Armut

«Ich kann auch rechnen: Nicht rauchen wär gut»

Wenig Bildung und tiefes Einkommen sind ein Gesundheitsrisiko. Arthrose erschwert Karin Seiler die Arbeit.

Wenig Bildung und tiefes Einkommen sind ein Gesundheitsrisiko. Arthrose erschwert Karin Seiler die Arbeit.

Armut im Aargau, 9. Folge: Sozialhilfebezügerin Karin Seiler (44) zieht Bilanz über das vergangene Jahr – und ihre Kindheit.

«Das Schönste am vergangenen Jahr waren die Ausflüge ins Papiliorama und in die Berge. Das Schlimmste ist meine Gesundheit. Ohne Schmerzmittel kann ich nicht mehr im Garten arbeiten, die Hände schmerzen zu sehr und auch der Fuss will nicht mehr. Die Schmerzen machen mürbe, ich sehe kein Licht mehr am Horizont. Letztes Jahr war es noch besser. Dieses Jahr war der Ärger irgendwie immer schon vorprogrammiert. Und dann nervt Tochter Kim manchmal so, da weiss ich nicht, wie ich es anpacken soll.

Nicht alle stempeln einen ab, weil ich Sozialhilfe beziehe. Jene, die es tun, sind mit sich selbst nicht im Reinen. Sie sollten lieber bei sich selbst genauer hinschauen. Ich greife die Millionäre ja auch nicht an, und sage: Das ist doch nicht sauber, woher hast du das viele Geld? Jeder ist angreifbar.

Neue Kleider sind zu teuer

Ohne die Unterstützung der Leute hätten wir kein Internet und keinen Computer mehr. Wir konnten es uns dieses Jahr nur leisten, weil wir Kleider und Gutscheine erhielten. Je grösser die Mädchen werden, desto schwieriger wird es, im Brocki oder an einer Börse Kleider zu finden. Wir hätten auch die gesunde Ernährung aufgeben müssen und Ausflüge wären nicht dringelegen. Kleider sind so teuer. Anderes ist meist dringender: ein neues Duvet, ein neuer Staubsauger. Ohne diese tollen Menschen wärs nicht gegangen, ich bin sehr dankbar.

«Nichts, worauf ich stolz sein kann»

Ja, aufhören zu rauchen wäre gut, ich kann auch rechnen. Aber es ist halt nicht so einfach. Mein Nervensystem ist kaputt, die Ärzte wollen das nicht anschauen. Anderen Leuten geht es vielleicht rosig, aber niemand hat die Garantie, dass es immer so bleibt.

Manchmal fand ich es unheimlich, in der Zeitung zu erscheinen, schliesslich ist es keine schöne Geschichte, nichts, worauf ich stolz sein könnte. Das gab mir ein mulmiges Gefühl, obwohl die Artikel anonym waren. Bekannte haben mich ja dennoch erkannt.

Keine Unterstützung von Eltern

Als Kind kriegte ich keine Unterstützung, immer ging es nur um meine Mutter. Statt dass sie Zuneigung zeigte, machte sie mich für ihre Fehler verantwortlich. Sie hat mir eingebläut, zu arbeiten und Geld zu verdienen, aber sie vergass, dass man dazu eine abgeschlossene Lehre braucht. Und soziale Kontakte. Sie brach sie alle ab, als ich noch ein Kind war. Noch heute, wenn sie einmal pro Jahr anruft, heisst es immer: Du musst, du musst. Und immer ist alles schlecht. Sie hat kein Mitgefühl, sie ist eine kalte Frau. Für mich sind die Eltern gestorben.

Jetzt geht es um die Zukunft meiner Kinder. In fünf Jahren, wenn sie alt genug sind, bin ich zu alt um eine Arbeit zu kriegen. Und wie soll das gehen mit diesen Schmerzen? Dann kommt wahrscheinlich die IV. Geld für eine Weiterbildung habe ich nicht. Ich würde gerne einen Fernkurs in psychologischer Beratung machen – ich bin reich an Erfahrungen diesbezüglich. Für ein Callcenter bin ich nicht gemacht, ich kann doch die Leute nicht anlügen, um ihnen etwas zu verkaufen.

Manchmal gehe ich chatten im Internet, aber es geht immer bloss um Sex dort. Ich habe halt noch immer die Hoffnung, in diesem grossen Heuhaufen die Nadel zu finden. Für eine kostenpflichtige Partnervermittlungsseite will ich kein Geld ausgeben, da rauche ich lieber zwei Zigi mehr pro Tag.»

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