Aargauerin des Jahres
«Je mehr Gutes man Kindern vorlebt, desto mehr übernehmen sie»

Claire Hoerdt ist Aargauerin des Jahres. Im Interview spricht sie über ihre Wahl, ihre 100 Pflegekinder in 30 Jahren und was die Eltern bei Kindern auslösen können, wenn sie zur richtigen Zeit nicht da sind.

Hans Lüthi
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Claire Hoerdt, daheim vor dem Kachelofen: Aargauerin des Jahres, 40. Hochzeitstag mit Ehemann John, das Telefon läuft heiss.

Claire Hoerdt, daheim vor dem Kachelofen: Aargauerin des Jahres, 40. Hochzeitstag mit Ehemann John, das Telefon läuft heiss.

Rolf Jenni

Mit dem NAB-Award sind sie erste Aargauerin des Jahres. Verändert das Ihr Leben?Claire Hoerdt: Ich weiss es nicht, aber es ist schon ein tolles Gefühl, am Schluss des Berufslebens einen so schönen Preis wie den NAB-Award zu erhalten. Denn meine Wahl kam wirklich überraschend, ich habe es bis zur letzten Minute überhaupt nicht erwartet.

Umso grösser ist die Freude?
Ich habe damit gerechnet, die Leistungen der anderen würden höher gewichtet. Aber es stimmt schon, die Betreuung von über 100 Pflegekindern in 30 Jahren ist ein Lebenswerk. Das darf man wohl sagen. Wir haben ja nicht nur die Kinder, sondern auch das ganze Umfeld, das ist manchmal fast schwieriger als die Kinder. Es gibt Eltern, Mütter, Väter, Grossmütter, Gotte, Götti...

. . . die alle Kontakt haben wollen?
Ja, und sie sind ja oft auch eifersüchtig. Die Eltern wollen nicht begreifen, dass plötzlich eine fremde Frau kommt und ihr Kind betreut und das anders macht und im Griff hat.

Haben Sie den Eltern ihre Kinder weggenommen?
Nein, das haben wir in den 30 Jahren nie getan, die Kinder werden uns zugewiesen, aber die Eltern sehen die Schuld nie bei sich. Die Behörden, Sozialamt oder Kanton, mussten diese Kinder fremd platzieren. Das geschah teils kurzfristig, teils langfristig. Wir haben von zwei Monaten bis zu 10, 15 oder sogar 19 Jahren Kinder und Jugendliche über alle Zeiträume betreut. Bis sie einen neuen Platz hatten oder die familiären Verhältnisse eine Rückkehr erlaubten.

Claire Hoerdt, Aargauerin des Jahres, im Video-Interview
20 Bilder
Siegerin Hoerdt mit Moderator Sven Epiney und NAB-CEO Peter Bühlmann
NAB-CEO Peter Bühlmann gratuliert Siegerin Claire Hoerdt
Josef Bürge und Pia Cach
Künslter Anton Egloff mit Begleitung
Ständerätin Pascale Bruderer mit Ehemann Urs Wyss
Aaraus Stadtammann Marcel Guignard mit Ehefrau
Peter Scheuble mit Ehefrau
Radio-Argovia-Chef Roland Baumgartner
Regierungsrat Alex Hürzeler mit Begleitung
FDP-Nationlrat Philipp Müller mit Begleitung
CS-VR-Präsident Urs Rohner mit Partnerin Nadja Schildknecht
Kenny Eichenberger mit Begleitung
az-Chefredaktor Christian Dorer
Radio-Argio-Chefredaktor Jürgen Sahli mit Begleitung
Sängerin Sina
FDP-Ständerätin Christine Egerszegi
Was John Hoerdt, der Mann der Aargauerin des Jahres, zum Preis sagt
Hochseilartist Fredy Nock mit Ehefrau
Markus Ott und Isabelle Graf

Claire Hoerdt, Aargauerin des Jahres, im Video-Interview

Emanuel Freudiger

Gab das keine Konkurrenz für Ihre eigenen Kinder?
Das gab es nicht, es war zwar manchmal schwierig, aber im grossen Ganzen lief es gut. Als sie noch klein waren, hatten sie zusätzliche Freunde und Spielkameraden. Mein Mann hat mich immer unterstützt, ohne ihn wäre das nicht möglich gewesen.

Mutter ist der wichtigste Beruf, die Gesellschaft anerkennt das zu wenig. Sind Sie stolz auf den Preis?
Ja, ich bin sehr stolz darauf. Bei meiner Aufgabe als Pflegemutter habe ich nie so recht gesehen, wie das ankommt und ob es auch geschätzt wird. Mit dem NAB-Award durfte ich jetzt das erste Mal so viel positive Reaktionen erfahren. Das war schön, auf der Bühne, viele Leute haben mir gratuliert. Das tat gut, nach oftmals auch schwierigen Zeiten.

Viele Eltern sind schon mit zwei oder drei Kindern überfordert. Wie haben sie es geschafft?
20 Jahre lang hatte ich eine Putzfrau, das war eine grosse Hilfe, dann half mein Mann und gelegentlich Aushilfen. Eine Pflegemutter muss an 365 Tagen im Jahr während 24 Stunden präsent sein.

Das Rezept einer guten Erziehung?
Was vielen Kindern heute fehlt, ist eine Familie im positiven Sinn des Wortes. Sie sitzen vor dem Fernseher, spielen stundenlang Gameboy, haben Natel und Computer, aber niemand hat Zeit für das Kind. Wenn mir ein 14-jähriges Mädchen sagt, es sei noch nie im Leben im Wald gewesen, ist das doch erschütternd.

Materiell ist alles vorhanden, wo liegen die grossen Defizite?
Es fehlt die Familienstruktur, es fehlen die Eltern, die zusammen sind. Wer täglich stundenlang vor dem Fernseher sitzt, bekommt gestaute Aggressionen, dann gibt es in der Schule Probleme. Wenn Kinder in der Freizeit in den Wald gehen, einen Sport betreiben oder Musik machen, sieht das ganz anders aus. Dann können sie Dampf ablassen, das ist für Jugendliche wichtig.

Die Kinder sind temporär in ihrem Leben, dann verschwinden sie?
Sicher wollte ich nie ein Kind behalten, wie uns das manche Eltern vorwerfen, es ging um die Überbrückung einer Krise. Aber viele ehemalige Jugendliche schreiben mir, das Echo ist sehr positiv, an Weihnachten haben wir die Stube immer voll. Zum Award habe ich viele SMS erhalten, mit der Botschaft «Du hast das wirklich verdient».

Gab es Reaktionen, weil Sie sagten, Buben seien weniger schwierig als Mädchen?
(Lacht) Ein Herr kam zu mir, gratulierte und meinte, das treffe absolut zu. Buben sind gröber, aber nach einem Streit ist der Fall erledigt, die Mädchen sind viel nachtragender. Wir Frauen ticken anders.

Was machen heutige Eltern gut und was falsch?
Sie machen sicher vieles gut, es gibt viele wunderbare Eltern und auch ganz viele prächtige junge Leute. Die anderen fallen einfach stärker auf, es sind auch die, welche randalieren. Wenn die Eltern zur richtigen Zeit nicht da sind, hängen die Kinder herum. Das ist das Schlimmste, wenn sie nicht wissen, was sie in der Freizeit machen sollen. Je mehr man den Kindern Gutes vorlebt, desto eher übernehmen sie das.

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