Kaum jemand hätte Jürg Stüssi-Lauterburg aus Windisch ein träferes Kompliment machen können als Grossratspräsidentin Kathrin Scholl-Debrunner. Sie sagte letzte Woche bei der Verabschiedung der abtretenden Mitglieder zu ihm: «Du warst unser Verfassungsgewissen.» Der belesene SVP-Politiker liebte es, Anträge an ihrer Rechtmässigkeit zu messen. Wenn er aus der hintersten Reihe ans Rednerpult trat oder, besser gesagt zum Mikrofon stürmte, erwartete das Plenum meist ein rhetorisches Feuerwerk.

Im Hause muss beginnen . . .

Demokratische Tugenden waren dem 59-jährigen Stadtzürcher wichtig. Sie wurden schon im Elternhaus geweckt, etwa durch die Teilnahme am Sechseläuten-Kinderumzug oder Besuche im Landesmuseum und auf dem Zürcher Lindenhof, wo die Skulptur der wehrhaften Zürcherin und damals noch die Ruinen eines römischen Turms standen. Der Vater war BGB (SVP)-Gemeinderat in Fällanden. Die Mutter engagierte sich in der Kirchenpflege; sie gab die Berufstätigkeit auf, um sich der Erziehung zu widmen.

Früh war sich Jürg Stüssi im Klaren, dass er Geschichte studieren wollte. Die Mutter meldete ihn im Literaturgymnasium Zürichberg an. Der Vater war skeptisch. Noch nie hatte ein Mitglied der Familie eine Mittelschule besucht. Aber der Spross machte seinen Weg. Er wollte in Oxford studieren, bestand auch die Aufnahmeprüfung, wurde aber durch Militärdienst zurückgehalten und ging an die Universität Zürich. Dort promovierte er 1982 mit der Höchstauszeichnung «summa cum laude» zum Doktor der Philosophie. Dissertationsthema war «Das Schweizer Militärwesen des 17. Jahrhunderts in ausländischer Sicht».

. . .  was leuchten soll im Vaterland

Der Bundesrat wählte den erst 30-Jährigen 1984 zum Chef der Eidgenössischen Militärbibliothek in Bern. Die traditionsreiche Institution formte er 2007 zur Bibliothek am Guisanplatz um – zum Fachinformationszentrum der gesamten Bundesverwaltung für Themen wie Geschichte, Politik, Gesellschaft, Recht, Wirtschaft und Armee. Als Generalstabs-Oberst war er im Militär zuletzt Stabschef der Territorialbrigade 12. Er leitete 2003 deren Umgliederung im Rahmen der Armeereform.

Eine politische Karriere habe er nie bewusst angestrebt, betont Jürg Stüssi-Lauterburg. 1983 heiratete er Barbara Lauterburg, die Tochter des früheren Windischer Gemeindeammanns Bernhard Lauterburg. Sie unterstützte den Vielbeschäftigten nach Kräften, was er durch konsequente Nennung des Doppelnamens unterstrich. Das Paar nahm in der elterlichen Liegenschaft in Windisch Wohnsitz. Schon anderthalb Jahre später wurde er in den Gemeinderat gewählt. Das überzeugte den Zugezogenen vollends vom aufgeschlossenen Charakter der Aargauer. Freudig zog er 2003 in den Aargauer Grossen Rat ein.

Jürg Stüssi-Lauterburg und ein Jurist waren die einzigen Akademiker in der SVP-Fraktion. Die Partei setzte Erwartungen in den Schnelldenker und wortgewandten neuen Volksvertreter. Ihre Grundwerte teilte er uneingeschränkt – Stil und Ton nicht immer. «Disziplinierungsversuchen» widerstand er und bewahrte eine Unabhängigkeit. Er bestritt alle Wahlkämpfe aus eigener Tasche. Und unbeirrt lud er den in den eigenen Reihen verfehmten Bundesrat Samuel Schmid an einen SVP-Anlass im Bezirk Brugg ein. Rechtsstaatlichkeit und ein ausgeglichener Staatshaushalt waren ihm besondere Anliegen; daneben hielt er aber «das Ohr am Volk», wie die Themenvielfalt seiner Vorstösse bestätigte. Diese reichte er stets gemeinsam mit den SVP-Kollegen seines Wahlbezirks ein – als diskreter Spiritus Rector.

Buchautor und Vielreisender

Neben den beruflichen, militärischen und politischen Tätigkeiten entfaltete Jürg Stüssi-Lauterburg rege Reise- und Vortragsaktivitäten. Beispielsweise begeisterte er Legionen Vindonissa-Besucher. Im Habsburger Gedenkjahr 2008 bewegte er sich trittsicher auf dem Terrain der einstigen Weltmacht mit Aargauer Wurzeln. Auch als Buchautor tat er sich hervor. Durch eine wissenschaftliche Arbeit über die Palästinensische Befreiungsorganisation lernte er den Nahen Osten recht gut kennen. Dabei nützten ihm arabische Sprachkenntnisse. Und kurz vor den Terroranschlägen im September 2001 standen er und seine Frau mit ihren beiden Söhnen auf dem World Trade Center in New York.