Geschichte im Aargau
Ein Aargauer revolutioniert die Backstuben und wird nun im ersten Band zur «Aargauer Industriegeschichte» gewürdigt

Das Museum Aargau bringt gemeinsam mit NZZ Libro eine neue Buchreihe heraus. Der erste Band, der im Rahmen einer Vernissage vorgestellt wurde, widmet sich der Firmengeschichte der Aarauer Firma F. Aeschbach AG.

Zara Zatti
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Robert Aeschbach, der Enkel von Friedrich Aeschbach mit dem Familienerbstück: Der Knetmaschine «Artofex».

Robert Aeschbach, der Enkel von Friedrich Aeschbach mit dem Familienerbstück: Der Knetmaschine «Artofex».

Foto: Severin Bigler

Der Aargau ist schon lange einer der wichtigsten Industriekantone der Schweiz. Viele Firmen produzieren nach wie vor für den Weltmarkt, andere sind mittlerweile Geschichte. Ihnen widmet das Museum Aargau nun eine Buchreihe unter dem Namen «Aargauer Industriegeschichte».

Den Auftakt macht das Buch zum Unternehmer Friedrich Aeschbach, der 1904 mit seiner türkisfarbenen Knetmaschine «Artofex» einen Welterfolg landete. Am Donnerstag wurde das Buch «Vom Messerschleifer zum Taktgeber im Backgewerbe» in den Räumen der Sonderausstellung «Von Menschen und Maschinen» in Windisch vorgestellt.

Die F. Aeschbach AG war der grösste Arbeitgeber Aaraus

Der Reinacher Friedrich Aeschbach zog 1887 in die aufblühende Industriestadt Aarau. Dort entwickelte der gelernte Schlosser in einer kleinen Werkstatt Geräte wie Brotschneidemaschinen oder Fruchtpressen. Der Betrieb wurde schnell grösser und zügelte ins Aarauer Torfeld. Das Aeschbachquartier und die gleichnamige Halle erinnern noch heute an den Unternehmer. Die Halle wurde zwischenzeitlich als Gastronomie- und Eventlokal benutzt, aktuell steht sie leer.

In der Blütezeit beschäftigte die Maschinenfabrik und Eisengiesserei F. Aeschbach bis zu 300 Mitarbeiter und war zeitweise der grösste Arbeitgeber in Aarau. «Die Geschichte von Friedrich Aeschbach ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte», sagte der Historiker und Autor des ersten Bandes, Manuel Cecilia, an der Vernissage.

Die Aargauer Knetmaschine wurde in Bäckereibetrieben schnell beliebt, weil sie den Mitarbeitern Zeit ersparte und die Produktivität steigern konnte. Einige Jahre nach Erfindung der Teigmaschine expandierte die Firma ins Ausland und hatte später Ableger in London, Mailand und Paris.

Die Maschine musste in einer Nacht- und Nebelaktion geliefert werden

Die Teigknetmaschine erleichterte den Bäckern die Arbeit, verunsicherte aber die Kunden, die handgebackenes Brot wollten.

Die Teigknetmaschine erleichterte den Bäckern die Arbeit, verunsicherte aber die Kunden, die handgebackenes Brot wollten.

Foto: Severin Bigler

Die Knetmaschine «Artofex» schaffte es, die Bewegungen des Bäckers erfolgreich zu imitieren. Dennoch standen die Kunden, besonders in den ländlichen Gebieten, der neuartigen Maschine mit Skepsis gegenüber. So mussten die Maschinen etwa nachts geliefert werden und konnten nur im versteckten Hinterraum arbeiten. Hätten die Kunden erfahren, dass ihr Brot nicht mehr von Händen, sondern von einer Maschine geknetet wurde, wären sie davongelaufen.

Das Misstrauen erinnert an die heutige Situation, in der viele Angst vor der digitalen Revolution haben: «Die F. Aeschbach AG zeigt exemplarisch, dass auch Industriegeschichte von Kontinuität und Wandel geprägt ist», sagte Marco Castellaneta, Direktor von Museum Aargau. «In diesem Sinne ist auch die Geschichte von Friedrich Aeschbach ein Lehrstück für heutige Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich beispielsweise mit der Rolle von Digitalisierung und Robotik auseinandersetzen müssen.»

Gut ein Franken Stundenlohn und 55 Stunden Arbeit pro Woche

Die F. Aeschbach AG konnte sich bis in die 1980er-Jahre halten. 1987 verkauft Friedrich Aeschbach Junior die Firma an die Eichenberger Holding AG. Die neuen Eigentümer verlegen die Produktion nach Gränichen, die Hallen im Torfeld stehen leer. Der Enkel des Firmengründers, Robert Aeschbach, sagte an der Vernissage: «So faszinierend die in diesem Buch beschriebene Lancierung eines neuen Produktes und die Erschliessung einer neuen Branche sind, so werden Produkte mit der Zeit selbstverständlich und gewöhnlich, ihre Märkte gesättigt.»

Der erste Band der Buchreihe «Aargauer Industriegeschichte» widmet sich dem Unternehmer F. Aeschbach und seiner Teigknetmaschine.

Der erste Band der Buchreihe «Aargauer Industriegeschichte» widmet sich dem Unternehmer F. Aeschbach und seiner Teigknetmaschine.

Foto: Severin Bigler

Der nun erschienene Band gewährt neue Einblicke in die F. Aeschbach AG und damit in ein bedeutendes Stück Aargauer Industriegeschichte. Das Buch nimmt den Leser über die Firmengeschichte mit auf eine Reise durch das turbulente 20. Jahrhundert. Als sich die Gewerkschaften im Zuge des Landesstreiks 1918 professionalisierten, organisierte sich auch eine «Gruppe Aeschbach». Ausserdem bietet der Band einen Einblick in das Leben der Arbeiter, die damals für etwas über einen Franken Stundenlohn 55 Stunden die Woche arbeiteten.

Für den ersten Band der Aargauer Industriegeschichte stöberte der Autor im privaten Firmenarchiv. Gefunden wurde so noch nie publiziertes Bildmaterial zum Unternehmer, zur Fabrik, aber auch zur Belegschaft der F. Aeschbach AG. Insgesamt sind drei Bände geplant.