Armut

«Immer noch ein schlechtes Gewissen»

Für die Zeitung breitet Karin Seiler die Quittung des vergangenen Monates aus.

Für die Zeitung breitet Karin Seiler die Quittung des vergangenen Monates aus.

Armut im Aargau, 2. Folge: Sozialhilfeempfängerin Karin Seiler erklärt ihre Ausgaben. Eigentlich war der Februar ein guter Monat, rein kalendarisch gesehen. Er hatte nur vier Wochen, das wirkt sich normalerweise positiv aufs Budget aus.

Obwohl der Februar ein kurzer Monat war, reichte das Geld nicht ganz. Die Familie Seiler schliesst knapp im Minus ab. Doch Karin Seiler (alle Namen geändert) macht sich keine Sorgen, auch wenn sich der März über fünf Kalenderwochen erstreckt: «Ich habe noch nie Schulden gemacht, und das halte ich auch in Zukunft so», sagt sie bestimmt.

Am Montagmorgen des zweiten Besuches ist nur sie zu Hause. Julia (6) und Kim (8) sind in der Schule, Melina (18) arbeitet in ihrem Lehrbetrieb. Aber Rambo, der Jack-Russell-Terrier, ist da – und natürlich die fünf Meerschweinchen und das Kaninchen. Kassenbelege häufen sich auf dem Stubentisch, es geht um die Finanzen der Familie. Doch dann wird das Reden über Geld ungewollt zur Rechtfertigung der Ausgaben.

Übersicht mit Couvert-System

Auf dem Tisch liegen fünf Couverts – Karin Seilers selbst erfundene Methode, um Übersicht über das Wichtigste zu behalten. 2295 Franken hat sie monatlich zur Verfügung, in die Couverts zweigt sie jenes Geld ab, das sie Ende Monat für Einzahlungen oder längerfristig brauchen wird. Eines ist mit «Kinderweihnachtsgeld» beschriftet. Sie hat es im letzten Monat wieder mit 400 Franken aufgefüllt. Fürs Jugendfest werden die Kinder davon etwas kriegen. Im zweiten stecken 100 Franken für die Telefonrechnung, 100 für Sonstiges und 200 Franken, um Krankenkassenrechnungen zu bezahlen – diese werden vom Sozialamt zurückgezahlt.

Im dritten Couvert legt Seiler monatlich 100 Franken für die Stromrechnung beiseite. Weil sie für die letzten drei Monate nur 200 Franken bezahlen musste, zweigte sie nun 100 Franken für die Benutzung der Wäschemaschine ab. Im vierten Couvert sind 40 Franken für die Billag. Aus dem fünften Couvert schliesslich bezahlt sie die Hausratsversicherung und die Gartenmiete.

20-Franken-Limite für Kleider

Karin Seiler geht auch nach sechs Jahren jeden Monat nur ungern aufs Sozialamt. «Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen», sagt sie. Hat sie etwas Neues gekauft, rechtfertigt sie sich gegenüber anderen automatisch dafür: «Die neue Skijacke hat nur 49.90 statt 129 Franken gekostet», erklärt sie beispielsweise beim Erstellen der Abrechnung.

Für gewöhnliche Kleider hat sie sich die Limite von 20 Franken gesetzt. Für 19.90 kriegte sie aber im letzten Jahr keine Winterschuhe, dazu benötigte sie die Argovia-Gutscheine «Weihnachten für alle».

Die Haare schneidet sie sich und den Kindern selbst. Ausflüge unternimmt die Familie nie spontan. «Ich muss immer zuerst planen und Geld auf der Seite haben», sagt Seiler.

Beim Einkaufen gilt: Es kommt nur in den Korb, was auf dem Zettel steht – ausser sie sieht eine Aktion. Doch was Aktion ist, hat sie sich meist schon vorher anhand des «Migros-Magazins» notiert. Wenn sie nicht in die Migros geht, dann zu Denner oder Aldi.

Lieber kauft sie ohne die Kinder ein. «Wenn sie mitkommen, hat es am Ende immer mehr im Korb, auch wenn ich oft Nein sage.»

Zu teure Bücher gekauft

Es klappt nicht immer alles. Die Bücher über ADS-Kinder vom Januar waren eigentlich zu teuer. Karin Seiler weiss es. Sie wolle die Bücher halt zu Hause haben, um nachschlagen zu können und sich zu motivieren, wenn es mit ihrer Tochter Kim mal wieder schwierig sei, sagt sie. Auch die Internet- und Telefonrechnung war zu hoch. Sie will nicht aufs Internet verzichten. «Die Schulen erwarten das heute, der Computer gehört zum Alltag.»

Haustiere aus Überzeugung

Die Haustiere hingegen hält sie mit Überzeugung. «Die Kinder lernen dadurch Verantwortung zu übernehmen», sagt sie, «das ist gut investiertes Geld.» Auch die Restaurantbesuche verteidigt sie: «Wir können im Winter auf einem Spaziergang doch nicht draussen picknicken.» Sie ist stolz darauf, dass sie mit den Kindern fast täglich draussen unterwegs ist.

Die Kassenbelege sind wieder weggeräumt. Doch oft dreht es sich bei der Familie Seiler ums Geld, wenn es eigentlich nicht primär darum geht: Das Highlight im vergangenen Monat war ein Ausflug nach Lugano, den sich Karin Seiler mit ihren beiden kleineren Töchtern leistete. Fr. 33.60 kostete das Sonderangebot der SBB mit dem Halbtax.

Die Kinder reisen mit der Familienkarte gratis. Der Tiefpunkt war die Sache mit dem 23-jährigen Freund von Melina. Er musste mit akuten Herzproblemen ins Spital. Hätte Karin Seiler für die Krankenbesuche nicht sein Auto benutzen können, wären die Reisespesen hoch gewesen.

Am Nachmittag steht ein Gespräch mit dem Schulpsychologen auf dem Terminplan. Es geht nicht um Geld. Es geht einmal mehr um Kim.

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