Gemeindestudie
Warum haben die Aargauerinnen und Aargauer keine Lust auf kantonale Wahlen?

Eine Neue Studie zeigt: Die Beteiligung an kantonalen Wahlen ist im Kanton Aargau besonders tief. Man könnte meinen, dass die Beteiligung dafür auf Gemeindeebene höher ist. Weit gefehlt, auch da ist der Aargau weit hinten. Aber warum? Eine Spurensuche.

Mathias Küng
Merken
Drucken
Teilen
Alle vier Jahre werben Wahlplakate um Wählerstimmen, hier in Baden.

Alle vier Jahre werben Wahlplakate um Wählerstimmen, hier in Baden.

Sandra Ardizzone

Alle vier Jahre werden die Behörden neu gewählt. Dieses Jahr sind die Gemeinden dran. Letztes Jahr waren es der Grosse Rat und die Regierung. Bei den kantonalen Wahlen fällt im Aargau immer wieder die tiefe Wahlbeteiligung auf – obschon Hunderte von Wahlplakate an Durchfahrtsstrassen und Kreuzungen prangen. Am Nicht-Wissen der Wählerinnen und Wähler kann es also nicht liegen.

Eine in Zürich vorgestellte Gemeindestudie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) von Reto Steiner und Andreas Andreas Ladner bringt jetzt an den Tag, dass die Wahlbeteiligung im Aargau nicht nur gefühlt sehr tief ist. Sie zeigt: Ausser in Glarus ist sie bei kantonalen Wahlen nirgendwo so tief wie im Aargau.

Nun ist nicht ganz klar, wie die gesamtschweizerisch tiefen Beteiligungswerte zu interpretieren sind. Einerseits können sie Ausdruck von Unzufriedenheit mit dem politischen Angebot und dem politischen System schlechthin sein, andererseits aber auch als Indiz dafür gelten, dass die Betroffenen zufrieden mit dem Bestehenden sind.

Reto Steiner.

Reto Steiner.

Frank Fischer

Mehrere Regionen, ein starkes Zentrum fehlt, das genug ausstrahlen kann

Warum ist die Beteiligung im Aargau so tief? «Eine komplexe Frage ohne eindeutiges Erklärungsmuster», sagt Reto Steiner. Er dachte erst, es könnte einen Bezug dazu geben, dass der Aargau ein einst von Napoleon geschaffener Mediationskanton ist. Da die Beteiligung im Mediationskanton St. Gallen aber markant höher ist, kann es nicht daran liegen. «Meine These ist», so Steiner, «dass der Aargau aus mehreren Regionen besteht, und ein starkes Zentrum fehlt, das genug auszustrahlen vermag, so dass man sich damit auch in entfernten Bezirken identifizieren könnte. Die Nähe des Fricktals zum Zentrum Basel und des Ostaargaus zu Zürich – und damit einhergehend viele Pendlerinnen und Pendler in diese Zentren – ist einer stärkeren Identifikation mit dem Kanton Aargau ebenfalls nicht dienlich.»

Lebendige Parteienlandschaft und starker Wettstreit um die Wählergunst

Anderseits beobachtet Steiner im Aargau eine genauso grosse und lebendige Parteienlandschaft, einen starken Wettstreit um die Wählergunst, und nicht weniger Konflikte als in anderen Kantonen. Steiner sieht aber auch, «dass der Aargau, seine Grösse, seine starke Industrie und weitere Vorzüge vom Rest der Schweiz komplett unterschätzt werden».

Aber wie kommt es, dass der Kanton Wallis als kantonaler Spitzenreiter eine fast doppelt so hohe Wahlbeteiligung aufweist wie der Aargau (vgl. Tabelle). Das sei so zu erklären, dass das Wallis aus zwei Regionen (Ober- und Unterwallis) besteht, die untereinander in starker Konkurrenz stehen, sagt Steiner: Dazu kommt ein grosses Konfliktfeld zwischen CVP/Die Mitte und Liberalen sowie SVP: «Das mobilisiert.» Um wirklich sagen zu können, woher die Unterschiede bei der Beteiligung kommen, müsste man die Bevölkerung direkt befragen.

Thomas Milic

Thomas Milic

ZVG

Beteiligung hängt auch von Verbundenheit mit dem Kanton ab

Studien zeigen, dass die Wahlbeteiligung in katholischen Kantonen höher ist, sagt der Wahlforscher Thomas Milic vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA). Die Beteiligung hänge aber auch von der Verbundenheit und der Identifikation mit dem Kanton ab: «Das wieder ist mit abhängig davon, ob der Kanton historisch gewachsen ist. Im Wallis, in Graubünden oder im Tessin ist die Verwurzelung aus der Geschichte heraus grösser.»

Natürlich ist die Wahlbeteiligung auch von der jeweiligen Wettbewerbssituation abhängig: «Es kommt drauf an», so Milic weiter, «ob man zum Vornherein weiss, wer gewählt wird, oder ob eine echte Konkurrenz besteht, wie 2019, als Jean-Pierre Gallati (SVP), Yvonne Feri (SP) und weitere um einen Regierungssitz kämpften».

Menschen definieren sich hier über ihre Region

Bruno Meier.

Bruno Meier.

Claudio Thoma

Der Historiker Bruno Meier, Verleger zahlreicher Bücher auch zur aargauischen Geschichte, vermutet, die geringe Teilnahme könnte damit zusammenhängen, dass sich die Menschen im Aargau nicht primär über den Kanton sondern über ihre Region definieren, sich also zuerst als Freiämter, Fricktaler, Zofinger oder Badener usw. sehen. Für viele sei der Kanton nicht die wichtigste Ebene.

Tiefe Wahlbeteiligung auch auf Gemeindeebene

Reto Steiner weist darauf hin, dass auch die Wahlbeteiligung auf Gemeindeebene im Schweizer Vergleich mit 42,5 Prozent die fünfttiefste ist. Erstaunt ist er besonders, «weil die aargauischen Gemeinden eine überdurchschnittliche Autonomie haben und man hier deutlich mehr als im schweizweiten Mittel gestalten kann.» Er glaubt, dass auch hier der je nach Gemeinde hohe Anteil an Berufspendlerinnen und -pendlern eine Rolle spielt.

Er beobachtet zudem, dass der Kanton sich bemüht, für die Gemeinden gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Daran könne es also eigentlich nicht liegen. Er beurteilt den Aargau von aussen besehen gar als «lokal sehr reformaktiv». Ein Grund für das unterdurchschnittliche Engagement könnte aber auch darin zu finden sein, dass viele Gemeinden wegen ihrer Kleinheit über die eigene Region hinaus kaum wahrgenommen werden, so Steiner.

In den mittleren Gemeinden fällt man in eine Zwischenzone

Der nationale Trend zeige jedoch, dass die Beteiligung an Wahlen in Kleinstgemeinden relativ hoch sei, weil man sich der Gemeinschaft verpflichtet fühle, und ebenso in den grossen Gemeinden und Städten, weil dort die Machtfülle und mediale Aufmerksamkeit deutlich höher seien. In den mittleren Gemeinden, von denen der Kanton Aargau viele hat, falle man in eine Zwischenzone: «Man hat eine gewisse Anonymität, ist aber nicht am Brennpunkt des Geschehens.»