Fall Norma Ammann

Gnädinger: «Der Aargau muss langsam aufpassen»

Er hat nur wenig vVerständnis für das verhalten der Behörden im Fall Norma Ammann

Mathias Gnädinger

Er hat nur wenig vVerständnis für das verhalten der Behörden im Fall Norma Ammann

Mathias Gnädinger spielte in dem Film «Sternenberg» eine Erwachsenen, der mit Kindern zur Schule geht. Für ihn ist unverständlich, dass die 35-jährige Norma Ammann in Vordemwald bald nicht mehr in die Primarschule darf.

Er war fast doppelt so alt wie Norma Ammann, als er in einem Dorf zur Schule ging, das nur gerade ein Fünftel der Einwohnerzahl von Vordemwald hat. «Ich habe mich einfach toll gefühlt», erinnert sich Mathias Gnädinger. Klar - er sei Schauspieler.

Klar - er spiele den längst erwachsenen Schüler, «aber ich habe von den Kindern profitiert und sie von mir. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, und das hat mir wahnsinnig gefallen.» Mit dem Fall Norma Ammann ist auch der Film «Sternenberg» wieder in aller Munde. Obwohl nur vordergründige Parallelen bestehen. Zwar drückt im Film von 2004 auch in «Sternenberg» ein Erwachsener die Schulbank mit Primarschülern.

So wie Norma Ammann in Vordemwald. Franz Engi, gespielt von Mathias Gnädinger, allerdings tat es nicht, um schreiben und lesen zu lernen, sondern um die Schülerzahl zu erhöhen, damit die Schule weiterbestehen konnte.

Entscheid nicht nachvollziehbar

«Dieser Tage war eine Nachricht von einem Herrn Ammann aus Vordemwald auf unserem Telefonbeantworter», erzählt Gnädinger. «Er hat ‹Sternenberg› erwähnt, mehr aber nicht. Und ich hab nicht zurückrufen können, weil ich keine Nummer hatte.» Vom Fall Norma Ammann hat Mathias Gnädinger daheim in Stein am Rhein bis Mittwochabend nichts gelesen.

Interessiert hört er von der Geschichte. Als er erfährt, dass die 35-jährige Peruanerin nach dem Willen des Aargauer Bildungsdepartements (BKS) die dritte Klasse in Vordemwald nicht mehr lange besuchen darf, zischt ein leiser Fluch durchs Telefon, gefolgt von einem lauten «Nein, das gibts doch nicht!» in breitem Schaffhauser Dialekt.

«So öppis vo dernäbe»

Gnädinger findet den Entscheid vom BKS «so öppis vo dernäbe - e gwaltigi Dummheit». Er könne das nicht nachvollziehen, fährt Gnädinger fort - schon gar nicht von der Kostenseite her. «Was ist denn das für ein Kanton? Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass ein Stör in einem Weiher in Baden für einen Haifisch gehalten wurde. Und jetzt diese Sache in Vordemwald - der Aargau muss langsam aufpassen , dass er nicht vollends zum Hinterwäldler-Kanton verkommt», sagt er.

Gnädinger - der wuchtige Mann - ist ein «Polteri» mit butterweichem Herz. Denn auf den rauen Klartext an die Adresse des Aargaus kommt er gleich wieder ins Schwärmen über seine Zeit in «Sternenberg». «Klar war gespielt, was im Film zu sehen war. Doch ich habe auch viel geprobt mit den Kindern und dabei erfahren, wie wohltuend und bereichernd ein solcher Austausch zwischen Jung und Alt sein kann. Einmal, ich erinnere mich genau, musste ich die Zahl zwanzigtausend an die Tafel schreiben. Ich erntete schallendes Gelächter, weil ich 20, einen Punkt und drei Nullen anstelle eines Apostrophs geschrieben habe.»

«Die Zeiten haben sich geändert»

In seinem Heimatort Ramsen seien während seiner gesamten Schulzeit immer zwei Klassen zusammen in einem Raum unterrichtet worden, berichtet Gnädinger. «Hätte damals plötzlich eine erwachsene Person mit uns die Schulbank gedrückt, hätten wir bestimmt dumm dreingeschaut.

Offen gesagt, wäre das wohl auch nicht toleriert worden; das Dorf war sehr engstirnig. Aber die Zeiten haben sich in den vergangenen über 50 Jahren doch enorm verändert. Gerade bezüglich Toleranz. Sollte man wenigstens meinen.»

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