Kindersitze
Hunderte von Bussen weil Kindersitzli nicht dabei

Seit einem halben Jahr gilt die Kindersitzpflicht für Kinder bis zwölf. Während sich die Empörung bei Sportvereinen gelegt hat, ist die politische Diskussion noch nicht vom Tisch.

Jessica Pfister
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Keystone

Die neue Kindersitzregelung (siehe Box) sorgte bei der Einführung im April für hitzige Diskussionen. Vor allem die Sportvereine reagierten angesichts der logistischen und finanziellen Herausforderung empört. So kritisierte beispielsweise der Fussballverband, Transporte von Juniorenmannschaften würden durch die Kindersitzpflicht unverhältnismässig kompliziert.

So sieht die neue Regel aus

Seit dem 1. April müssen sämtliche Kinder in den Autos besser gesichert werden. Neu gilt der «Sitzli-Zwang» nicht mehr nur für Kinder bis sieben, sondern bis zwölf Jahre respektive bis zu einer Grösse von 150 Zentimetern. Dabei bleibt es den Eltern überlassen, ob sie sich einen Kindersitz anschaffen oder einen Sitzerhöher, der ebenfalls erlaubt ist. Die Regelung entspricht laut Bundesrat einer europäischen Richtlinie, welche einen Bestandteil des Landverkehrsabkommens bildet und daher umgesetzt werden muss. (jep)

Heute, ein halbes Jahr später, haben sich die Vereine weitgehend arrangiert - indem sie die Verantwortung für Kindersitze den Eltern überlassen. So auch der Eishockeyclub Aarau. «Bei uns müssen die Kinder unter 12 ihre eigenen Kindersitze, beziehungsweise den Sitz-Erhöher zum Match mitbringen», sagt Patric With, Stufenleiter der Piccolo-Mannschaft (die Acht bis Zehnjährigen). Für eigene Kindersitze sei kein Budget vorhanden. «Nach anfänglicher Skepsis funktioniert das heute ganz gut.»

Auch beim Fussballverein Solothurn hat man bis jetzt keine negativen Rückmeldungen erhalten. «Normalerweise fahren wir sowieso mit Cars, die dementsprechend ausgerüstet sind», sagt Sekretariatsleiter Marco Begni. Für andere Fälle habe man die Empfehlung rausgegeben, bei der Anreise den Kindersitz mitzunehmen. «Dann trägt das Kind neben der Sporttasche einfach noch den Sitzerhöher unter dem Arm», so Begni.

60 Bussen in Solothurn ausgestellt

Trotz dieser positiven Erfahrungen, gibt es immer wieder Eltern, die sich nicht an die neue Regel halten. Seit April hat beispielsweise der Kanton Solothurn rund 60 Bussen à je 60 Franken wegen Missachtung der Kindersitzpflicht ausgestellt. «Es sind immer etwa gleich viele pro Monat, bis jetzt konnten wir also keinen Rückgang feststellen», sagt Thalia Schweizer, Sprecherin der Kantonspolizei Solothurn.

Über 300 Ordnungsbussen hat die Kantonspolizei Aargau verteilt: «Diese Bussen beinhalten aber sämtliche Kinder, die nicht gemäss den Vorschriften gesichert waren», sagt Mediensprecher Roland Pfister. Gemäss den Erfahrungen der mobilen Polizei, seien praktisch alle Erwachsenen sehr einsichtig.

Im Kanton Zürich haben Polizisten im ersten Monat zehn mal den Bussenblock gezückt - wie viele es heute - ein halbes Jahr später - sind, kann die Kantonspolizei noch nicht beziffern. «Es ist noch zu früh, um Angaben zur Anzahl der ausgestellten Bussen zu machen. Diese fliessen ab nächstem Jahr in die Statistik ein», sagt Sprecherin Silvia Killias.

Und im Kanton Baselland drückt man laut Sprecher Roland Wirz immer noch ein Auge zu. «Wir machen fehlbare Autofahrer zwar auf die neue Kindersitzregelung aufmerksam, büssen aber noch nicht.»

«Regelung muss nochmals überprüft werden»

Beim Bundesamt für Strassen (Astra) bestätigt man, dass die anfängliche Welle der Empörung abgeklungen ist. «Wir erhalten praktische keine Resonanz mehr auf die Kindersitzpflicht», sagt Sprecher Thomas Rohrbach. Man hätte aufgebrachte Eltern vor allem damit beruhigen können, dass die Sitzerhöher relativ günstig zu erwerben sind.» 25 Franken für eine solche Vorrichtung erschien dann den meisten verhältnismässig», so Rohrbach.

Nicht vom Tisch ist laut dem Astra-Sprecher die politische Diskussion. «Im Spätherbst werden in der Verkehrskommission diverse Vorstösse zum Thema behandelt», so Rohrbach. Es könne also durchaus sein, dass das Parlament noch einige Ausnahmen bewilligt oder die Regelung ganz kippt.

Auch für den Appenzeller CVP-Ständerat Ivo Bischofberger, der im März in einer Interpellation eine Ausnahme für Sportvereine gefordert hat, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: «Für mich ist klar, dass die Regelung nach einer gewissen Zeit anhand der gesammelten Erfahrungen nochmals überprüft werden muss.»