Jubiläum
FDP-Chefin anlässlich 100 Jahre Frauenzentrale: «Wir Frauen dürfen nicht immer nur fordern – es ist ein Konkurrenzkampf»

Im Lenzburger Stapferhaus diskutierten Frauen über ihre Rolle in der Gesellschaft. Anlass war das 100-Jahr-Jubiläum der Frauenzentrale.

Fabio Baranzini
Drucken
Teilen
Podiumsgespräch 100 Jahre Frauenzentrale Aargau, von links: Sabina Freiermuth, Heidi Pechlaner Gut, Moderatorin Maya Bally, Petra Rohner und Melanie Holle

Podiumsgespräch 100 Jahre Frauenzentrale Aargau, von links: Sabina Freiermuth, Heidi Pechlaner Gut, Moderatorin Maya Bally, Petra Rohner und Melanie Holle

Fabio Baranzini

100 Jahre Frauenzentrale Aargau und 50 Jahre Frauenstimmrecht – diese beiden Ereignisse fallen in diesem Jahr zusammen. Das haben die Verantwortlichen der Frauenzentrale Aargau zum Anlass genommen, ein Podiumsgespräch unter der Leitung von Grossrätin Maya Bally (Die Mitte) zu organisieren. Sie diskutierte mit ihren vier Gesprächspartnerinnen über weibliche Vorbilder, eigene Erfahrungen im Bezug auf Ungleichberechtigung, bedingt durch das Geschlecht, sowie über die aktuelle Situation rund um das Thema Gleichstellung der Frauen in unserer Gesellschaft.

100 Jahre Frauenzentrale Aargau

1921 haben sich im Aargau elf Frauenvereine zusammengeschlossen, um für die Gleichberechtigung der Frauen zu kämpfen. Die gemeinnützige Organisation, die in den Anfangsjahren den Namen Frauensekretariat trug, gründete eine Flickschule, später das Lehrerinnenseminar und die Eheberatungsstelle. Heute zählt der Verein über 400 Einzel- und Kollektivmitglieder. Insgesamt sind 48 Organisationen und Verbände mit 17000 Mitgliedern der Frauenzentrale Aargau angeschlossen. Anlässlich der Jubiläumsfeier gab Präsidentin Gertrud Häseli bekannt, welches die nächsten grossen Themen sein werden, denen sich die Frauenzentrale Aargau annehmen will: «Das sind die Care Arbeit, die vorwiegend von Frauen übernommen wird, die Bekämpfung der Altersarmut und des Koordinationsabzugs bei den Sozialversicherungen, sowie die Verbesserung der familienergänzenden Kinderbetreuung.» (fba)

Podiumsgespräch 100 Jahre Frauenzentrale Aargau, Gesprächsleiterin Maya Bally

Podiumsgespräch 100 Jahre Frauenzentrale Aargau, Gesprächsleiterin Maya Bally

Fabio Baranzini

Petra Rohner, Unternehmerin und Präsidentin der Stiftung Swiss Women Network, schätzt diese wie folgt ein: «Die Wirtschaft ist in Sachen Gleichberechtigung schon sehr weit. Aber es hapert in der Gesellschaft. Es braucht viel mehr Rückendeckung für junge Frauen, die Familie und Berufsleben kombinieren wollen – da muss ein Ruck durch die Gesellschaft.» Das findet auch die jüngste Gesprächsteilnehmerin, Melanie Holle. Sie ist 20 Jahre alt, angehende Lehrerin und Vorstandsmitglied der Jungen Grünen. «Ich wünsche mir, dass die Politik mehr Anreize setzt, damit mit den klassischen Rollenbildern und Stereotypen gebrochen wird.»

Petra Rohner

Petra Rohner

Fabio Baranzini

Mehr Selbstvertrauen im Konkurrenzkampf

Diese Ansicht wiederum ruft Sabina Freiermuth auf den Plan. Die FDP-Aargau-Präsidentin und Grossrätin vertritt diesbezüglich einen dezidiert anderen Standpunkt. «Wir Frauen dürfen nicht immer nur fordern und sagen, dass wir uns von der Politik dies und jenes wünschen. Sowohl in der Politik wie auch in der Wirtschaft ist es ein Konkurrenzkampf. Und wenn wir Frauen uns dabei immer nobel raushalten, werden wir nie an den Punkt der Gleichberechtigung gelangen, den wir erreichen möchten.»

Sabina Freiermuth

Sabina Freiermuth

Fabio Baranzini

Mehr Selbstvertrauen wünscht sich auch Heidi Pechlaner Gut, Leiterin Bildung und Vermittlung des Historischen Museums der Stadt Baden. «Wir Frauen dürfen nicht Nein sagen – nicht zu Jobangeboten und nicht zu Anfragen zur Teilnahme an Podiumsgesprächen wie diesem. Wir können das genauso gut wie die Männer, aber wir müssen uns trauen.»

Heidi Pechlaner Gut

Heidi Pechlaner Gut

Fabio Baranzini

Altersarmut ist weiblich

Im weiteren Verlauf des Podiumsgesprächs diskutierten die Teilnehmerinnen vor allem darüber, wie die Situation in Bezug auf die Gleichberechtigung weiter verbessert werden kann. Pechlaner Gut brachte dabei die unbezahlte Care-Arbeit, die vorwiegend von Frauen geleistet wird, aufs Tapet: «Als Folge davon ist die Altersarmut in der Schweiz vor allem weiblich.» Weil Care-Arbeit nicht entlöhnt werde, fehlten vielen Frauen im Alter die Beiträge aus der Altersvorsorge.

Melanie Holle

Melanie Holle

Fabio Baranzini

Dieses Problem sieht auch Freiermuth, sie wirbt für eine entsprechende Rentenreform und die Individualbesteuerung, damit die Einnahmen aus niederprozentigen Anstellungen nicht der Steuerprogression zum Opfer fallen. Auch das Thema der fehlenden familienergänzenden Kinderbetreuung wird angeschnitten, genauso wie die Untervertretung von Frauen in Kaderpositionen.

Podiumsgespräch 100 Jahre Frauenzentrale Aargau, Präsidentin Gertrud Häseli

Podiumsgespräch 100 Jahre Frauenzentrale Aargau, Präsidentin Gertrud Häseli

Fabio Baranzini

Die Podiumsteilnehmerinnen sind sich dabei einig: Es bleibt noch einiges zu tun, bis die Gleichstellung wirklich Realität ist. Der Frauenzentrale Aargau wird die Arbeit also auch im 101. Jahr nicht ausgehen.

Aktuelle Nachrichten