Zofingen
Hicks: Verteidigerin kam beschwipst

Ein ungewöhnlicher Vorfall am Bezirksgericht: Die amtliche Verteidigerin eines Angeklagten war nicht verhandlungsfähig. Es gab Anzeichen dafür, dass die Frau stark alkoholisiert war. Die Verhandlung musste verschoben werden.

Nadia Rambaldi
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Bezirksgericht Zofingen

Bezirksgericht Zofingen

Zur Verfügung gestellt

Es ist kurz vor 9 Uhr morgens, das Bezirksgericht Zofingen soll in einem Fall von gewerbs- und bandenmässigem Diebstahl verhandeln. Der Angeklagte, ein 28-jähriger Rumäne, hat mehrere Diebstähle in der Region Zofingen und im Kanton Bern begangen. Seit Januar ist er in Untersuchungshaft. Er wird von einem Polizisten in den Vorraum des Gerichtssaals geführt, wo auch bereits die Berichterstatterin anwesend ist. Dort erwartet sie ein sonderbarer Anblick. Im Vorraum sitzt eine Dame, etwa Mitte 50, im Deuxpièces, in sehr hohen Pumps und schläft.

Der Polizist ist verunsichert und fragt die Dame, ob sie die amtliche Verteidigerin sei. Sie wacht kurz auf, schüttelt den Kopf, und schläft weiter. Der Polizist verlässt den Raum, kommt zurück und weckt die Frau erneut. «Sie sind doch die amtliche Verteidigerin dieses Angeklagten», hakt er nach und erkundigt sich, ob es ihr gut gehe. Sie habe Kreislaufprobleme, entgegnet die Dame und versucht aufzustehen, kann sich aber kaum auf den Beinen halten und stützt sich an der Garderobe. «Haben Sie getrunken?», will der zunehmend verwirrte Polizist wissen, was die Frau aber verneinte.

Er telefoniert und fordert Unterstützung an. Aber auch die hinzugekommene Polizistin kann nicht helfen. Mit einer anscheinend alkoholisierten amtlichen Verteidigerin hat im Bezirksgericht Zofingen noch nie jemand zu tun gehabt. Nach Rücksprache mit dem Gerichtspräsidenten I, Christian Sigg, und Bezirksamtmann Erik Imhof wird die Anwältin in einen anderen Raum gebracht. Laut Gerichtsschreiber versuchte man, einen Alkoholtest durchzuführen, was aber nicht möglich war. Es habe aber Anzeichen dafür gegeben, dass die Frau stark alkoholisiert war.

Mandat wurde ihr entzogen

Ohne verhandlungsfähige Verteidigung konnte die Verhandlung nicht durchgeführt werden. Ihr wurde das Mandat als amtliche Verteidigerin auf der Stelle entzogen. Das Bezirksgericht Zofingen hat bereits einen anderen amtlichen Verteidiger für den Angeklagten gefunden und eingesetzt. Die Verhandlung wurde auf Ende Oktober verschoben. Gerichtspräsident I, Christian Sigg, hat den Vorgang bei der Anwaltskommission des Kantons Aargau gemeldet.

Die Anwaltskommission nimmt zu laufenden Verfahren grundsätzlich keine Stellung. Sie verweist aber auf die ihr zustehenden Disziplinarbefugnisse nach Bundesgesetz. Es sind dies Verwarnung, Verweis, Busse bis 20000 Franken oder ein befristetes oder dauerndes Berufsausübungsverbot.

Die ausserkantonale Anwältin wurde laut Bezirksgericht vom Angeklagten selbst als Verteidigerin vorgeschlagen. Sie habe am Bezirksgericht Zofingen bereits mehrfach Verhandlungen geführt.