen viele Pädagogikstudenten Praktika machen. Wer da sehr positiv auffällt, den oder die versucht man gleich für die eigene Schule zu gewinnen.

In mehreren Schulen, so auch in Wohlen, beobachtet Walter zudem, dass es gelingt, einige vorab jüngere Bezirks-, Sekundar- und Realschullehrer – die es aufgrund des Systemwechsels nicht mehr braucht – für
fünfte und sechste Primarschulklassen zu gewinnen.

Rheinfelden sucht Fachlehrkräfte

Recht gut tönt es in Rheinfelden. Laut Heidi Federli, Leiterin der Schulverwaltung Primarschule und Kindergarten, konnten bereits mehrere Lehrkräfte für die fünfte beziehungsweise sechste Primarklasse gewonnen werden, die bisher als Real-, Sekundar- oder Bezirkslehrkräfte tätig waren.

Die Zeiten, als für eine Primarlehrerstelle bis 40 Bewerbungen hereinflatterten, sind zwar auch hier längst vorbei. Doch Federli ist zuversichtlich, dass auf Schuljahresbeginn hin alle Klassen eine Lehrkraft haben werden.

Schwieriger gestalte sich die Suche von Fachlehrkräften für Kleinpensen am Kindergarten, doch auch hier laufen bereits Vorstellungsgespräche.

Kanton Aargau ist zuversichtlich

Im Aargauer Bildungsdepartement kennt man die Problematik. Die Situation bestehe nicht überraschend, sagt die Medienverantwortliche Irène Richner-Schellenberg. Aufgrund des Wechsels zum 6/3-System habe sie sich verschärft. Richner: «Die Suche ist für die Schulen mit sehr viel Aufwand verbunden, das wissen wir. Doch wir sind zuversichtlich, dass es wieder gelingt, alle Stellen zu besetzen.»

Auf dem Internet-Schulportal des Kantons fanden sich übrigens per 30. April 315 Inserate mit 176 Vollzeitstellen. Ein Jahr zuvor waren es 268 Inserate mit 162 Vollzeitstellen. Das Problem von zu wenig Logopädinnen und Heilpädagoginnen besteht, räumt Richner ein. Eine schnelle Lösung hat auch der Kanton Aargau nicht. Neue Fachlehrkräfte müssen erst ausgebildet werden.