An den Tischen im reformierten Kirchgemeindehaus in Baden ist ein Gemisch aus Gebärdensprache und Lautsprache auszumachen – der Aargauische Verein für Gehörlose (AVFGH) hat zum Jubiläumsfest anlässlich seines 100-jährigen Bestehens eingeladen. Seit seiner Gründung im Sommer des Jahres 1914 verfolgt der AVFGH das Ziel, Gehörlose und Hörgeschädigte im Kanton in den verschiedensten Bereichen zu unterstützen und deren Integration in die Gesellschaft zu fördern.

Das Licht im Raum erlischt und wird kurz darauf wieder eingeschaltet – ein Zeichen, um die Aufmerksamkeit auf die Bühne zu richten. Es ist Zeit für das Podiumsgespräch zum Thema «Direkte Demokratie und gehörlose Menschen». Viermal im Jahr pilgern Herr und Frau Schweizer zur Urne, um über zentrale politische Themen abzustimmen. Infos zu den Sachfragen erhalten sie dabei per Radio, Fernsehen und Zeitung. Für hörbehinderte Menschen gestaltet sich dies jedoch schwierig. Unter der Moderation von Ständerätin Pascale Bruderer sollte dieses Thema ins Bewusstsein der Anwesenden gerückt werden.

Bereits zu Beginn der Diskussion fallen harsche Worte. Roland Wagner vom Schweizerischen Gehörlosenverbund (SGB-FSS) weist darauf hin, dass viele Zeitungen für Hörgeschädigte nur schwer zugänglich seien. So haben Gehörlose oft nur rund 30 Prozent des Wortschatzes, den Hörende in der Schriftsprache haben: «Wir haben eine direkte Demokratie minus Gebärdensprache.» Deshalb sei es bei komplexen politischen Themen immens wichtig, in Zukunft besser zu informieren.

Zum selben Schluss gelangt auch Stanko Pavlica, selbst hörbehindert und Gründer von Focusfive.tv, einem Internetfernsehsender für Gehörlose. In einer direkten Demokratie brauche ein Bürger Erläuterungen in seiner Muttersprache – dies sei in seinem Fall die Gebärdensprache. «Rätoromanen sind eine Minderheit wie wir», so Pavlica, «und sie haben ein eigenes Programm, um ihre Kultur weiterzugeben.» Dies sei auch für Gehörlose eine bestrebenswerte Sache, «denn auch wir haben eine eigene Kultur und Identität.» Hinzu kommt die Forderung Wagners, die Gebärdensprache im Sprachgesetz des Bundes zu verankern.

Die Situation war in der Schweiz nicht immer so. Früher strahlte das Schweizer Fernsehen mit «Sehen statt hören» eine Sendung aus, die für Gehörlose konzipiert war – allerdings wurde das Format Ende 1998 eingestellt. Gion Linder, Leiter Untertitelung von Swiss TXT macht jedoch darauf aufmerksam, dass das SRF gemessen am Budget viel für Sinnesbehinderte leiste.

Wagner hält dagegen fest, dass ein Angebot für hörbehinderte Kinder und Jugendliche fehle, «diese werden heute diskriminiert». Trotz allem zieht Pascale Bruderer eine positive Bilanz, so habe die Schweiz im Frühling dieses Jahres die UNO-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Doch auch in Zukunft gibt es neue Herausforderungen, die vom AVFGH angegangen werden müssen.