Die Stimmung war schon im Vorzimmer des Aarauer Gerichtssaals aufgeladen. Da sassen gestern ein Tunesier und ein Franzose mit algerischen Wurzeln - über 100 Einbrüche sollen sie im Aargau begangen haben. «Ihr Halunken, euch sollte man gar keinen Prozess machen, aufhängen sollte man euch», zischte ein Einbruchsopfer immer wieder in Richtung der beiden Angeklagten.

Drinnen erzählte Raschid*, der Algerier, dass er auf der Durchreise gewesen war, als er in Aarau gelandet sei. Nicht gewusst habe, wohin er gehen solle, drei Tage im Wartsaal hauste und niemand ihm half. Also habe er sich selber geholfen, so wie es alle tun, denen niemand hilft - und stahl fortan.

Das tat er laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft recht erfolgreich. Er fand einen Unterschlupf in einem alten, leerstehenden Bauernhaus in Buchs. Wie ein Eichhörnchen vor dem Winterschlaf schleppte Raschid Unmengen an gestohlenen Gegenständen dorthin. Gestohlen hat er in der Nachbarschaft, bevorzugt brach er Autos auf. Nicht immer fand er darin etwas Brauchbares. Oft schon. Ein kleiner Auszug: Serviceportemonnaie, Laptops, Navigationsgeräte, Jacken, Sonnenbrillen, Reka- Gutscheine, Parfüm, Zigarren. Und auch wenn er nichts fand, blieb trotzdem immer eine eingeschlagene Scheibe zurück und damit insgesamt ein Sachschaden von 70 000 Franken.

Raschid schien oft genervt ob der Fragen von Gerichtspräsident Thomas Müller. Als der nach einem gestohlenen Parfüm frage, das die Polizei bei Raschid fand, antworte der Franzose: «Meinen Sie, dass ich mich nach zwei Jahren noch an so ein Parfüm erinnern kann?» Er sagte das laut und auf Arabisch. Die Übersetzerin sagte es mit netter Stimme und auf Schweizerdeutsch.

Von dummen und cleveren Dieben

Der zweite Angeklagte hingegen, der tunesische Asylsuchende Izmed*, sagte immer dasselbe: «Ich habe mit diesen Autoaufbrüchen nichts zu tun. Ich bin nur einmal eingebrochen.» Er meinte damit den Einbruch in das Haus von SVP-Nationalrat Luzi Stamm, der an der Verhandlung auch noch kurz vorbeischaute. Auch bei ihm hatten die beiden Männer alles gestohlen, was ihnen in die Hände kam. Zurückgelassen hatten sie dafür ein Mobiltelefon. Verloren hat es Izmed, der angab, beim Einbruch betrunken gewesen zu sein.

Diebstahl, für Diebstahl kämpfte sich das Gericht durch die dicke Anklageschrift. Immer wieder verloren sich Beschuldigte und Gericht in Details und in den Übersetzungen. Das war zuweilen auch komisch. «Warum hat die Polizei das Serviceportemonnaie im Bauernhaus gefunden, wenn Sie es nicht gestohlen haben?», wollte der Gerichtspräsident wissen. Izmed sagte belehrend: «Wer ein Portemonnaie klaut, nimmt das Geld hinaus und wirft das Portemonnaie weg. Das zeigt, dass ich es nicht war.» Müller entgegnete: «Das heisst nichts. Ein cleverer Dieb verliert ja auch nicht das Handy im Einbruchsobjekt.»

Für den Staatsanwalt war klar, dass man es hier mit einem spektakulären und besonders schweren Fall von Kriminaltourismus zu tun habe. «Nach der Verhaftung der beiden Männer war sofort eine Beruhigung in den Quartieren spürbar», erzählte er. Der Staatsanwalt war überzeugt, dass sich die beiden Männer im Aargau verabredeten, um auf Diebestour zu gehen. Er sagte zudem, dass Raschid bei einem Asylantrag vor ein paar Jahren einen anderen Namen angab und sich als Tunesier bezeichnete. «Die beiden Männer kennen sich wahrscheinlich besser, als sie vorgeben.» Eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren forderte er.

Ganz anders sah es die Verteidigung. Sie argumentierte, dass die Beweislage dünn sei und es nicht sein könne, dass alle ungeklärten Einbrüche im Kanton den beiden Männern angelastet würden. Sie forderte unbedingte kurze Freiheitsstrafen. Raschid kassierte dann 3½ Jahre und Izmed 2¾ Jahre. Es war ein Indizienprozess. Im Zweifelsfall entscheidet das Gericht für den Angeklagten. Das Fazit des Staatsanwalts fiel dennoch positiv aus: «Ein angemessenes und gutes Urteil.»

*Namen geändert