National- und Ständerat

100 Jahre Erfolgsmodell: Diese Wahl schüttelte den Aargau durch – Bundesrat hatte vor Anarchie gewarnt

Drei Initiativen waren nötig, um die Proporzwahl des Nationalrats einzuführen. Nachdem das Stimmvolk zweimal Nein gesagt hatte, hiess es die Einführung des neuen Systems 1918 gut, das sich als Erfolgsmodell entpuppen sollte.

Ein Jahr später, also vor genau 100 Jahren, wurde der Nationalrat erstmals im Proporz gewählt. Schnell bildete sich ein austariertes Mehrparteiensystem, das sich bis heute gehalten hat. «Der Wechsel zum Proporz war ein Meilenstein», sagt Silvio Bircher, Aargauer Alt-Regierungsrat und Kenner der Aargauer Politgeschichte. Der Wählerwille wird seither besser abgebildet. Der Aargau ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung, die 1919 ihren Lauf nahm.

Bis 1919 dominierte der Freisinn das Bundesparlament. Mit den Katholisch-Konservativen – der Vorläuferpartei der CVP – gelang einer zweiten Gruppe der Einzug in den Nationalrat. Erst 1919 glich sich das Kräfteverhältnis aber aus. Die FDP verlor im Aargau mehr als die Hälfte ihrer Mandate. Fortan hielten vier Parteien je drei Sitze: FDP, Katholisch-Konservative, SP und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei – die Vorläuferin der SVP.

Es erstaunt kaum, dass sich grosse Teile der Freisinnigen gegen den Proporz eingesetzt hatten. Auch der Bundesrat war dagegen. In der Botschaft zur zweiten Initiative argumentierte er 1910, eine Mehrheit im Parlament sei «unentbehrlich» für die Regierung. Ohne eine solche «herrscht nur noch Verwirrung und Anarchie». Er befürchtete eine «Schwächung der Volksvertretung». Die FDP verlor 1919 aber nicht ihre ganze Vormachtstellung: Sie stellte fünf der sieben Bundesräte und im Aargau beide Ständeräte.

Ein Ja-Plakat, das 1918 für die Einführung des Proporzsystems wirbt.

Ein Ja-Plakat, das 1918 für die Einführung des Proporzsystems wirbt.

FDP-Hochburg und ein steiler Abstieg

Im Aargau haben die Freisinnigen ihre Hochburg im Bezirk Aarau. 70 Prozent aller Aarauer Bundesparlamentarier seit 1848 waren Freisinnige. «FDP und SP verfügen hier über ein grösseres Potenzial an möglichen Kandidaten», schreibt Bircher in seinem Aufsatz «Politische Parteien im Aargau: Von den Anfängen bis zur Gegenwart». Den grösseren Rückhalt haben die Sozialdemokraten indes im Bezirk Baden: Hier machen sie ein Viertel aller bisherigen National- und Ständeräte aus. Von den derzeit drei SP-Vertreterinnen sind zwei im Bezirk Baden zuhause: Yvonne Feri und Pascale Bruderer. Der dritte, Cédric Wermuth, zog 2015 von Baden nach Zofingen.

In der Grafik (oben) wird auch die – einstige – Stärke der CVP ersichtlich. Bis zu fünf National- und Ständeräte stellte die Partei. Besonders augenfällig ist die Dominanz im oberen Freiamt. Der Bezirk Muri hat bislang elf Parlamentarier nach Bern geschickt. Acht waren von der CVP. Aber auch hier leidet die Partei: Ihr Wähleranteil sank in dem Bezirk von 56,2 Prozent (1979) auf 16,3 Prozent (2015). Wie Muri gehören Laufenburg, Zurzach, Bremgarten und Baden zu den katholischen Stammlanden, in denen die CVP stark war.

Bestbesuchte Parteitage

Die Aargauer SVP hat ihren Marsch zu einem wuchtigen Wähleranteil von 38 Prozent vor rund 30 Jahren begonnen. Wie früher die CVP ist sie heute breit aufgestellt: Ihre aktuell sieben Nationalräte kommen aus sechs Bezirken. Am SVP-nächsten hat bisher der Bezirk Kulm gewählt.

Bircher sieht mehrere Gründe für das Erstarken der SVP im Aargau: «Die Partei hat die meisten Sektionen aller Parteien im Aargau und die bestbesuchten Parteitage.» Er vermutet ausserdem, dass der SVP die Wirtschaftsstruktur des Kantons entgegenkommt: Autobranche, Verteilzentren, viele kleinere und mittlere Unternehmen. Ob die SVP ihren Wähleranteil über die anstehenden Wahlen retten kann, ist nach den Wirren um Ex-Regierungsrätin Franziska Roth und wegen der intensiven Klimadebatte ungewiss.

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Die Punkte auf der Karte repräsentieren jeweils nicht den exakten Wohnort, sondern nur die Gemeinde, in dem die Kandidatin oder der Kandidat wohnt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

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