Armut im Aargau
Immer mehr Aargauer sind auf Lebensmittelspenden angewiesen

Das Hilfswerk Carton du Cœur hat im letzten Jahr 20 Prozent mehr Lebensmittel an Bedürftige verteilt.

Marianne Wydler
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Kisten voller Lebensmittel türmen sich vor dem Ladeneingang. Ein Freiwilliger bringt mit einem Kleinbus weitere Schachteln. 1400 Kilogramm Lebensmittel und 648 Franken hat die Aargauer Lebensmittelhilfe letzten Monat gesammelt. Diese Hilfe ist im Wohlstandsland Schweiz nötig und gefragt.

10 Prozent der Schweizer sind arm, sagt die Statistik der Caritas. Weitere 20 Prozent der Bevölkerung sind armutsgefährdet. Die Caritas schätzt, dass 30 bis 50Prozent der bezugsberechtigten Menschen keine Sozialhilfe beanspruchen wollen. Sie fürchten den staatlichen Rückgriff auf enge Verwandte und die Rückforderungen des Sozialamts bei einer leichten Verbesserung ihrer finanziellen Situation. Dadurch leben Menschen unter dem Existenzminimum und die Armut verfestigt sich.

1,9 Prozent der Aargauer beziehen Sozialhilfe

Im Kanton Aargau beziehen 1,9 Prozent der Bevölkerung Sozialhilfe. Dies liegt unter dem schweizerischen Durchschnitt. SP-Grossrätin Beatrice Beck geht von vielen armen Leuten aus, die nicht erfasst sind. Sie sieht gerade unter der älteren Bevölkerung eine grosse Angst, Bedürftig-keit anzumelden und dadurch nicht mehr autonom zu sein. In einer kleinen Gemeinde sei die Hemmschwelle sehr hoch, Sozialhilfe zu beanspruchen, sagt sie. «Es kommt darauf an, wo man wohnt», meint Kurt Brand von der Caritas Aargau. Wegen der Kleinräumigkeit sei das Angebot im Sozialbereich noch weniger gut ausgebaut. Im Mai hat eine Gruppe von Parlamentariern den Regierungsrat ersucht, das Ausmass und die Entwicklung der Armut im Kanton Aargau zu überprüfen. Der Regierungsrat will das Thema «Armut» derweil ohne die geforderte Armutsstudie im Auge behalten.

Bis die Unterstützung der Arbeitslosenkasse, der Sozialhilfe oder der Invalidenversicherung ins Rollen kommt, springt Cartons du Cœur auf Anfrage der Betroffenen mit Lebensmittelhilfe ein und überbrückt Engpässe. Die Freiwilligenorganisation bringt die Lebensmittelpakete den Bedürftigen nach Hause. Je nachdem, wie Cartons du Cœur die Situation einschätzt, wird ein Haushalt bis zu dreimal beliefert.

Mit einer Karte das Essen beziehen

Um Hilfe fragen auch Menschen an, die darum kämpfen, nicht von der Sozialhilfe abhängig zu werden, und es zustande bringen, mit 2000 Franken pro Monat auszukommen. Gemäss Schilderungen wünschte sich eine Mutter, einmal an einem Sonntag mit den Kindern in den Zoo zu gehen, doch ihr Budget war da-
für zu klein. Die Lebensmittelhilfe ermöglichte den Ausflug.

«Alle, die sich dort dranhängen können, sind heilfroh, dass es das gibt», äussert sich ein Armutsbetroffener zur Non-Profit-Organisation Tischlein deck dich. Sie sammelt kurz datierte Lebensmittel, die ansonsten vernichtet würden. An den Abgabestellen von Tischlein deck dich erhalten Armutsbetroffene mit einer Bezugskarte wöchentlich Lebensmittel. Gemäss freiwilligen Helfern wird die Abgabe von Brot, Früchten und Gemüse speziell geschätzt.

Rein materielle Hilfe reicht nicht

Ein erster Besuch bei Tischlein deck dich kann für die Bezüger laut Iris Bäriswyl, Sozialarbeiterin der Katholischen Kirchgemeinde Brugg, relativ schwierig sein. Auch so genannte Working Poors gehören zu ihrer Kundschaft. Andi Meier von der Abgabestelle Baden kann beobachten, wie «eine Art Beziehung» zwischen Bezügern und Helfern entsteht. Die Freiwilligen dürfen sich Zeit nehmen, genauer hinzuhören. «Wenn die Abgabestelle die Möglichkeit eines Kaffee- und Warteraums bietet», so Caroline Schneider von Tischlein deck dich, «kommen die Bezüger schneller miteinander ins Gespräch.»

Am Aarauer Tischlein deck dich beraten sich die Leute untereinander. Ein Problem ist zum Beispiel, dass wegen der Billettkosten die Bezugskarte nicht regelmässig genutzt werden kann. Die Sozialhilfe bezahlt nämlich kein Halbtaxabonnement. Je ein weiteres Tischlein deck dich wird im Oktober in Rheinfelden und im nächsten Jahr in Frick starten. Caritas beabsichtigt, einen Caritas-Markt im Raum Baden zu eröffnen. Dort werden Armutsbetroffene mit einer persönlichen Einkaufskarte Produkte des täglichen Bedarfs zu Tiefstpreisen beziehen können. «Im Moment gibt es Verteilkämpfe bis zum Geht-nichtmehr. Auf allen Ebenen soll gespart werden. Jede Einsparung, zum Beispiel bei den Sozialversicherungen, führt dazu, dass mehr Personen auf Sozialhilfe angewiesen sind. Die Kosten werden so von den Sozialversicherungen auf die Kantone, Städte und Gemeinden verlagert», berichtet Johannes Enkelmann von den Sozialen Diensten Aarau.

Iris Bäriswyl bezeichnet rein materielle Hilfe als nicht ausreichend, Beratung und Begleitung kommen wegen Überlastung und teilweise fachlich überforderter Mitarbeitender der öffentlichen Sozialdienste zu kurz. «Es gibt eher in Städten und Agglomerationen Tagesstrukturen zur Eingliederung, Beschäftigung oder Fortbildung», so Kurt Brand von Caritas. Dort sei auch professionelle Beratung auf dem Sozialamt möglich. In kleinen Gemeinden seien oft Laien zuständig. Josef Villiger von den Sozialen Diensten Muri ist nicht glücklich damit, dass die Gemeinden bei der Umsetzung des Sozialhilfegesetzes auf sich alleine gestellt sind: «Die Entwicklung einer kantonalen Strategie wäre bestimmt sinnvoll. Dies würde einen Leitfaden darstellen, ohne dass die Autonomie der Gemeinden eingeschränkt würde.»

Besser gebildet, weniger arm

26 Prozent der Aargauer über 18 haben keine berufliche Ausbildung abgeschlossen. Unter den gleichaltrigen Sozialhilfebezügern sind es 45 Prozent. Für Johannes Enkelmann von den Sozialen Diensten Aarau ist mangelnde berufliche Qualifikation eine der wichtigsten Armutsursachen. «Deshalb rät die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe zu einer Ausbildungspflicht bis zum 18.Altersjahr, entsprechend der obligatorischen Schulpflicht, auch wenn dies schwierig umzusetzen wäre», sagt er und fügt hinzu: «Damit könnte die Armut wirkungsvoll bekämpft werden.»

«Die Bildung ist ein ganz entscheidender Faktor», meint auch Kurt Brand. Die Arbeitslosenversicherung übernehme nur Kurse, keine Ausbildungen. Brand möchte, dass der Staat mehr in die Bildung investiert.

Auch Andi Meier vom Kirchlichen Regionalen Sozialdienst der Caritas Aargau in Baden stellt fest, dass «der Zugang zum Bildungswesen den Armutsbetroffenen ein Bedürfnis» sei.

Josef Villiger befürwortet Anreizsysteme wie das Beschäftigungs- und Wiedereingliederungsprogramm des Murimoos: «Almosen grenzen aus und machen krank. Eine sinnvolle Tätigkeit stellt eine Alternative dar.»

Die Schere geht weiter auseinander

«Die steigende Armut ist ein gesellschaftliches Problem und wird durch die grossen Lohnunterschiede verschärft», sagt Robert Zeller von Cartons du Cœur. «Ob eine Familie mit 4000 oder 10000 Franken auskommen muss, ist ein sehr grosser Unterschied.» Das Hilfswerk Caritas will die soziale Entwicklung im Aargau beobachten: Der Geschäftsführer von Caritas Aargau, Kurt Brand, stellt bei der Armutsbekämpfung fehlenden politischen Willen fest. Die Schere gehe weiter auseinander, der Ruf nach Steuerabbau sei auch da.

Renato Mazzocco vom Aargauischen Gewerkschaftsbund möchte bei den Mindestlöhnen anzusetzen, damit alle genug verdienten. Die Mindestlohn-Initiative der Gewerkschaften sieht einen gesetzlichen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde vor. Mazzocco nennt das Motto der International Labor Organization: «Zumutbare Arbeit für ein würdiges Leben.» Für Armutsbetroffene wohl ein offener Wunsch.