Eine gespenstische Ruhe umgibt die Grüne Moschee an der Oltnerstrasse. Kein Mucks ist zu vernehmen, als der Imam (Vorbeter, religiöses Oberhaupt) Taha Yilmaz vorsichtig die Türe öffnet und uns freundlich mit einem «Merhaba» («Hallo) ins Haus bittet. Sein Büro ist schlicht eingerichtet. Wir trinken mit dem Imam und dem Vizepräsidenten des Vereins Haus der türkischen Gastarbeiter zusammen ein Glas Mineralwasser und unterhalten uns. Mal auf Schweizerdeutsch, mal auf Türkisch – mithilfe der Dolmetscherin.

«Seit dem Attentat auf die Zeitschrift Charlie Hebdo drehen die Leute den Kopf nach meiner Frau um und schauen sie verächtlich an, weil sie ein Kopftuch trägt», sagt Nedim Erdem in die Stille hinein. Er ist der Vizepräsident des Vereins Haus der türkischen Gastarbeiter. Dieser ist in der grünen Moschee in Aarburg zu Hause. Der Verein selber habe bisher keine feindlichen Reaktionen erhalten. «Die Nachbarn sind uns gutgesinnt. Wir veranstalten regelmässig Tage der offenen Tür und sind mit anderen Religionsträgern in Kontakt», sagt der Imam. Dann kommt er zur Sache: «Es ist uns ein sehr grosses Anliegen, uns von den grausamen Anschlägen in Paris zu distanzieren», erklärt der Imam die Einladung in die Grüne Moschee.

«Wie ein schlechter Film»

«Was passiert ist, ist eine Schande für die Menschheit», sagt Nedim Erdem. Die Stimmung im Raum ist gedrückt. Man spürt, dass die Anschläge in Paris den beiden praktizierenden Muslimen zusetzen. «Als wir die Nachrichten sahen, waren wir schockiert», so Nedim Erdem. Er lebt seit 1980 in der Schweiz und seit sieben Jahren in Aarburg. Der Imam ist seit fünf Jahren in der Schweiz. «Die Fernsehbilder erinnerten mich an einen schlechten Film, nur war das die bittere Realität», fährt Nedim Erdem fort und holt ein Blatt Papier hervor. Türkisch Islamische Stiftung Schweiz (TISS) steht im Briefkopf. Dieser Stiftung gehört auch die grüne Moschee in Aarburg an. Beim Brief handelt es sich um eine Stellungnahme zu den Anschlägen.

«Terrorismus hat im Islam keinen Platz», steht darin. Der Koran besage: Wer einen Menschen töte, handle, als hätte er die Menschheit getötet. «Wir sind uns bewusst, dass dieses Ereignis eine weitere Gefährdung des sozialen und religiösen Friedens ist. Wir bekräftigen unser Bekenntnis für ein friedliches, konstruktives und harmonisches Miteinander.» Um ein solches zu fördern, hoffe die TISS weiterhin auf einen offenen und friedlichen Dialog.

«Der Dialog ist überhaupt der einzige Weg», ist auch der Imam überzeugt. Und diesen sollten seiner Meinung nach die höheren Glaubensträger miteinander führen und nicht selbst ernannte Richter, die behaupteten, im Namen Gottes zu töten. «Das Allerheiligste ist immer noch das Leben. Ich verurteile es, dass jemand aus religiösen Gründen umgebracht wird.» Auch wenn die Mitglieder der grünen Moschee die Abbildungen Mohammeds nicht gut fänden, verurteilten sie die Anschläge aufs Gröbste. Das wiederholten die drei Männer am Tisch immer wieder. «Gerade in einer zivilisierten Gesellschaft, in der die Menschen gebildet sind und über die Fähigkeit verfügen, zum Stift zu greifen, sollte man den Dialog suchen.»

Für den Imam bedeute Islam Frieden, Vertrauen und Zufriedenheit – und nicht Mord und Totschlag, Terror, Blut und Tränen, wie das derzeit vermittelt werde.

«Politische Themen werden hier nicht in den Gebetsraum getragen», so der Imam. Aber er weiss: «Es macht den Besuchern der Grünen Moschee wirklich Angst, was auf der Welt gerade passiert.» Der Islam sehe vor, dass jeder seine Meinung äussern dürfe. Auch wenn der Imam selber der Ansicht sei, dass gewisse Dinge in der Religion heilig seien. «Im Islam gehören dazu der Koran und der Prophet Mohammed. Das sollte man respektieren.» Er finde aber auch, dass jeder Mensch Christen, Juden, Buddhisten – alle anderen Religionen – respektvoll behandeln müsse. Taha Yilmaz sucht regelmässig den Dialog zu anderen Glaubensträgern in der Region. «Die Welt gehört allen, egal, welche Religion sie haben», sagt der Vorbeter.

Die Angst im Nacken

Kommen auch Extremisten in die Grüne Moschee zum Gebet? «Nein», so der Imam. «Wir arbeiten hier transparent und vertreten eine klare Linie. Terrorismus und Extremismus werden nicht geduldet.» Er selber sei noch nie in Kontakt mit Hasspredigern gekommen. «Ich weiss, wer hier ein- und ausgeht», sagt er.

«Seit dem 7. Januar sind wir wieder wie auf Nadeln. Die Angst sitzt bereits seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Nacken. Wir nehmen jeden Tag vorab und fragen uns, was wohl als Nächstes kommen wird.»

Muss man denn nicht grundsätzlich seinen Glauben hinterfragen, wenn im Namen der Religion Menschen getötet werden? «Schuld ist nicht die Religion, schuld sind die Leute», antwortet der Imam. «Muslim ist man freiwillig und aus Überzeugung. Die Anschläge lassen mich nicht an meinem Glauben zweifeln.» Die Interpretation einzelner Passagen aus dem Koran dürfe nicht aus dem Kontext gerissen werden. «Ein Beispiel: Ich kann mit Feuer kochen oder ich kann damit ein Haus zerstören.» Wer nach einer Begründung suche, finde diese auch. Die Probleme seien aber noch lange nicht gelöst, es werde alles immer nur schlimmer. Und auch am Islam werde grosser Schaden angerichtet. «Ich habe Angst vor einer Islamophobie», sagt Nedim Erdem. «Kriegen ist einfach, den Frieden bewahren schwierig. Wir stehen nun noch mehr dafür ein, auch wenn wir uns dabei Zunge und Finger verbrennen», so der Imam.

Die Grüne Moschee wurde 1980 in Olten gegründet und zügelte 1990 nach Aarburg. Zum Freitagsgebet kommen jeweils an die 150 Personen verschiedener Nationalitäten.