Sozialhilfe
«Ich bange um die Zukunft von Aarburg»

Gemeinderätin Elisabeth Widmer demissioniert – die Neuorganisation des Sozialdienstes ist für sie nicht mittragbar.

Von Melek Sarikurt-Camci
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Zofinger Tagblatt

«Ich kann die Neuorganisation und den Wiederaufbau des Sozialdienstes unter diesen Bedingungen nicht mittragen», sagt Elisabeth Widmer. Die Aarburger Gemeinderätin (SVP) für Soziales, Schule und Jugend hat ihre Ratskollegen an der letzten Sitzung darüber informiert, dass sie demissioniert. Gedanken über eine Demission habe sie sich schon seit Längerem gemacht. Die neue Ausrichtung der Aarburger Sozialhilfepolitik habe ihren Teil dazu beigetragen, dass sie ihre Entscheidung nun definitiv gefällt habe.

Elisabeth Widmer ist überzeugt, dass schon viel früher die notwendigen Massnahmen hätten ergriffen werden müssen, damit die Gemeinde - vor allem auch im Bereich Soziales - nicht in die prekäre finanzielle Lage manövriert worden wäre, in der sie sich heute befindet. «Die Situation von Aarburg hätte dringend in einem übergeordneten Zusammenhang betrachtet werden müssen, damit von einer nachhaltigen Tragbarkeit der Sozialhilfeausgaben die Rede sein kann», betont sie.

Kein Gehör gefunden

Ein wichtiger Aspekt, der aus ihrer Sicht bei der Planung der Städtliaufwertung nicht beziehungsweise viel zu spät zum Zug gekommen sei, sei das Sozialwesen: «Aarburg ist kein unbeschriebenes Blatt. Unsere Einwohnerinnen und Einwohner sind bereits hier und leben hier. Dementsprechend hätte man alle bestehenden Gegebenheiten, dazu gehört auch die Bevölkerungsstruktur, bereits bei der Planung und Prioritätensetzung mitberücksichtigen müssen», betont die 48-Jährige. Und die Bevölkerung einer Gemeinde beinhalte nun einmal auch sozial schwache Menschen. Insbesondere in Aarburg führten gemäss Widmer die Wohnraum- und Vorortsituation zu einem sehr hohen Anteil an Bedürftigen. Des Weiteren gibt Elisabeth Widmer zu bedenken: «Ein gut geführter Sozialdienst trägt auch sehr viel zur inneren Sicherheit einer Gemeinde bei.» Dies habe sie mehr als einmal beim Gemeinderat vorgebracht und eine übergeordnete Strategie für den Bereich Soziales gefordert, ohne jedoch Gehör zu finden.

Elisabeth Widmer ist überzeugt, dass die Mitarbeitenden der Aarburger Sozialen Dienste, welche ihre Stellen kürzlich gekündigt haben, ihre Aufgaben gut ausgeführt haben: «Regelmässig wurde ihre Arbeit, was die materielle Hilfe anbelangt, auch vom kantonalen Sozialdienst überprüft. Es gab nie etwas zu beanstanden», sagt Widmer und fügt an: «Der Auftrag in Bezug auf die zu leistende Arbeit im Sozialdienst ist klar definiert. Diese wird von den Fachpersonen nach der Gesetzgebung verrichtet - und dies auf eine knallharte, aber faire Weise.»

«90 Prozent der Ausgaben gegeben»

Der Gemeinderat wolle mit der neuen Ausrichtung bei den Sozialen Diensten Geld sparen. «Dabei wird jedoch nicht berücksichtigt, dass zum einen 90 Prozent der Ausgaben gegeben sind; lediglich bei 10 Prozent besteht ein Spielraum, in dem aber Einsparungen nur dann gemacht werden können, wenn es die Umstände zulassen. Zum anderen wird eben dieser Spielraum vom Sozialdienst bereits heute aufs Äusserste genutzt.» Mit dem Wissen um die schlechte finanzielle Situation der Gemeinde sei wo immer möglich bis jetzt die kostengünstigste Variante angestrebt worden, auch beim Personal. Der Fachkenner wisse, dass bei den Sozialen Diensten finanziell nur sehr wenig verändert werden könne.

Sparpotenzial sieht sie daher nicht. Sie geht sogar einen Schritt weiter und prognostiziert, dass Aarburg nun durch den Wiederaufbau der Sozialen Dienste mit erheblichem Mehraufwand zu rechnen haben wird. «Zum einen finanziell, zum anderen in der Beziehungsarbeit, denn mit dem Weggang der drei Mitarbeiterinnen geht auch viel Know-how verloren. Und das unabdingbare Netzwerk mit Partnern muss ebenfalls neu aufgebaut werden.»

Die Gemeinderätin unterstreicht, dass der äusserst komplexe Tätigkeitsbereich der Sozialen Dienste weit über die finanzielle Unterstützung hinausgehe. Dieser beinhalte beispielsweise unter anderem auch das Vormundschaftssekretariat und die Pflegekinderaufsicht. Und was viele nicht wüssten: Ein grosser Teil von den Personen, die von den Sozialen Diensten begleitet oder unterstützt würden, seien Senioren, alleinerziehende Mütter, Flüchtlinge und Kinder.

Soziale Dienste professionalisieren

Damit den stetig steigenden Anforderungen durch die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Soziallandschaft Rechnung getragen werden kann, setzte sich die Gemeinderätin dafür ein, dass der Sozialbereich neu strukturiert und professionalisiert wird. Zu diesem Zweck wurden die Fachgebiete getrennt: «‹Beispiel: die Person, die streng dafür schauen muss, dass der Finanzhaushalt der betreuten Person stimmt, sollte nicht auch die gleiche Person in Vormundschaftsangelegenheiten begleiten müssen, um Rollenkonflikte zu vermeiden.» Mit der neuen Ausrichtung würden diese Fachgebiete wieder vermischt, «da die bestehenden Strukturen offenbar nicht ökonomisch sind.»
Um es auf den Punkt zu bringen: Sie habe in den vergangenen Jahren immer mit Herzblut uneigennützig für Aarburg gekämpft und versucht, noch irgendwie das Ruder umzuschlagen, aber sie habe nun einsehen müssen, dass dieser Effort ein Kampf gegen Windmühlen war.

Aarburg übergeordnet betrachten

Und wie könnte Aarburg aus ihrer Sicht die Kurve noch kriegen? «Die ganze Situation der Gemeinde Aarburg müsste übergeordnet und mit Einbezug der weniger erfreulichen Faktoren betrachtet werden. Die Prioritäten müssten den aktuellen Gegebenheiten entsprechend gesetzt werden», antwortet Widmer und fügt an: «Aber, wenn ich ganz ehrlich sein darf: Ich bange um die Zukunft von Aarburg.»