Gesundheit
Gesucht: Kinderarzt! Warum Ärzte kleine Patienten ablehnen

Wer sich einmal bei der Suche nach einem Aargauer Kinderarzt die Finger wund telefoniert hat, weiss wie schwierig es ist, einen Pädiater zu finden. Denn: Schweizer Kinderärzte sind nicht nur rar, sondern auch chronisch überlastet.

Vasilije Mustur
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Keystone

Es ist der Albtraum jedes Elternpaares. Das eigene Kind weint. Hat Fieber, Diagnose: krank. Ein Arzt muss her. Das ist mitunter ein schwieriges Unterfangen, denn Recherchen belegen: Kinderärzte sind in der ganzen Schweiz Mangelware. Die wenigen praktizierenden Pädiater sind chronisch überlastet. Die Folge: neue Patienten werden abgewiesen.

Drei Kinderärzte aus den Kantonen Aargau und Zürich erklären der az ausführlich, weshalb auch sie Neupatienten ablehnen müssen. «Ich kann keine neuen Patienten mehr aufnehmen oder dann nur punktuell: Kinder mit speziellen Bedürfnissen, vorbestehenden Leiden, Neugeborenen aus der näheren Umgebung», sagt der Aargauer Kinderarzt Wolfgang Brunschwiler aus Suhr.

Vergebliche Suche nach einem Partner

Im Gespräch mit der az schildert Brunschwiler, wie ihm bei jedem abgewiesenem Kind «das Herz blutet». Andererseits nage der Arbeitsstress an ihm. «Deshalb wäre es schön, wenn wir uns einmal eine Auszeit von sechs Monaten für Fortbildung oder eine Neuorientierung im Beruf gönnen könnten». Zu diesem Zweck machte sich der Mediziner gemeinsam mit seiner Praxispartnerin Christina Etter mit Inseraten in Fachmagazinen auf die Suche nach einem Nachfolger. «Ohne Erfolg».

Ein weiterer Kinderarzt aus Aarau, der namentlich nicht genannt werden möchte, begründet seine restriktive Patientenpolitik so: «Ich bin 62 Jahre alt und werde nicht mehr lang praktizieren. Ausserdem hat sich mein Arbeitspensum in den letzten fünf Jahren um bis zu drei Stunden pro Tag erhöht».

Zeit für Patienten ist wichtiger

Der Kanton Aargau ist nicht der einzige Kanton, der mit Kinderarztmangel zu kämpfen hat. Auch in Zürich ist das Problem sattsam bekannt. «Ich nehme nur noch beschränkt Patienten auf, die in der Region Wallisellen, Brüttisellen und Bassersdorf wohnhaft sind - nicht nur Neugeborene, sondern auch Zuzüger, sowie Familienangehörige von meinen Patienten», bestätigt Pädiater Heinrich Haldi auf Anfrage.

In den Augen von Haldi sei es im Interesse der Patienten, wenn sich der Arzt genügend Zeit für die Kinder nehmen könne und nicht wegen «Patientenüberfluss» von einem zum anderen springen müsse.

Grundversorgung in Gefahr

Als die az die Schweizer Ärztegesellschaft (FMH) mit diesem Missstand konfrontiert, reagiert dieser wenig überrascht. «Wir wissen, dass es in der Schweiz zu wenig Kinderärzte gibt», sagt FMH-Präsident Jacques De Haller. Auch wenn es dem obersten Schweizer Mediziner nicht möglich zu schätzen ist, wie viele Kinderärzte fehlen, ist er jedoch überzeugt: Das Problem wird nicht kleiner, im Gegenteil: «2/3 aller Kinderärzte sind über 50. Das bedeutet, dass die Situation in spätestens 15 Jahren eskalieren wird». Aufgrund des Nachwuchsmangels ist die medizinische Grundversorgung von Kindern in der Schweiz also ernsthaft in Gefahr.

De Haller sieht nur eine Lösung des Problems: «Die Universitäten müssen 20 Prozent mehr Medizinstudenten zulassen». Statt wie bisher ungefähr 1000 sollen bis zu 1250 Medizinstudenten einen Platz an einer Schweizer Fakultät bekommen. De Haller weist indes den Vorwurf zurück, dass dies eine Minderung der Ausbildungsqualität der Ärzte zu Folge hätte: «Selektiert wird weiterhin - aber die Anzahl wird erhöht».

Mehr Schweizer Ärzte ausbilden

Darüber hinaus sei es sozialpolitisch viel klüger, Schweizer Ärzte auszubilden, als anderen Staaten Ärzte abzuwerben. «Abgesehen davon gehört sich das nicht. Deutschland und Osteuropäische Länder haben ihre Ärzte mit teurem Geld ausgebildet und verlieren sie an die Schweiz, nur weil wir nicht bereit sind, mehr Ärzte auszubilden», sagt De Haller.

Derweil sind sich alle von der az angefragten Kinderärzte einig, weshalb der Mangel an Kinderärzten zu eskalieren droht. «Die Erwartungen der Eltern gegenüber den Ärzten haben sich in den letzten 40 Jahren stark verändert. Auf der einen Seite wird viel mehr Aufklärungsarbeit und Diskussionsmöglichkeit verlangt, auf der anderen Seite werden kleine Abweichungen von der Norm kaum mehr toleriert und führen oft zu aufwendigen Abklärungen, weil sich die Eltern ihre Ängste nicht durch einfache Erklärungen und ohne zeit- und kostspielige Abklärungen abbauen lassen», sagt Kinderarzt Heinrich Haldi stellvertretend dazu.

Eltern wollen sofort Resultate sehen

So werde heute seitens der Eltern bei 39 Grad Fieber zu jeder Tages- und Nachtzeit sofort zum Telefon gegriffen, und wenn das Problem nach 24 Stunden noch nicht behoben sei, werde ein Arztbesuch angestrebt, sagt Haldi. Dies habe zur Folge, dass der Kinderarzt nur noch gut die Hälfte der Patienten betreuen könne.

Ein weiterer Grund sieht Haldi in der Feminisierung des Berufes: «Kinderärztinnen arbeiten meist nicht 100 - sondern im Schnitt 50 Prozent. Diesen Bedarf hätte man nur mit mindestens einer Verdoppelung der Auszubildenden decken können».

Spitalärzte verdienen besser

Zuletzt sei der Verdienst in den Spitälern oft besser als in den Praxen. «Es besteht kein finanzielles Risiko, die administrative Arbeit weniger gross, es müssen keine Rechnungen gestellt werden, über die finanziellen Konsequenzen seiner Arbeit am Patienten steht weniger im Vordergrund». Fazit: «Die Arbeit in der Praxis ist zunehmend überreguliert - vom freien Markt ist kaum etwas mehr zu spüren».

Eltern bleiben mit ihren Sorgen auf sich gestellt

Damit bleiben die Eltern mit ihrer Nöten und Sorgen allein. De Haller empfiehlt den Eltern, die Notfallstationen eines Spitals aufzusuchen, wenn sie keinen Kinderarzt finden. «Ich bin mir bewusst, dass dies ein Vielfaches teurer ist, als zum Hausarzt zu gehen». Eine Alternative sieht De Haller nicht.

Kinderarzt Haldi geht einen Schritt weiter und fordert die Eltern auf, Druck auf die Politik auszuüben. «Vielleicht wäre es am besten, wenn sich die abgewiesenen Eltern direkt an die Gesundheitsdirektion ihres Wohnkantons oder an die Direktion des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) in Bern wenden würden». Bei zu vielen Anfragen würden die politischen Stellen realisieren, dass Handlungsbedarf bestehe.