Familien-Interviews
«Ich fände mich in eurer Gesellschaft nicht zurecht»

Gespräch mit der Grosstante: Schwester Anselma über ihre goldene Hochzeit und ihr Leben im Kloster.

Denise Battaglia
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Aargauer Zeitung

Bis zu diesem Interview kannte ich Schwester Anselma nicht wirklich. Wir haben einander zwar an den seltenen Familientreffen bemerkt, gesprochen haben wir aber nicht viel miteinander. Dabei entspricht die 78-Jährige überhaupt nicht dem Bild, das ich mir bislang von einer Nonne gemacht habe: Sie ist sehr sportlich, gesellig, gewitzt und offen.

Beim Abschied haben wir abgemacht, nächsten Sommer gemeinsam in Amden wandern zu gehen.

Schwester Anselma, im Herbst hast du die Goldene Profess gefeiert, das ist so etwas wie die goldene Hochzeit.

Schwester Anselma: Ja, das war ein wahrhaft goldiger Tag. Wir durften unsere Geschwister, unsere Patenkinder und Bekannten einladen. Ich habe an diesem Tag zum letzten Mal meinen Bruder Robert, deinen Grossvater, gesehen, sechs Tage später ist er gestorben.

Wie viele Nonnen konnten dieses Jubiläum feiern?

Von den 20, die vor 50 Jahren das ewige Gelübde abgelegt hatten, feierten 14 die Goldene Profess. Wir haben im Klosters Baldegg unser Gelübde, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben, erneuert. Es war ganz anders als vor 50 Jahren bei der ersten Profess: Damals waren wir euphorisch - auch weil wir nach langer Zeit wieder unsere Eltern und Geschwister sehen durften. Dieses Mal war es feierlich, wir waren reifer und ruhiger. Deine Grosseltern haben übrigens im Kloster übernachtet, das war deinem Grossvater sehr wichtig.

Mein Grossvater war sehr religiös.

Wir sind religiös erzogen worden. Die ganze Familie ging jeden Sonntag zur Kirche, auch am Morgen früh vor dem Schulunterricht fand ein Gottesdienst statt und abends beteten wir jeweils den Rosenkranz. Meine Mutter sagte immer: «Kinder haben das stärkste Gebetsvermögen.» Jeden Morgen, wenn sie die schönen, langen Haare meiner Schwester Hedi zu zwei Zöpfen flocht, sprach sie mit uns ein Morgengebet.

Deine Schwester Hedi ist auch Nonne und heisst Schwester Verona.

Ja, sie feiert nächstes Jahr die Goldene Profess. Sie arbeitet seit 24 Jahren als Krankenschwester und Hebamme in einem Buschspital am Fusse des Kilimandscharo in Tansania. Wir schreiben einander E-Mails.

Warum bist du Nonne geworden?

Ich spürte schon mit 16 Jahren, dass ich ins Kloster gehöre. Der Dorfpfarrer, dem ich mit 19 Jahren zum zweiten Mal diesen Wunsch äusserte, gab mir dann einen Prospekt über die Baldegger Schwestern mit.

Ein Franziskanerorden.

Die Baldegger Schwestern waren auch in Kriessern tätig, wo ich aufwuchs. Ich konnte aber nicht sofort ins Kloster gehen, weil meine Mutter krank wurde und ich für sie sorgen musste. Ich arbeitete in der Versandabteilung der Viskose-Fabrik in Widnau. Als ich 24 Jahre alt war, sagte ich meiner Schwester Hedi, dass ich nun ins Kloster gehe und sie sich um die Mutter kümmern müsse.

In diesem Alter hat man doch anderes im Kopf?

Ich hatte zwischen 20 und 24 Jahren auch zwei kurze Bekanntschaften.

Du hattest dich verliebt?

Ein wenig, ja. Aber ich habe gemerkt, dass das nichts für mich ist, obwohl ich sehr gerne Kinder, eine eigene Familie gehabt hätte.

Warum war das nichts für dich?

Meine Liebe zum Herrgott war einfach stärker als meine Schwärmereien. Ich spürte, dass ich nur Erfüllung finde, wenn ich mein Leben dem Herrgott widme. Auch die Warnung meiner Mutter hielt mich nicht zurück, ins Kloster zu gehen.

Deine Mutter hat dich gewarnt?

Sie sagte: «Du wirst sehen, das Leben im Kloster ist wie eine Ehe. Am Anfang ist alles toll, und dann kommt die Enttäuschung.»

War es so?

Ich hatte am Anfang Probleme: Ich hatte die ersten zwei Jahre furchtbar Heimweh. Ich dachte ein Jahr vor der Profess, dass ich das ewige Gelübde nicht würde ablegen können. Dann war das Heimweh plötzlich weg.

Ist es nicht schwierig, so bescheiden zu leben?

Für die jungen Frauen heute ist es sehr schwierig, so zu leben wie wir. Deshalb finden wir auch keine Nachfolgerinnen mehr. Ich hatte nie Mühe damit, keinen Besitz zu haben. Ich war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, und auch den Lohn, den ich zwischen 20 und 24 Jahren in der Viskose-Fabrik verdiente, musste ich zu Hause abgeben. Als junge Frau ist es zwar manchmal schwer, für jede Reise, jedes Kleidungsstück die Oberin um Geld zu bitten, aber daran gewöhnt man sich. Dafür habe ich nun im Alter einen grossen Vorteil gegenüber alleinstehenden Frauen: Die Gemeinschaft sorgt für mich - bis zu meinem Tod.

Du hast als Novizin die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht.

Ich wollte etwas für die Gemeinschaft tun. Nach meiner Ausbildung schickte mich der Orden ins Spital in Brig. Die Novizenmeisterin hatte mich noch vor den Bergen gewarnt, gesagt, ich solle mich nicht drücken lassen. Ich bin ja im Rheintal aufgewachsen, im Flachland.

Haben dich die Berge gedrückt?

Nein, ich habe mich sofort in die Berge verliebt. Ich bin immer noch viel in den Bergen unterwegs, letzten Sommer war ich auf dem 2008 Meter hohen Speer hier in Amden.

Du bist überhaupt sehr sportlich, gehst langlaufen und fährst Velo.

Ja, mit dem Veloklub Amden.

Du bist Mitglied eines Veloklubs?

Nun, wir nennen uns so. Wir sind fünf Frauen. Die anderen vier Frauen finden es immer amüsant, mit mir eine Velotour zu machen, weil auf der Strasse alle winken, wenn sie eine Nonne auf dem Velo sehen.

Ist das nicht unbequem mit dem Ordenskleid?

Beim Langlaufen trage ich Hosen. Aber mir ist es viel wohler im Kleid.

Du hast mir einmal gesagt, deine zehn Jahre im Spital Brig zwischen 1960 und 1970 seien die schönste Zeit gewesen.

Ja, ich habe geweint, als ich Brig verlassen musste. Ich hing auch an den Kranken. Wir Krankenschwestern hatten eine grosse Verantwortung. Damals gab es noch keine Spitaldirektoren, keine Notfallstation, keine Intensivmedizin. Damals hat man die Infusionen noch ausgekocht. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Arbeitstag als frisch diplomierte Krankenschwester. Da brach in Zermatt gerade Typhus aus.

Die Typhus-Epidemie sorgte in der ganzen Schweiz für Schlagzeilen.

Man brachte 35 Typhus-Kranke in Viehwagen zu uns ins Spital.

Später hast du das Altersheim Leuch-Susten geleitet.

Diese Arbeit hat mir auch sehr gefallen. Vor allem die Invaliden sind mir ans Herz gewachsen. Mit den Alkoholikern war es manchmal schwierig.

Alkoholiker?

Früher waren in den Altersheimen auch Invalide und Alkoholiker untergebracht. Die Alkoholiker mussten wir abends oft in den Restaurants suchen. Manche wurden böse. Zum Glück hatten wir eine Zelle für Bösartige.

Eine Zelle für Bösartige?

Ja, wenn ein Betrunkener zum Beispiel sein Zimmer verwüstete, haben wir ihn in diese Zelle gesteckt.

Habt ihr Schwestern es auch lustig oder betet ihr immer?

Natürlich haben wir es lustig. An der Fasnacht führen wir immer ein Theater hier im Kurhaus auf. Vor fünf Jahren spielte ich die «Tapfere Hannah», das Stück von Gardi . . .

. . . Gardi Hutter, deiner Nichte.

Gardi schickte mir dafür die Kleider der tapferen Hannah. Das war ein Spektakel! Es hat nicht jede Nonne eine so berühmte Nichte.

Bist du ein glücklicher Mensch?

Ja. Ich kann die negativen Erlebnisse gut auf die Seite legen. Ich kämpfe aber im Herbst gegen Schwermut. Dann trinke ich Johanniskraut-Tee.

Beneidest du uns nicht um unsere Freiheiten, um unser Leben?

Nein. Ich fände mich nicht mehr zurecht in dieser Gesellschaft.

Warum?

Es ist so hektisch da draussen. Ihr habt einen anderen Zeitbegriff als wir. Für euch ist eine Hundertstelsekunde im Sport wichtiger als die vielen Jahre, die ein Mensch sich für andere einsetzt. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen einsam sind, sich nicht mehr zuhören. Das merke ich auch bei der Fusspflege. Ich komme mir manchmal vor wie ein Beichtvater.

Was erzählen dir Kurgäste denn?

Von Streit in der Familie, Arbeitslosigkeit und Zukunftsängsten. Und die Frauen scheinen grosse Probleme mit den Männern zu haben.