Bildung
Generalsekretär: «Das Bildungsdepartement hat keinen Wasserkopf»

Der Generalsekretär des Bildungsdepartementes, Andreas Schächtele, zur Kritik der aufgeblasenen Verwaltung und den angeblichen «Formularkrieg» in den Schulhäusern.

Hans Fahrländer
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Durch die Revision des Lohndekrets für Lehrpersonen (LDLP) entstehen jährliche Mehrkosten von 47,5 Mio. Franken. Parteien und Verbände rechts der Mitte haben in der Vernehmlassung unisono dasselbe gefordert: Die Mehrkosten müssen kompensiert werden. Zum Beispiel: «Die FDP erwartet im Gegenzug einen radikalen Abbau der in den letzten Jahren explosiv gewachsenen Verwaltung.» Oder die SVP: «Die Bürokratie ist zu reduzieren, möglichst auszumerzen.» Oder die BDP: «Der bürokratische Wasserkopf über der Lehrerschaft ist ständig gewachsen.» Oder: «Der Gewerbeverband macht die Unterstützung für diese Lohnerhöhungen von einem gleichzeitigen massiven Abbau der in den letzten Jahren üppig wuchernden Administration und Bürokratie abhängig.»

Die Kritik hat offenbar zwei Stossrichtungen. Erstens: In der Verwaltung in Aarau sitzen zu viele Leute. Baut man dort Stellen ab, wird Geld für Lehrerlöhne frei. Zweitens: Die Verwaltung produziert zu viel Papier und Vorschriften und behindert dadurch die Arbeit der Lehrpersonen.

Was sagt Andreas Schächtele, Generalsekretär des Departementes für Bildung, Kultur und Sport (BKS), zu diesen Vorwürfen?

Herr Schächtele, was hat Sie bewegt, als Sie lasen, im BKS sei ein Wasserkopf gewachsen?

Andreas Schächtele: Ich habe Verständnis für die Sorge, dass die Verwaltung unverhältnismässig gross wird und sich mit sich selbst zu beschäftigen beginnt. Gleichzeitig habe ich mich auch ein wenig gewundert.

Warum?

Ich weiss nicht, wie gut die Parteien, welche uns eine radikale Abmagerungskur verordnen wollen, die Zahlenverhältnisse kennen. Nehmen wir die Abteilung Volksschule, die grösste im BKS. Die Volksschule Aargau ist ein System, das den Kanton jährlich rund 650 Mio. Franken kostet, inklusive Lehrerlöhne. Der Aufwand, um dieses System zu führen und zu organisieren, macht 22 Mio. Franken aus, also gut 3%. Darin sind beispielsweise auch die Beratungsleistungen des schulpsychologischen Dienstes enthalten. Man vergleiche dazu ein Sozialwerk wie die Krankenkassen: Ihr Verwaltungsaufwand beträgt 8%. Oder die Privatversicherungen: Dort sind es 25%. Der Grossteil der geplanten Lehrer-Lohnerhöhungen, für welche Kompensation gefordert wird, soll in die Volksschule fliessen. Ich frage mich: Wie sollen wir, bei einem gesamten Verwaltungsaufwand von 22 Millionen, Mehrkosten von über 40 Millionen «kompensieren»?

Gibt es Aufwandzahlen auch für die gesamte Bildungsverwaltung?

Da wird es schwierig, es gibt Abgrenzungsprobleme. Rechnen wir die kantonal geführten Mittelschulen zur Bildungsverwaltung? Und wie ist es mit den beiden anderen «Beinen», «Kultur» und «Sport», die beide auch Angebote für die Schule führen? Aber wir sind daran. Wir sind sehr an vergleichenden Analysen, an einem Benchmarking interessiert, zum Beispiel mit anderen Kantonen. Man kann dabei natürlich nicht nur Stellen zählen, sondern muss auch Aufgaben vergleichen. Was wir haben, sind Vergleiche für den gesamten Verwaltungsaufwand der Kantone, gerechnet auf 1000 Einwohner. Der Aargau liegt in dieser Rangliste im hinteren Drittel. Er hat also eine sehr schlanke Verwaltung, und das ist gut so. Hinter ihm liegen fast nur noch Kleinkantone.

Aber es schleckt doch keine Geiss weg: Die Anzahl Stellen in der Abteilung Volksschule ist in den letzten Jahren gestiegen.

Ja. Aber nicht, weil wir uns bequemer eingerichtet haben, sondern vor allem weil es zu Neuunterstellungen kam. So wurde der bereits erwähnte schulpsychologische Dienst in die Abteilung Volksschule integriert. Dadurch kam es von 2007 auf 2008 zu einem Stellensprung von 51 auf 85, im Folgejahr auf 104, im laufenden Jahr gab es eine Reduktion auf 98. Für die Führung und Verwaltung eines Betriebes in der Grösse unserer Volksschule braucht es ein Minimum an Mitarbeitenden. Wenn wir dieses Minimum unterschreiten, entstehen langfristig nicht Minder-, sondern Mehrkosten: Weil das unzureichend geführte System Schaden erleidet. Wir orientieren uns an diesem Minimum.

Betrachten wir noch schnell Ihre eigene Abteilung, das Generalsekretariat. Es ist sozusagen der «Service-Betrieb» des BKS. Es ist ebenfalls gewachsen...

...weil die Aufgaben gewachsen sind. Nehmen wir die Informatik. Hier musste ein ganzes Team aufgebaut werden. Vor 15 Jahren war da noch nichts. Wir leisten übrigens mit diesen Leuten auch Support für die Schulen vor Ort. Aber auch hier gilt: Das Anliegen um Effizienzsteigerung war vorhanden, längst bevor diese politischen Forderungen kamen. So haben wir in den Bereichen Kommunikation und Bildungsstatistik leicht reduziert.

Zum anderen Teil der Vorwürfe. Er lautet: Die Lehrpersonen werden von der Verwaltung geplagt mit Papieren und Befehlen.

Nicht alle Weisungen müssen immer an alle Lehrpersonen durchgereicht werden. Und nicht alles Papier kommt aus dem BKS. Ein Beispiel ist die «externe Schulevaluation»: Einige Schulen erstellten hierfür mehrere dicke Bundesordner. Das war nie verlangt. Wir haben jetzt die Weisung erteilt: nur noch ein schmaler Ordner. Und wir evaluieren neu im 5-Jahres- statt im 4-Jahres-Rhythmus.

Neben «Formularkrieg» ist auch «Sitzungen» ein Schimpfwort in vielen Schulhäusern.

Weil die Ansprüche der Eltern und ihrer Kinder gestiegen sind, ist heute mehr gegenseitige Absprache und Zusammenarbeit nötig. Dem Mehraufwand steht ein Qualitätsgewinn gegenüber. Aber in der Regel müssen nicht alle Lehrpersonen zu einer Sitzung aufgeboten werden, sonst wird das einfach zu viel. Gleichzeitig dürfen die Lehrerinnen und Lehrer nicht den Anspruch haben, bei jedem Detail mitwirken zu können. Die Schulleitungen ihrerseits sollen die Lehrpersonen administrativ entlasten, nicht zusätzlich belasten.

Ein weiteres Schimpfwort: Promotionsverordnung. Verglichen mit dem früheren Zeugnis habe sich die Arbeit vervielfacht.

Das aufwändigere Beurteilungsverfahren geht zurück auf Forderungen von den Eltern – aber auch von der Politik, auch von jenen Parteien, die jetzt Bürokratieabbau fordern. Gewünscht wird eine Leistungsschule, die fordert, misst, vergleicht, benotet, die Noten aber auch erklärt. Das ist ohne Mehraufwand bei den Beurteilungsinstrumenten nicht zu haben. Wenn wir den berechtigten Ansprüchen insbesondere der Eltern nicht genügen, verliert die Volksschule längerfristig an Akzeptanz.

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