Sondermülldeponie

In Kölliken werden Fass für Fass 628'000 Tonnen Abfall abgetragen

Die Deponie in Kölliken wird seit November 2007 saniert. freu

Die Deponie in Kölliken wird seit November 2007 saniert. freu

Halbzeit in Kölliken: Die Hälfte des Sondermülls ist weg, die andere wartet noch auf den Bagger. Zurzeit verlassen täglich 450 Tonnen Abfall die Deponie. Bis 2016 soll auch das letzte Fass ausgegraben und abtransportiert sein.

Es sieht aus wie eine Mondlandschaft. Mit einer riesigen Halle darüber. 33000 Quadratmeter, so gross wie fünf Fussballfelder. Die wohl grösste Halle Europas ohne Zwischenstützen. Darunter liegt der Sondermüll. Bis zu 15 Meter tief.

Wer hier rein will, muss ein gepanzertes Fahrzeug benutzen: Die Baggerfahrer sitzen in gepanzerten Baggern. Die Lastwagenfahrer sitzen in gepanzerten Lastwagen. Und die Besucher sitzen in einem gepanzerten Mondfahrzeug mit Raupenantrieb. Denn keiner kann ausschliessen, dass der Sondermüll beim Ausgraben plötzlich explodiert – wie vor gut zwei Jahren in der Sondermülldeponie im jurassischen Bonfol. Oder dass der Sondermüll plötzlich zu brennen beginnt – wie vor vier Jahren in Kölliken, als sich Magnesium entzündete und die Stichflamme das Hallendach beschädigte.

Im Schritttempo über die Halde

Bevor sie in die Halle dürfen, bekommen die Besucher einen Chip. Dank diesem kann sie der Rettungsdienst jederzeit orten. Über eine Schleuse geht es ins Mondfahrzeug. Der Geologe Hubert Vogel schliesst die Tür und fährt los, steuert das Fahrzeug über zwei Joysticks. Im Schritttempo geht es auf der Schotterpiste eine Rampe hoch, quer über die gigantische Abfallhalde.

Oben auf der Halde stehen ein weiteres Mondfahrzeug und ein Bagger. Die Prozedur ist immer die gleiche: Der Baggerfahrer greift ein Fass oder was davon übrig geblieben ist. Der Chemiker im Mondfahrzeug wirft einen Blick auf den Inhalt und sagt dem Baggerfahrer, in welchem Container er das Fass abstellen soll. So sortieren sie den Abfall vor Ort ein erstes Mal. Der Gestank in der Halle muss gigantisch sein. Doch wer hier arbeitet oder zu Besuch ist, bekommt davon nichts mit: Überdruck in den Fahrzeugkabinen verhindert, dass der Geruch ins Innere dringt.

Phosphor, der besonders raucht

Sieben Jahre brauchten Industrie, Pharmafirmen und Abfallentsorger, um 457000 Tonnen Sondermüll in die Grube von Kölliken zu kippen. Sie luden zum Beispiel Phosphor für den Bau von Nebelgranaten ab. Dieser raucht besonders stark, wenn er mit der Luft in Berührung kommt und von selber zu brennen beginnt. Oder alte Armeebatterien, die zum Teil noch geladen sind und deshalb Brände auslösen können. Oder Magnesium, das leicht entzündlich ist.

Unterwegs in der Sondermülldeponie Kölliken

Unterwegs in der Sondermülldeponie Kölliken

Zwischen die Schichten aus Fässern mit hochgiftigen Abfällen schütteten sie Schlacke aus Kehrichtverbrennungsanlagen. Diese brachte die Fässer zum Rosten. Und heute kann niemand mehr sagen, was sich genau in welchem Fass befindet.

Neun Jahre brauchen die Arbeiter, um die 628000 Tonnen Material wieder auszugraben. 2007 begannen sie, 2016 soll das letzte Fass weg sein. Zurzeit verlassen jeden Tag 450 Tonnen Abfall die Deponie. Doch verschwunden ist er damit noch längst nicht. Nach der ersten Sortierung direkt auf der Abfallhalde nehmen die Arbeiter von jedem Fass eine Probe und analysieren diese im Labor.

Je nach Inhalt entsorgen sie den ausgegrabenen Abfall auf einem anderen Weg. Kaum verseuchtes Material kommt in andere Deponien, zum Beispiel in jene auf dem Seckenberg in Frick. Die Batterien kommen ins normale Recycling bei der Batrec AG in Wimmis. Der Phosphor kommt in die Sonderabfallverbrennungsanlage der Dottikon ES AG im Freiamt.

Die übrigen hochgiftigen Abfälle schickt die Schweiz nach Holland und Deutschland. Dort kommen sie in Hochtemperaturöfen. Doch die Schwermetalle verschwinden auch dort nicht, es bleibt eine giftige Schlacke übrig, die wiederum in Deponien abgelagert wird. Und die Filterasche kommt in ehemalige Salzbergwerke.

Dabei achten die Schweizer darauf, dass die Abfälle im Ausland so abgelagert werden, dass kein Rückschluss auf ihre Herkunft möglich ist – zum Beispiel über beschriftete Fässer. Sonst würde die Schweiz riskieren, dass sie die Abfälle eines Tages zurücknehmen müsste, wenn auch diese Deponien geräumt würden.

Weltweit einzigartiges Projekt

Noch nie hat ein Land eine so grosse Sondermülldeponie wie jene von Kölliken wieder ausgegraben – das Projekt ist weltweit einzigartig. «Deshalb sind wir Pioniere und brauchen Verständnis, wenn die Entsorgung mehr kostet als ursprünglich geplant», sagt Geschäftsführer Benjamin U. Müller. Dafür erregt das Beispiel von Kölliken auch im Ausland Aufmerksamkeit: Kürzlich ist eine deutsche Delegation zu Besuch gewesen. «Allerdings werden wir manchmal auch belächelt», sagt Müller. «Dann heisst es: So etwas können sich nur die Schweizer leisten.»

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